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Dieser Anziehungskraft nicht entziehen konnten sich zum wiederholten Male der Bariton Matthias Goerne und der Pianist Alfred Brendel, die auf dieser CD live aus der Wigmore Hall in London zu hören sind. Dass sich die jüngere Generation (Matthias Goerne) und die ältere (Alfred Brendel) gut ergänzen, ja dass sie exzellent miteinander harmonieren, beweist diese Aufnahme von der ersten bis zur letzen Sekunde. Jeder Akzent sitzt, die Fermaten absolut plausibel, die Dynamik bis ins Detail durchdacht und das Zusammen- und Gegeneinanderspiel wird auf höchstem Niveau praktiziert.
Mit "Gute Nacht" wird die Winterreise eher ruhig und zurückhaltend eröffnet. Alfred Brendel begleitet fließend, Matthias Goerne trumpft bereits hier mit perfektem Legato und einer außergewöhnlichen Pianokultur auf. Sein Edelknödel ist Geschmackssache, wird aber bei dieser im Gesamten begeisternden Interpretation schnell vergessen. Der "Lindenbaum" wird durch den ruhigen Gesang, "Die Post" durch die herrlich akzentuierte Begleitung zum Erlebnis. Zum reinen Gesangsduett wird "Die Krähe": Alfred Brendel lässt das Klavier in dieser unheimlich melancholischen Schilderung richtig gehend mitsingen. "Mut" wird zur zynischen Abrechnung, "Der Leiermann" zum abgrundtiefen, hoffnungslosen Résumé.
Auf dieser CD ist die Winterreise in einer wohl überlegten, künstlerisch hochstehenden und ergreifenden Interpretation festgehalten. --Rudolf Kamm
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Matthias Goerne: "Der Leiermann an ihrem Ende ist eben nicht der Tod, auch wenn er oft fälschlicherweise mit dem Sensenmann in Verbindung gebracht wird. Die Winterreise hat für mich einen offenen Schluss. Ihr Protagonist ist nicht so fanatisch wie der Müllersbursche [in der "Schönen Müllerin"]. Er begehrt auf, findet dann aber zu einer abgeklärten Sicht aufs Leben."
Es sind nicht die vordergründigen theatralischen Effekte, die die Interpreten suchen: Anders als das Coverfoto suggerieren könnte, führen die beiden keine Minioper auf sondern zelebrierenn eine intime und fein austarierte Liedinterepretation. Die Textgestaltung ist bei ihnen ein Mehr zur Melodielinie, zerstört diese jedoch nie. Abrupte Wechsel in der Lautstärke werden von Goerne mit Lust ausgesungen aber nie geflüstert oder geschrien("Irrlicht", "Rast"). So zum Zerreißen gespannt habe ich den "Frühlingstraum" selten gehört.
Heraus kommt eine berückend schöne Interpretatation des Zyklus, die in ihrer Ausgewogenheit einzigartig ist: Sänger und Pianist lassen "ihren" Wanderer nicht in Hoffnungslosigkeit versinken, aus der ihn auch kurze Lichtblicke nicht befreien können. Sie lassen ihn auch diese Hoffnungsschimmer auskosten ("Post"). Man muss genau hinhören bei dieser "Winterreise". In Liedern wie "Der greise Kopf", "Die Krähe" oder "Täuschung" wird gewissermaßen offen gelassen, ob der Held jetzt aus seiner Todessehnsucht und seinem Selbstmitleid gerissen wird oder ob im Gegenteil ein zarter Funken von Optimus gleich wieder im Keim erstickt wird:
Ein letzter Rest an Interpretation wird dem Zuhörer überlassen.
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