Auf einem abgelegenen Bauernhof wird frühmorgens kurz vor Weihnachten eine übel zugerichtete Leiche gefunden: Der Mann wurde in den Kopf geschossen und mehrmals mit einem Auto überfahren. Da der Zeuge, der den Toten gefunden hat, dort überhaupt nur hinkam, da sein Auto eine Panne hatte, bittet er telefonisch seine Nachbarin Seja, ihn abzuholen und benachrichtigt die Polizei.
Als das Team um Kommissar Christian Tell die Ermittlungen aufnimmt und die Befragungen von Zeugen beginnen, behauptet Seja auf einmal, sie sei dabei gewesen, als ihr Nachbar den Toten gefunden habe. Nun, das fliegt schnell als Lüge auf, aber warum hat sie das überhaupt behauptet?
Die Polizei findet so recht keinen Reim darauf, was da geschehen sein mag, es gibt weder in der Vergangenheit noch in der jetzigen Beziehung von Lars Waltz - so hieß der Tote - irgendwelche Anzeichen dafür, warum ihm jemand nach dem Leben trachten sollte. Auf einer Weihnachtsfeier erfährt Kommissar Tell jedoch zufällig, dass in einem anderem Bezirk jemand auf die gleiche Weise umgebracht wurde, und nun gibt es endlich Anhaltspunkte, wo mit der Suche nach dem Mörder begonnen werden kann. Trotzdem geraten die Ermittlungen weiterhin ins Stocken ...
In zunächst kurzen, dann immer länger werdenden Einschüben erfährt der Leser von My, einem Mädchen, das ca. 15 Jahre zuvor von zuhause weggegangen ist, um in einer abgelegenen Gegend in einer Art Internat ihren Abschluss zu machen. Zunächst ist unverständlich, was diese Einschübe mit den jetzigen Morden zu tun haben, aber dass es etwas bedeuten muss, ist klar. Die Morde scheinen also ihre Ursache in tief in der Vergangenheit liegenden Ereignissen zu haben. Aber nur nach und nach werden dem Leser diese kleinen Bröckchen serviert, sodass zumindest ich lange im Dunkeln getappt habe, worum es eigentlich geht, obwohl ich eine Ahnung hatte. In der zweiten Romanhälfte spielen diese Einschübe eine immer größere Rolle, es geht um Schuld und um Abhängigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Innerhalb weniger Tage habe ich diesen Roman gelesen, der sich vor allem durch eine interessante Figurenzeichnung und einen stringenten Handlungsfortgang auszeichnet. Der Kommissar Christian Tell wird vor allem auch als Privatmensch beschrieben, der nicht ohne Fehler ist und was ihn durchaus sympathisch macht. Aber auch die anderen Mitglieder des Teams bekommen Kontur und wirken nicht eindimensional: Da ist der junge, aber ehrgeizige Michael Gonzales mit Migrationshintergrund, die sich zwischen Familie und Beruf aufreibende Karin Beckman und nicht zuletzt Tells Chefin: Ann-Christine Östergren. Denn obwohl die eigentliche Handlung eher schleppend ist, wird es wegen dieser mal mehr oder weniger sympathischen Charaktere, die auch untereinander in ganz unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, nie langweilig.
Obwohl die Autorin einen guten Blick für Details hat, verliert sich die Handlung nicht in Nebensächlichkeiten. Der Erzählstil zeichnet sich aus durch sachliche Beschreibungen, die gelegentlich etwas distanziert wirken, was sich manchmal auch ein wenig auf die Figuren auswirkt. Christian Tell geht zwar eine Beziehung ein und hat auch ansonsten so seine kleinen Problemchen, aber trotz aller guten Beschreibungen kommt er mir nicht richtig nah.
Gut ist wiederum, dass der Leser nie mit ermittlungstechnischen Details oder blutigen Beschreibungen der Mordopfer abgeschreckt wird. Obwohl die Ermittlungsarbeit der Polizei hier durchaus glaubwürdig rüberkommt, nimmt sie dennoch nicht zuviel Raum ein.
Alles in allem ist dies eine gelungende Mischung aus Spannung, kriminalistischer Arbeit und gut angelegten Charakteren, ein bodenständiger Krimi einer jungen schwedischen Autorin. Sofern es Nachfolgebände mit diesem interessanten Team um Christian Tell geben sollte, werde ich diese auf jeden Fall weiterverfolgen. Also: Bitte mehr davon!