Bei Winterkinder handelt es sich um eine äußerst intime Dokumentation über die Vergangenheit eines längst verstorbenen Familienmitgliedes. Dass diese überaus dramatisch und tiefgängig ausfallen kann, mag anhand der vorangeschrittenen Zeit nicht unbedingt schlüssig erscheinen. Der nachhakende Enkel und seine Geschwister haben ihren Großvater nämlich nie kennen gelernt, lediglich ein paar Satzfetzen ("der gute Vater") sind es, die bei der jungen Generation hängen geblieben sind, aber diese genügen dem Enkel und Filmemacher Jens Schanze schon vollkommen, um eine wunderbar intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte in Gang zu setzen. Dass die NS-Zeit dafür ein gewagtes aber auch recht breites Aktionspotential bietet, verwundert weniger als die Tatsache, dass über das Medium Film schließlich eine gemeinsame Sprache gefunden wird, mit dem bislang Unausgesprochenen umzugehen. Die Fragen werden behutsam und sachlich gestellt, häufig vorkommendes Stocken oder gar lähmendes Schweigen gehören dabei genauso zum Dialog wie ausschweifende Anekdoten, die dem Zuschauer bisweilen den Atem stocken lassen. Gerade diese Unfähigkeit, das Unfassbare zu verbalisieren, ist es, was die besondere Atmosphäre des liebevollen aber auch gnadenlosen Filmes ausmachen. Da sagt Schweigen schon mal mehr als tausend Worte und am Ende möchte man sich fast wünschen, in die eigene Familiengeschichte einzudringen, um sich schließlich einmal herzlich umarmen zu können. Ein wirklich gelungenes, etwas mehr privates, dadurch aber nicht weniger politisches Dokument. Fazit: Äußerst emotional, intim und dabei sorgsam inszeniert.
Moviemans Kommentar zur DVD: Fast durchgängiges Rauschen trübt das Bild leicht ein, dabei fallen alle anderen Bildwerte gut aus. Der Ton bekommt für Stereo-Ton in allen Bereichen die Höchstwertung, denn auf die Soundgestaltung wurde viel Wert gelegt. Sie besticht durch Präzision und Klarheit sowie eine wunderbar ausgebaute Kulissenarbeit. Die Extras fallen durch das Interview und die kommentierten entfallenen Szenen sehr hintergründig aus.
Bild: Während die Schärfe auch im Detail (Weihnachtspyramide, 00:03:36), nicht unbedingt hoch konturiert, dabei aber durchaus gut ausfällt, gestalten sich die Kontrast- und Rauschwerte schon etwas bedenklicher. Dunkle Kleidungsstücke weisen des Öfteren weniger Falten- oder Stoffstrukturen auf, da die Schwarzwerte in der natürlichen Beleuchtung stellenweise leicht ineinander verwischen (Jacke, links, 00:11:10). Überbelichtungen fallen nicht ins Gewicht. Rauschen hingegen tritt nicht nur hin und wieder, sondern in zahlreichen Einstellungen auf. Es zieht sich gerne über helle Flächen (Fotografie, 00:21:17 oder Schneefläche, 00:31:16), macht aber auch vor Gesichtern oder kleineren Gegenständen in Detailaufnahmen nicht Halt. Kleinere Artefakte lassen sich zwar ab und zu innerhalb von gemusterten Strukturen ausmachen, fallen aber nicht wirklich negativ ins Gewicht. Auf weiten Himmels- oder Schneeflächen lässt sich selten Blockrauschen ausmachen (Himmel, 00:38:45). Farblich gestaltet sich das Bild sehr natürlich und ausgewogen. Sämtliche Farbtöne sind äußerst nah an die Natur angelegt, überstrahlen weder, noch neigen sie zu matter Blässe (Hautfarbe, 01:20:09 oder Familie, 01:26:50). Ausgewogenheit ist die Regel.
Ton: Der in Stereo vorliegende Ton arbeitet sehr differenziert mit seinen Tonebenen. Einspielungen von Hitler-Reden überkreuzen sich schon zu Anfang mit Straßengeräuschen und stimmungsvollen Soundeffekten (00:01:01), wobei auf eine breite Auslastung der Front geachtet wurde (Autobahn, 00:12:54). Die Lautstärke ist dabei stets gut abgestimmt, so dass die Kulisse die Sprache weder behindert, noch hinter ihr zurück tritt. Ganz im Gegenteil bekommt sie ihre ganz eigene Aufmerksamkeit und wird zu einem integralen Bestandteil des filmischen Geschehens (Windrauschen in den Bäumen, 00:02:05 oder Hundebellen, 00:02:25). Sämtliche sprachlichen Signale fallen klar und deutlich aus, wobei erwähnt werden sollte, dass es sich hauptsächlich ja auch eher um Interviews als Spielszenen handelt, und der Ton häufig getrennt vom Bild aufgenommen wurde. Insgesamt eine saubere, präzise Leistung.
Extras: Die übersichtlich aufgeteilten Extras bestehen aus dem Trailer zum Film (1:19 Min.), einem informativen Interview mit Regisseur Jens Schanze (12:22 Min.), das die Motivation des Regisseurs für die Produktion offen legt und intelligente Fragen bezüglich des Umgangs mit dem heiklen Filmthema beantwortet. Des Weiteren beinhalten die Extras noch geschnittene Szenen, die sich in zwei Teile, den Tunnelsystem Komplex "Riese" (4:50 Min.) und Vater (4:03 Min.) aufgliedern. Obwohl die Auswahl an Extras nicht riesig ist, überzeugt sie durch ihren interessanten Gehalt. Zum Abschluss enthält die DVD noch sechs Trailer als Programmtipps: "Zug des Lebens" (1:41 Min.), "Die Geschichte vom weinenden Kamel" (2:16 Min.), "Nowbody Knows (2:34 Min.), "Darwins Alptraum" (1:57 Min.), "Machuca, mein Freund" (1:19 Min.) und "In This World" (1:42 Min.). --movieman.de