Das ist mal ein Film, der sich nicht von allein anschauen lässt. Aber was für einer! Debra Graniks -Winter's Bone-, nach der gleichnamigen Novelle von Daniel Woodrell, verlangt dem Zuschauer einiges ab. Wer auf leichte, seichte Unterhaltung steht, bei der man nebenbei auch mal fünf Minuten raus gehen kann, ohne etwas zu verpassen, der sollte lieber die Finger von Graniks preisgekrönter Regiearbeit lassen. Wer allerdings bereit ist, sich auf eine grandiose Story einzulassen, die ein wenig Zeit braucht, um einen mitzunehmen, und dabei zwei Hauptdarstellern zusehen möchte, die atemberaubend gut spielen, dem lege ich -Winter's Bone- ganz nah ans Herz; denn: Genau dort ist der richtige Platz für diesen Film.
Die 17jährige Ree Dolly(Jennifer Lawrence) lebt mit ihrer Familie in den Ozarks von Missouri. Die Gegend ist ärmlich und die Dollys befinden sich ganz unten auf der Erfolgsleiter. Rees Mutter ist psychisch krank und muss gepflegt werden. Dazu muss Ree ihre kleinen Geschwister Ashlee(Ashlee Thompson) und Sonny(Isaiah Stone) erziehen. Rees Vater, Jessup, wird von der Polizei gesucht. Er verdiente sein Geld mit der Herstellung der Droge Crystal. Momentan steht ein Gerichtstermin gegen Jessup an. Als die Polizei Ree mitteilt, dass Jessup auf Kaution frei ist, und er für diese Kaution sein Haus und das Grundstück beliehen hat, wird Ree der Ernst der Lage klar. Wenn Jessup nicht zum Gerichtstermin erscheint, werden Ree und ihre Familie aus dem Haus gejagt. So macht sich das Mädchen auf die Suche nach dem Vater. In der harten, kriminellen Familienstruktur beginnt sie bei ihrem Onkel Teardrop(John Hawkes). Doch der sagt ihr kein Wort. Auch ihre Schwester Gail(Lauren Sweetser) weiß nicht, wo Jessup steckt. Also dringt Ree in entferntere Kreise der Verwandschaft vor. Dort aber wird es gefährlich. Alle scheinen zu wissen, was mit Jessup los ist, aber keiner sagt etwas. Ree muss schnell erkennen, dass das Wissen um Jessups Verbleib gleichbedeutend mit dem eigenen Tod sein kann. Doch das Mädchen gibt den Kampf um ihre Familie nicht auf...
Es dauert schon einen Augenblick, bis der Funke der Story überspringt. Bis dahin muss man ein paar Momente absolut auswegloser Trostlosigkeit über sich ergehen lassen. Dann jedoch packt -Winter's Bone- zu und fesselt einen bis zum Ende. Das liegt zum einen an der hervorragenden Kameraarbeit und einem wunderbaren Drehbuch. Weit größer jedoch ist der Verdienst, den Jennifer Lawrence und John Hawkes zum Gewinn des Film beitragen. Wie diese beiden Mimen eine völlig neue Definition des Begriffs Familie auf die Leinwand zaubern, das ist ohne Wenn und Aber oscarwürdig.
Debra Graniks -Winter's Bone- zeigt die Kehrseite der Medaille des amerikanischen Traums. Rees "American way of Life" ist steinig, hart, entbehrungsreich und scheint keine fremde Hilfe zuzulassen. Ohne ihre Stehaufmännchen-Qualitäten wäre sie hoffnungslos verloren. Granik packt das in beeindruckende Bilder, kommt dabei komplett ohne Soundtrack oder Nebenschauplätze aus. Ree und Teardrop sind der alleinige Focus ihrer Produktion, und den lässt sie keine Sekunde aus dem Auge.
Wie gesagt, einfach wird das nicht. Solange Filme wie dieser noch reichlich Nominierungen für den Oscar und den Golden Globe erhalten, muss einem um den amerikanischen Film nicht bange sein. Jennifer Lawrence, die vom Aussehen her ein wenig an die junge Renee Zellweger erinnert, gewann zudem den Hauptpreis beim Sundance Festival für ihre Darstellung der Ree Dolly. Mich persönlich haben Granik, Lawrence und Hawkes jedenfalls komplett begeistert.
Sollten sie auf Anspruch, Niveau und handwerklich hervorragende Filmarbeit stehen, notieren sie sich diesen Film ganz oben auf ihrer Liste. Sind sie allerdings ein Freund von schnellen Schnitten und einem entspannten Abend vor der Glotze, dann schieben sie Debra Graniks -Winter's Bone- lieber nicht in ihren Player.