Tja, da les' ich nun einen bayerischen Provinzkrimi... Das Genre "Regionalkrimi" ist mir dabei durch die mittlerweile neun (?) Lippe-Krimis schon geläufig, ich wusste also, was mich erwartet. Dachte ich. Aber das hier ist nochmal ganz was anderes.
Inhaltlich kann ich sagen, dass der Kriminalfall fast wie ein Nebenkriegsschauplatz wirkt. Eher sowas, was die Erzählung zusammenhält, aber nicht irgendwie von besonderer Bedeutungsschwere oder Wichtigkeit wäre. Ein Großteil des Buches wird von den örtlichen Gegebenheiten, dem Miteinander der Dorfbewohner sowie den dienstlichen und privaten Problemen des "Gendarms" bestimmt. Und das mit einem wirklich trockenen Humor. Aber jetzt bitte nicht abwerten deswegen. Ich wohne selbst auf dem Land und habe vieles wiedererkannt. Gut beobachtet einfach, vielleicht hier und da etwas überspitzt, aber immer realistisch. Erschreckend realistisch zum Teil. Vielleicht bin ich da auch im Vorteil: Wer auf dem Land lebt, hat z.B. leicht ein Bild von der Oma, dem Handwerker, dem Wirt vor Augen, da bedarf es keiner seitenlangen Beschreibungen.
Stilistisch würde ich mal behaupten wollen, dass Herr Reich-Ranicki darüber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Soll er doch. Und wie kann man den Stil beschreiben? Klar, einfach, sehr direkt. Ein wenig Mundart ("Lokalkolorit"). Zum Vorlesen durchaus geeignet. Vielleicht sowas wie die "Ligne Claire" des Kriminalromans. Und ich glaube gerne, dass eine Autorenlesung echt ein Erlebnis ist.
Was macht den Reiz des Buchs aus? Ich denke, es ist die richtige Mischung aus Inhalt und Stil gepaart mit einer extragroßen Portion Humor. Ich gebe zu, ich habe zwischendurch beim Lesen laut gelacht. Das ist mir bisher nur bei Scheibenwelt-Romanen, "per Anhalter durch die Galaxis" oder dem einen oder anderen Comic passiert. In Zeiten, wo einen Schweden- oder Dänen-Krimis regelmäßig an die Abgründe menschlichen Verhaltens führen, ist dies eine willkommene Abwechslung im Bereich der Krimis.
Der Umfang der Geschichte ist mit seinen gut 220 Seiten zwar nicht so riesig, aber man könnte auch sagen: nicht unnötig in die Länge gezogen. Passend zum Inhalt halt. Beschränkt aufs Wesentliche. (Wobei das immer Ansichtssache ist.)
Einzig der Preis ist daher ein kleiner Wehrmutstropfen, aber immerhin ist der Verlag nicht so unverschämt, das Buch aufgrund des ausklappbaren Schutzumschlags als "gebunden" zu verkaufen (siehe Pratchetts "Club der unsichtbaren..."). Vielleicht kann man sich das Buch ja auch irgendwo leihen...
Von mir eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die damit leben können, dass der Kriminalfall nicht unbedingt das Wichtigste in einem Krimi ist. Hoffentlich folgt albald ein zweiter, dritter, vierter Fall.
Aber für alle, die ohne die Abgründe menschlichen Verhaltens, viel Blut, Ekel und Spannung nicht können, ist das wohl eher nicht das richtige Buch.