Definitionssache von Raik Thorstad
24. Dezember
Freunde, es geht mir schlecht.
Mein Körper weiß, dass in zwei Stunden Feierabend ist. Die Bakterien und Viren laden zum gemütlichen Kuscheln in den Ruinen meines Immunsystems ein. Die Nacht war ein Albtraum. Wer nicht durch die Nase atmen kann, hat einen trockenen Mund. Wer einen trockenen Mund hat, muss trinken. Wer niemanden hat, der die Wasserflaschen auswechselt, muss selbst aufstehen. Aber das macht nichts, weil man eh dauernd pinkeln muss. Dazu der Tanz mit der abwechselnd zu warmen oder zu kalten, da verschwitzten Bettdecke, der Wiegeschritt zwischen Schüttelfrost und Verglühen. Ich habe nicht geschlafen, nicht gefrühstückt und kann knapp 39 Grad Fieber aufweisen. Mein Hals ist geschwollen und Husten schmerzt in der Brust.
Ich kann nicht mehr. Ich weiß, das habe ich gestern auch schon gesagt. Aber heute ist es wirklich schlimm um mich bestellt.
Ein Wort zum Thema kranke Männer: Ja, wir sind viel empfindlicher als die weibliche Hälfte der Bevölkerung, die sich tapfer durch PMS und Schwangerschaften schlägt. Wir sind Jammerlappen. Wir markieren den unerschütterlichen Hengst, und sobald wir eine verstopfte Nase haben, liegen wir stöhnend auf dem Sofa und wollen unser Testament aufsetzen. Natürlich ist das von außen betrachtet lächerlich. Aber das ändert nichts daran, dass es uns dreckig geht und wir Schmerzen und Krankheit weitaus schlechter erdulden können als unsere Schwestern, Mütter und Töchter. Warum die Natur das auf diese Weise eingerichtet hat, ist mir ehrlich gesagt egal. Ich weiß nur, dass ich in mein Bett will. Punkt.
Der einzige Grund, warum ich nicht das Handtuch schmeiße, ist, dass wir uns alle wie Schlafwandler durch das Geschäft bewegen. Selbst Maren ist geblieben, obwohl sie kaum noch etwas hört. Mittelohrentzündung nehme ich an. Sie packt Geschenke ein, ich kassiere. Es ist die Hölle auf Erden und hat mit Weihnachten so viel gemein wie ich mit einem Pantoffeltierchen.
Mir ist nicht einmal die Energie geblieben, mich über Last-Minute-Kunden aufzuregen. Meine Müdigkeit hat einen Punkt erreicht, an dem ich mich wie auf Wolken bewege. Ab und an pikst es in meinem Kopf und mir wird bewusst, dass ich so ausgelaugt bin, dass es schmerzt. Dann kehrt die Watte an ihren Platz zurück und ich schwebe mit ihr durch den Morgen des Heiligabends.
Es ist 12.34 Uhr, als Dirk kommt, um das Buch für seine Mutter abzuholen. Ich weiß es auf die Minute genau, da ich meine Armbanduhr nicht aus den Augen lasse. Sie liegt auf dem Kassentisch neben dem Plätzchenkorb, den eine gute Kundin uns als Dankeschön vorbeigebracht hat, weil wir ... ich schweife ab.
Sogar Dirks Erscheinen ist mir nahezu gleichgültig, was viel über meinen gesundheitlichen Zustand aussagt. Ich freue mich für ihn, dass Kati ihr Versprechen wahrgemacht hat. Doch hier und heute ist er in erster Linie ein Kunde, für den ich meine bleischweren Finger an den Scanner heben muss.
„Wow, du siehst ja beschissen aus“, haut er mir um die Ohren. Dieser Satz gehört auf die Liste von Dingen, die niemand gern über sich hört. Schon gar nicht von einem Mann wie Dirk.
Er unterzieht mich einer strengen Musterung: „Wie hoch ist das Fieber denn, hm?“
Ich bewege vage die Hand. Er erwartet eh keine Zahlen. Er will mir nur deutlich machen, wie übel ich aussehe.
Während ich seine Bestellung aus dem Regal fische, wird mir schwindelig. Ich muss mich am Brett festhalten, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Für den Bruchteil einer Sekunde ist mir schwarz vor Augen. Glücklicherweise hat das Regal ein Einsehen mit mir und hält meinem Gewicht stand.
Ich reiche das Buch an Maren weiter, die es mit einem erschöpften Lächeln entgegen nimmt. Es ist eigenartig. Ihre Sommersprossen scheinen mir heute zahlreicher als sonst. Meine Wahrnehmung ist trüb und gleichzeitig selten scharf.
Ich schäme mich ein bisschen vor Dirk. Jeder wird krank. Aber nicht jeder sieht dabei aus wie ein aufgeschwemmter Champignon. Ich schon.
„Hast du bald Feierabend? Das ist ja nicht mitanzusehen. Du gehörst ins Bett“, sagt Dirk leise, während er mir seine EC-Karte reicht.
„In einer Stunde und 41 Minuten“, antwortete ich mechanisch. Gleichzeitig sonne ich mich in seinem Interesse an meiner Person. Vielleicht sollte ich öfter krank werden?
Noch eine Stunde und 40 Minuten, korrigiere ich mich innerlich, als der Betrag abgebucht wird und das EC-Gerät summend die Belege ausspuckt. Maren braucht ein wenig länger. Eigentlich könnte Dirk den Platz vor der Kasse räumen und zu ihr gehen, aber er bleibt stehen und beobachtet mich. Ich bin überrascht, wie mild seine Eispickel-Augen sein können. Schließlich schüttelt er langsam den Kopf, als wäre er zu einem Entschluss gekommen, der ihm nicht gefällt. Unerwartet bietet er mir seine Hand an: „Sieh zu, dass du bald nach Hause kommst, damit sich jemand um dich kümmert.“
Ich greife zu. Seine Finger sind wunderbar kühl, sodass ich sie ihm am liebsten klauen und mir auf die Stirn legen würde. Ich denke daran, dass ich gestern Abend meine Mutter angerufen und den Besuch bei meiner Familie abgesagt habe: „Ich fahre heute nicht mehr heim. Nicht bei dem Wetter und mit Fieber.“
„Heim?“, fragt Dirk verwirrt.
„Zu meinem Clan“, erkläre ich. Meine Denkprozesse sind stark verlangsamt. Woher soll Dirk wissen, dass ich Weihnachten in Ermangelung eines festen Partners bei meinen Eltern verbringe?
„Ach so“, nickt er und lässt sich von Maren seinen Einkauf geben. Sie hat die Tüte vergessen, aber er scheint sich nicht daran zu stören. Zusammen mit seiner wunderbaren Hand verschwindet das Buch in seiner Manteltasche. „Na wenigstens musst du dir keine Gedanken über fehlende Geschenke machen.“ Es klingt nicht sarkastisch, eher nach einem Versuch, mich aufzumuntern.
„Hoffentlich freut deine Mutter sich“, erwidere ich mit einem schwachen Lächeln. „Ich wünsche dir frohe Weihnachten.“
„Ich dir auch. Und gute Besserung.“
Es ist ein eigenartiger Abschied. Ich weiß nicht, warum. Er hat etwas Endgültiges, das tief in mein wehleidiges Herzchen schneidet. Jedenfalls ist mir zum Heulen zumute, als er sich abwendet und geht.
Ich hasse Weihnachten.
Feuersteine von Chris P. Rolls
Ihre Augen hatten Aischa gefangengenommen und wollten sie nicht gehen lassen. Dieses besondere Braun zog sie in ihren Bann. Ein warmer Farbton, der Ruhe, Geborgenheit, Sicherheit versprach.
Aischa bemerkte winzige Fältchen an den Augenwinkeln, bewunderte die wundervollen Wimpern, die Tiefe ihrer Augen. Ihr Gesicht war nicht extrem schön, ungeschminkt, die Haut gerötet von der Kälte, ein winziger, gerade verheilter Kratzer am Kinn, schmale Lippen, eine gerade Nase und hellbraunes, weich fallendes Haar. Sie trug einen warmen Mantel, unter dem verschiedene Stoffschichten zu erkennen waren. Nicht ihrer Farbe, sondern vielmehr ihrer wärmenden Funktion wegen ausgewählt und wenig kleidsam. Bedächtig zog sie ihre dicken, dunkelgrünen Handschuhe aus. Schmale Finger mit kurzen Nägeln kamen zum Vorschein, denen man ansehen konnte, dass sie damit arbeitete und sie nicht in einem Manikürsalon behandeln ließ. Um ihre Beine spielte eine Jeans, die zu weit war, um elegant zu sein. Nichts an ihr war besonders auffällig. Bis auf ihre Augen.
„Können Sie Schönheit erkennen, wenn sie Ihnen begegnet?“, fragte sie Frank ernst. Dieser lachte. Mit einer Spur Spott darin – Aischa kannte sein Lachen, welches höflich klang, immer jedoch eine Prise abfällige Häme enthielt. Ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie fühlte sich verunsichert, innerlich bebend und zugleich fasziniert.
„Oh schau, Aischa, hier gibt es Steine zu kaufen“, bemerkte Frank mit demselben Unterton darin. Er hob einen halbierten Stein hoch und musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wirklich Steine.“
Es klang ein wenig ungläubig und Aischa löste ihren Blick von der Verkäuferin und wandte ihn ihrer Ware zu. Frank hielt einen Feuerstein in der Hand. Die typische, weiß-schwarze Kruste umschloss ein dunkel gefärbtes Inneres und erinnerte sie...