Beim Erscheinen dieser CD hatten viele Kritiker die Nase gerümpft, weil es damals noch nicht so üblich war, dass auch eine Frau diesen Zyklus interpretieren könnte. Warum aber nicht, wenn sie etwas zu sagen hat.
Und Brigitte Fassbaender hat, hervorragend begleitet vom Komponisten A. Reimann, sehr viel zu sagen - und zwar sehr Eigenständiges.
Ihre Winterreise hat viel Anklagendes gegenüber einer Gesellschaft, die den Protagonisten der Winterreise ganz offenkundig ausgrenzt - oder aber er fühlt sich zumindest so. Viele Lieder erhalten so eine scharfe Note und eine ganz andere Dramatik als die, wenn der Zyklus mehr als Reise hin zum Tod interpretiert wird. Diese Interpretationhaltung wird sehr konsequent durchgehalten und ist in sich völlig schlüssig.
Frau Fassbaender scheut auch nicht vor "häßlichen" Tönen zurück, setzt diese als Interpretationsmittel ein, um die trostlose Situation des Wanderers darzustellen. Der aber immer noch aufbegehrt und im "Leiermann" vielleicht einen Gleichgesinnten finden könnte - dann würden sich immerhin zwei Ausgestoßene finden und einen Teil ihres Weges weitergehen.
Als Erweiterung der großen Interpretationen (Hotter, Fischer-Dieskau, Pears, Goerne - um einige der Wichtigsten zu nennen) sehr willkommen.