Dass Dietrich Fischer-Dieskau der bedeutendste Lied-Sänger des 20. Jahrhunderts war, bestreiten selbst seine schärfsten Kritiker nicht. Und bei keinem anderen Werk ist er so sehr der Maßstab wie bei Schuberts Winterreise: Seit 1948 hat er sie bis zu seinem Rückzug von der Bühne 1992 fast jedes Jahr einmal aufgenommen - man kann also seine interpretatorische und stimmliche Entwicklung an diesem Werk durchgehend nachvollziehen.
Diese Aufnahme - die zweite Studioeinspielung mit Gerald Moore als Begleiter - entstand 1971 im Zuge des Mammut-Projekts, alle Schubert-Lieder für Männerstimme einzuspielen. Nicht jede Aufnahme aus dieser Sammlung ist so gelungen wie diese Winterreise, die für mich zu den besten des Werkes überhaupt gehört:
Fie-Dies Bariton klingt heller und leichter als in den frühen Aufnahmen, was m. E. dem Charakter der eigentlich für Tenorstimme komponierten Winterreise entgegen kommt. Dass die Stimme gegenüber früheren Aufnahmen an Volumen eingebüßt hat, ist für die Intimität der Lieder kein Nachteil. Seine Interpretation hat der Sänger so verinnerlicht, dass die Lieder (wieder) eine große Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit, eine Spontaneität im Ausdruck bekommen, die die Kritiker dem Sänger so gern abgesprochen haben.
Durch diese Ausdrucksintensität vom ersten Ton an geht allenfalls die Ausdruckssteigerung über die ersten vier Lieder verloren, die der Sänger in früheren Aufnahmen stärker heraus gearbeitet hatte.
Gerald Moore war der vielleicht profilierteste Liedbegleiter des Jahrhunderts - der erste ausgesprochene Spezialist auf diesem Gebiet und bis heute einer der besten. Sein Verständnis mit dem Sänger, mit dem er zwei Jahrzehnte lang zusammen gearbeitet hatte, ist geradezu blind. Bei Aufnahmen mit anderen Pianisten wie Brendel oder Perrahia kann man das Ringen um eine gemeinsame Interpretation erleben - auch eine sehr spannende Erfahrung. Moore und Fischer-Dieskau dagegen bilden eine absolute Einheit.
Ich gebe zu, dass ich bei dieser Aufnahme nicht objektiv sein kann, weil es die erste Winterreise war, die ich je gehört habe. Neben der (derzeit leider als CD nicht lieferbaren) ersten Einspielung der beiden Musiker von 1955 bei der EMI bleibt es bis heute eine meiner Lieblingsaufnahmen.