Neun Kurzgeschichten vereint der Erzählband "Winterfisch", leitmotivisch verbunden durch die Kulisse der Ostsee. Diese zeigt sich in den Erzählungen seltener als idyllischer Urlaubsort, sondern vor allem von ihrer rauen und stürmischen Seite und schafft damit eine eindrucksvolle und stimmige Atmosphäre für die geschilderten Schicksale. Denn die Geschichten, die Sander hier vorlegt, sind keineswegs leichte Lektüre. Der Leser erhält kurze Einblicke in bedrückende Lebenswelten, Momentaufnahmen tragischer Existenzen. Einsamkeit und Verluste, Sehnsucht nach Liebe, Alkoholismus und Drogensucht plagen die Figuren, die an der Ostseeküste umherirren. Dabei wird nie mehr als ein fragmenthafter Ausschnitt dieser Biographien offengelegt; Orte und Charaktere sind nur so weit skizziert, wie es nötig ist; das Ende einer jeden Erzählung bleibt offen. Diese angenehme Zurückhaltung der Texte ist eine ihrer großen Stärken. Es wird nicht gewertet, sondern festgestellt und das lässt dem Leser selbst Raum zum Nachdenken und Weiterspinnen der Geschichten.
Ebenso nüchtern und schnörkellos präsentiert sich Sanders Sprache. Sie erinnert in ihrer Knappheit an den unterkühlten Ton, der den Küstenbewohnern gerne nachgesagt wird und greift so ihrerseits das Leitmotiv der Ostsee auf. Vor allem aber bildet der stoische Stil einen auffälligen Kontrast zu der Tragik des Erzählten, sodass letztere in ihrer Bitterkeit einrucksvoll zur Geltung kommt und sich nicht in übertriebener Sentimentalität verliert.
Diese Abgeklärtheit der Geschichten ist es auch, die es ihnen ermöglicht bei aller Bedrückung nicht ohne Komik zu sein. Immer wieder geraten ihre Figuren in skurrile Situationen, bei denen man ein Lachen schwerlich unterdrücken kann - auch wenn selbst in diesen Momenten der sanfte melancholische Unterton nicht vollends verschwinden mag.
"Winterfisch" ist keine unbeschwerte Strandkorblektüre, aber dafür ein Buch für die verglaste Veranda mit Blick auf eine stürmische See, ein Buch mit viel Tiefgang, das man dennoch in wenigen Stunden verschlingt und das den Leser seltsam berührt (und vielleicht in Grübeleien über sein eigenes Leben) zurücklässt.