Zum Titel: Wintergewölbe ist ein Friedhofsgebäude. Wenn der Grund zu hart gefroren ist, um ein Grab auszuheben, müssen die Toten in solchen Wintergewölben warten. In Zeiten von Krieg und Vertreibung kann es vorkommen, dass Tote Generationen warten müssen, bis sie ihre Ruhestätte finden." (Soviel zum Titel)
Am Anfang langatmig, langsam, (die ersten 40 Seiten nur beschreibende Schilderung) wir begegnen Jean der Protagonistin und ihrem Mann Avery, die 1964 beginnend gerade frisch in Toronto geheiratet haben. Zum Hintergrund: Avery, englischer Herkunft,Ingenieur, der in Ägypten am Assuan-Staudamm mitarbeitet, um die Überschwemmungen des Nils zu dämmen. Dabei soll der Tempel Abu Simbel 60 Meter höher versetzt werden, damit er nicht vom Wasser beschädigt wird. Eine feinfühlige Beziehung wird geschildert, die vor allem durch den Austausch ihrer Gespräche sich gestaltet, Schauplätze und Handlungsorte sind dabei sowohl Toronto (Geburtsort der Autorin) als auch eben das Delta des Nils und seinem geschichtlichen Hintergrund der Nubier.
Jean, die Pflanzen sammelt, lernt Lucjan kennen, nachdem sie von Avery ein totes Kind geboren hat und sich von ihm immer mehr distanziert. Lucjan, ein polnischen Maler jüdischer Herkunft aus Warschau, erzählt den Wiederaufbau der gleichnamigen Stadt aus den Kriegsjahren, der als Zwölfjähriger die Zerstörung erlebt hat, und berichtet ausführlich von seinen Erinnerungen, auch diese Beziehung lebt aus dem Austausch der Gespräche, Gedanken und innerer Auseinandersetzung, man erlebt förmlich mit, wie dieser Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg vonstatten ging.
Anne Michaels hat einen sehr anspruchsvollen Roman vorgelegt, viele Sprünge, viele Wechsel, wer nicht voll dabei bleibt verliert den Faden. Es geht um Verlust, Vergessen, Liebe, Tod, Erinnern, Leben und Überleben um Zerstörung, Vertreibung, Wiederaufbau und Neuanfang. Zentrum des Romans sind die Gespräche die Jean in beiden Beziehungen führt, was sich durch das ganze Buch zieht, die Sprache etwas melancholisch, nachdenklich, die mit den essentiellen Fragen des Lebens, wo Tod, Verlust und Liebe immer wieder ins Zentrum ihrer inneren Beschäftigung und Fragestellung gelangt.
"Alles was existiert, existiert allein aus dem Verlust heraus", könnte man als eine Kernaussage aus dem Roman heraus nehmen, oder "nur die Liebe kann den Menschen den Tod lehren", um ein wenig einen Geschmack davon zu geben, von was dieser Roman handelt, der so vielschichtig ist, dass er schwer fällt, das Ganze zu etwas Handfestem zu bündeln. Der Roman handelt von unserer Zerstörung unserer Natur, aber eben auch von Menschen die sich suchen und mit ihren Fragen, Erinnerungen, Gefühlen, sich gegenseitig eine Art Orientierung und Austausch, Unterstützung geben, könnte man sagen, wo Fragen und Antworten ans Menschsein gesucht und beantwortet werden wollen, wo der Leser mitgenommen wird, parallel dazu seiner eigene Reflexion Raum zu geben. Wie ein stilles Reflektieren in innere Räume.
Zu was sind wir im Angesicht der Liebe fähig, wenn wir von Verlust und der Hässlichkeit oder der Zerstörung des Lebens uns konfrontiert sehen, ist sicherlich eine der inneren Ausrichtungen von Anne Michaels. Wo stehen wir eigentlich, wenn sich diese beiden grossen "ungewissen" Kräfte gegenüberstehen? (Ob es nun die Naturkräfte (Zerstörung des Delta Gebiets) sind oder ein Krieg (am Beispiel der gezielten Zerstörung von Warschau der deutschen Truppen) , was spielt dass in Zeiten des Verlustes noch für eine Rolle?
Eine anspruchsvolle Sprache, hoch verdichtet, die sich essentiellen Fragen und einer Annäherung an unsichtbare Werte in uns verschrieben hat, das sehr still in uns wirkt und vielleicht gerade deswegen diese Stille in uns anzusprechen vermag. Kein Buch dass man schnell abhaken kann, als ob Anne Michaels sich sehr viel Zeit gelassen hätte (10 Jahre her, seit ihr Erstling
Fluchtstücke einen grossen Erfolg feierte) und man eben als Leser sich auf das hohe Konzentrat, dieser Autorin einlässt eben auch nicht schneller lesen kann. (Zumindest bei mir war das so)
Ein lautloses Buch, das uns als Leser fordert, Verlangsamung erzeugt, eigentlich ein Buch dass man nur langsam lesen und aufnehmen kann,wie einen guten Wein,den man geniessen möchte, dafür aber Anne Michaels Stil in seinem Gehalt umso wertvoller macht. So als ob man beim Verdauen des Gelesenen warten müsste, weil es einfach seine Zeit braucht,bis das von was uns hier die Autorin erzählt, in uns einsinken kann, damit die Kostbarkeit unsichtbarer Werte sich zeigen kann, die Toten, welche in Wintergewölbe warten müssen, bis der Boden wieder aufttaut, müssen das auch.