Die vorliegende Aufnahme darf mit Fug und Recht als wegweisende Interpretation der Winterreise bezeichnet werden. Mit klarer Diktion trägt Olaf Bär die Gedichte Wilhelm Müllers, die Schubert kongenial in Noten setzte, vor. Dabei tariert er wunderbar aus zwischen dramatischer Ausgestaltung und deklamatorischem Vortrag. Und er nimmt sich Zeit. Bereits im ersten Stück (Gute Nacht), in dem der thematische Wanderer Abschied nimmt von Liebe und Hoffnung, gönnt Olaf Bär sich viel Zeit, Zeit, die sich auch der Wanderer genommen haben mag, bevor er sich in das Niemandsland seiner hoffnungslosen Wanderschaft begab. Die wenigen Stücke, die schnell vorzutragen sind, bekommen im Kontrast den rasend-drängenden Charakter, den die Wanderschaft mitunter annimmt, bevor sie reflektiv-besinnlich wieder in ruhigeren Schritt verfällt. Olaf Bär lässt sowohl Text als auch Meldodielinie wie selbstverständlich entstehen, ohne jede Aufgeregheit, ohne jeden falschen Pathos. Die vorliegende Aufnahme ist Liedkunst in Vollendung, stets auf der Seite der Kunst und des Liedes. Ohne jede Selbstgefälligkeit, ohne Aufdringlichkeit, fern von aller Opernhaftigkeit. Auch nach gut zwanzig Jahren bleibt sie eine Referenz unter den zahlosen Einspielungen der Winterreise.