Langsam, tut sich was in der Fantasy! Jedenfalls habe ich das Gefühl. Nach Joe Abercrombie und seiner The First Law-Triologie, dessen beide erschienenen Teile ich sehr gerne und freudig überrascht gelesen habe (und erwartungsvoll nach dem dritten, abschließendem Band lechze) hatte ich mir nun als nächstes Winterwende von Brian Ruckley vorgenommen. Und ? Was soll ich sagen? Auch Winterwende/Winterbirth gefällt mir sehr gut!
Wie kommts? Winterwende ist bestimmt kein helles, freundliches Buch in dem die Zwerge, die ollen Orks mal wieder kräftig vermöbeln oder wieder mal ein paar Zufallsbekanntschaften das EINE ARTEFAKTt, welches wieder mal die Welt retten/kann/soll/darf - finden und anwenden müssen.
Nein! Winterwende ist kalt, düster und finster. Hier wird ums Überleben gekämpft. Auf dem Schlachtfeld und im politischen Hick-Hack untereinander. Hier wird den Protagonisten nichts geschenkt. Im Gegenteil. Sogenannte Freunde, haben hier, dass Kaliber von Kollegen, die in anderen Büchern gut und gerne die Bösewichte abgeben würden. Da ist sich keiner richtig grün.
Die Stimmung des Buches geht eher in Richtung George R. R. Martins LIED - was sich allerdings auch in der Namensvielfalt, bzw. deren Länge widerspiegelt. Hier wäre weniger, vielleicht es bisschen besser gewesen - denn sehr übersichtlich ist das nicht.
Brian Ruckley hat sich wirklich Gedanken über seinen Welten-Entwurf gemacht, das merkt man. Es ist schon ziemlich komplex was er uns hier anbietet. Die Politik, Religion, der Fanatismus im Buch hat oft fassbare Bezüge zum heutigen Weltgeschehen. Fremdenhass, Toleranzlosigkeit usw. sind ja alles aktuelle Themen, die sich in Winterwende widerspiegeln ... wenn man es denn sehen möchte.
Aber, auch sonst ist Winterwende bestimmt kein dummes oder gar langweiliges Buch. Brian Ruckley ist nicht auf den Elfen/Trolle/Zwergen Trampelpfad mitgewandert, sondern hat sich eigene intelligente Alternativen gesucht und eine eigenständige Geschichte und somit düstere kalte Welt erschaffen. Eine gottlose Welt. Und so etwas macht mir als Leser viel mehr Spaß, als ständig über verkleidete Adaptionen von Frodo und Co. zu stolpern. Denn vieles was in den letzten Jahren als Fantasy auf den Markt kam (meiner bescheidenen Meinung nach) ... war nichts anders als Nudeln, nur jeden Tag mit einer anderen Soße. Manche machten sich nicht mal die Mühe die Soße zu wechseln. Alles schon tausendmal gelesen. Wirklich ermüdend.
Ruckleys Protagonisten habe allemal das Potenzial sich weiter zu entwickeln. Wohin der Weg sie führen wird ist noch völlig offen. Keiner sollte sich zu sicher fühlen, denn der Grundtenor des Romans ist hart und realistisch. Gefühle, die oft intensiv beschrieben werden, können täuschen und so muss jeder seinen Weg finden mit Enttäuschungen, Verlust, Schmerz und Leid umzugehen um weiter zukommen/bzw. seinen Platz zu behaupten oder zu überleben.
Alles ist noch offen und es würde mich nicht wundern wenn sich wenn in den nächsten zwei Bänden Dinge offenbart würden, die das geschehen plötzlich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Denn bis jetzt handeln alle Akteure, aus ihrer Sicht richtig. Ihre Beweggründe und Motivationen sind klar. Nur hilft die Motivation eines Wolfes, dem Schaf am allerwenigsten, geschweige denn, es könnte sich damit abfinden.
Wenn ich jetzt sehe was an guten Autoren nachwächst, habe ich Hoffnung, dass die Fantasy nicht zu Pop-Corn-Literatur verkommen wird. Lieber strenge ich mich beim lesen etwas an (und wenn ich mich durch ganze Stammbäume mit ellenlangen Namen kämpfen muss) und bekomme dafür neue interessante Ideen und Geschichten erzählt. George R. R. Martin und Steven Erikson waren bestimmt die Vorreiter für diese neue Generation von Autoren, die sich trauen ihre Leser zu fordern.
Winterwende war der erste Teil. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Das Feld ist bestellt (in vielerlei Hinsicht). Warten wir nun mal ab, was uns erwartet. Auf jeden Fall habe ich Brian Ruckley und Joe Abercrombie in Zukunft mit auf der Liste. Und es würde mich freuen wenn noch ein paar neue Autoren dazu kämen.
Winterwende ist nichts für Leser von Mädchen/Märchenfantasy (und das meine ich nicht verächtlich oder diskriminierend. Jeder soll lesen was er möchte und was ihm Spaß macht, klarer Fall). Nur wer strahlende Helden auf starken Rössern erwartet, schmachtende Prinzessinnen und den Hauch von Romantik verspüren möchte und ein Sonnenuntergangs-Happy End erleben möchte, der sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen. Für alle die sich auf neue Ideen (und ellenlange Namen) einlassen möchten und dafür eine Geschichte mit viel Potenzial für die Folgebände lesen möchten ist Winterwende bestimmt ein guter Auftakt eines viel versprechenden neuen Autors.