Man kann das Werk gewissermaßen doppelt bewerten: als Krimi und als NS-Drama. Als Krimi erfüllt es, was Spannung und Erkenntnisfortschritt anbelangt, eigentlich all das, was man sich von dieser Gattung erhofft. Es war-zumindest f. mich- nicht leicht durchschaubar. Natürlich weiß man druch die Rückblicke auf Sofias Zwangsarbeiterschicksal, dass die Verbrechen mit ihr in Zusammenhang stehen, aber deswegen ahnt man natürlich noch lange nicht, wer denn nun der Täter ist.Und die einzelnen Erkenntnisse, die über den unsympathischen Winklerklan zu Tage treten, sind über die Geschichte hinweg gut verteilt; soll heißen, man wird nicht mit allen Neuigkeiten auf einmal konfrontiert, sondern kann -als Leser-am regelmäßigen Erkenntnisfortschritt der Polizei u. Staatsanwaltschaft teilhaben und sich so seine Gedanken machen. Als NS-Drama ist es fast noch interessanter als als Krimi, besonders das Ende, also Denisens Reaktion, ist wirklich überraschend und bewegend.Der moralische Konflikt ist hier besonders interessant, es geht um Selbstjustiz, um Kollektivschuld, um die Frage, ob man die Nachfahren v. Verbrechern für deren Taten verantwortlich machen kann (kann man natürlich nicht), darum, in welchem Ausmaß man -als ein eigentlich ein normales Leben führender Nachgeborener wie Denise-Verständnis für den Rachefeldzug des Polen haben kann, sollte oder muss, und vor allem wird überzeugend gezeigt, wie Gewalt Gewalt auslöst. Es gibt weder böse noch gute Leute, die einzigen, mit denen man wohl wirklich kein Mitleid haben muss, sind am Ende die ermordete Henriette und deren schon längst verstorbener Mann, die beide, zumindest durch die Justiz, nie für ihre Verbrechen verantwortlich gemacht worden. Aber bei den anderen beiden, die im Laufe der Geschichte Schuld auf sich laden, Mateci und Denise, ist die Sache moralisch natürlich wesentlich komplexer, und es ist einfach schrecklich, wie das Leben dieser beiden und das ihrer Familien durch ein ungesühntes, sechzig Jahre zurückliegendes Verbrechen zerstört wird.
Ansonsten sind mir zwar einige komische Sachen aufgefallen, die ein wenig unlogisch anmuten: So wird-glaube ich- zweimal erwähnt, dass Henriette Winkler 1931 schon der NSDAP beigetreten sein soll-die Geschichte spielt 2005, da ist die alte Nazisse bekanntlich 85 Jahre alt, sie ist also 1920, vielleicht 1919 geboren. Demzufolge ist sie 1931 erst 12 oder 11 Jahre alt gewesen, und kann somit ja wohl nicht Mitglied der Partei geworden sein (?). Auch beim Alter dieser Krankenschwester, die von Winklers für ihr Schweigen bezahlt wurde, gibt es einige mathematische Ungereimtheiten, obwohl ich die jetzt gerade nicht genau benennen kann. Aber man sollte hier nicht zu penibel sein, der emotionalen Kraft der Geschichte tut das keinen Abbruch.