Franz Schubert "Winterreise" ist eine Ikone des Liedgesangs und der abendländischen Musikkultur. Nach Hans Zenders hervorragender Neu- und Nachschöpfung des Werks liegt eine weitere Auslegung der subversiven Komposition, diesmal für weibliche Singstimme und Drehleier, vor. Da - wie bei Zender - der Grundcharakter der Musik Schuberts nicht verändert wurde, ist nach den Besonderheiten und Vorzügen dieser Interpretation zu fragen. Wilhelm Müllers Innenwelt-Drama eines unbehausten Menschen ist kein Sujet, auf das man sich im Vorbeigehen einlässt. Der Wanderer, der auf der verzweifelten und vergeblichen Suche nach Trost und Geborgenheit existentiellen Schmerz erfährt und sich in Todessehnsucht verliert, ist zwar eine durchweg romantische Figur, die dennoch zeitlos geblieben ist.
Durch die minimalistische Fassung für Singstimme und Drehleier rückt der Liedtext stärker und intensiver in den Vordergrund als bei einer klassischen Interpretation, er wird zwingender herausgeschält. Demzufolge wartet man auf "Andacht" im konventionellen Sinne vergeblich. Das liegt daran, dass eine Drehleier die Singstimme nicht wie ein Klavier stützen kann -: Singstimme und Drehleier müssen sich mitunter gegenseitig stützen und vereinen, was ein völlig neuer Ansatz ist. Zweifel sind also angebracht, ob vollgültige Klavierakkorde derart reduziert werden können. Für den (hervorragenden) Drehleier-Spieler musste schlüssig und klar sein, wo Schubert eine bestimmte Empfindung wollte, ein Forte, eine Stimmung, wo den reinen oder wo einen kompakten Klang, um das auf sein Instrument und die Vortragsweise umzubrechen. Für mich persönlich ist es ihm vortrefflich gelungen.
Belcanto erwartet man vergeblich, denn die Sängerin trägt nicht im klassischen Gestus des Liedgesangs vor. Die Stimme klingt gut und ist gut, aber der Vortrag ist letztendlich der einer Bänkelsängerin oder reisenden Musikantin, die in ein mittelalterliches Stadtbild und seine Atmosphäre passt und den Menschen auf kleinen Plätzen und in stillen Winkeln von der, eben dieser Winterreise erzählt. Dahinter steht eine geistige und emotonale Durchdringung nicht nur der Musik Schuberts, sondern auch der neuen Absicht der musikalischen Idee und ihres Vortrags als solchem - und das ist mit jeder Liedzeile spürbar.
Eine Neuentdeckung die lohnt und der man sich unvoreingenommen und aufgeschlossen nähern sollte. Nichts für Schubert-Romantiker. Aber für Schubert.