Neue Zürcher Zeitung
akd. Alabama, Columbus, Kambodscha, Sansibar: fiktive Orte in einer Topographie des Todes. In einem anonym bleibenden Bürgerkriegsgebiet irgendwo in Europa spielt der Roman «Winter im Morgengrauen» des in seiner Heimat bereits mehrfach ausgezeichneten dänischen Autors Jens-Martin Eriksen (geb. 1955). In der Form eines Berichts lässt er den namenlosen Ich-Erzähler, einen Literaturstudenten, der in der Miliz seinen Dienst absolvieren muss und mit seiner Einheit zu «Säuberungsaktionen» unter der Zivilbevölkerung abkommandiert wird, vom Verlust der Unschuld und der Maschinerie der Macht erzählen. Im erinnernden Erzählen, in einer von Zweifeln, Fragen und Reflexionen geprägten Sprache versucht die Hauptfigur, dem Albtraum des Krieges und der eigenen Verstrickung in Schuld, Tod und Vernichtung nachzuspüren. Wie werden normale Menschen zu Mördern? Eriksen versteht es, auf eindrückliche Weise zu schildern, wie die Mechanismen eines autoritären Systems funktionieren und auch die grauenhaftesten Handlungen, in eine euphemistische Sprache gekleidet, rechtfertigen und wie unschuldige Menschen, von diesem System vereinnahmt, in eine Spirale der Gewalt geraten und mit den Worten des Erzählers zu «Akteuren des Todes» werden. Inmitten der Apathie und Verzweiflung, die die Atmosphäre des Lagers beherrscht, in dem sich der Erzähler befindet, gibt es aber immer auch eine leise Stimme der Hoffnung auf die Rückkehr in ein normales Leben nach dem vierwöchigen Kriegsdienst. Überschattet wird diese Hoffnung jedoch von dem Wissen, dass dieses Leben nicht so sein wird wie zuvor, weil alle am Geschehen Beteiligten inzwischen eine andere Identität bekommen haben. «Winter im Morgengrauen» ist eine eindringliche, beklemmende Erzählung über die Anatomie des Bösen und dessen zugleich menschliches Gesicht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2003
Neue Zürcher Zeitung, 15.06.2002
Stern, 29.05.2002
AP, 03.10.2002
Tagesspiegel, 03.11.2002
Kurzbeschreibung
In seinem preisgekrönten Roman schildert Jens-Martin Eriksen, wie die abstrakte und euphemistische Sprache eines autoritären Systems die unmenschlichsten Handlungen hervorruft und rechtfertigt. Er stellt die Schwäche der Menschen dar, die sich bereitwillig instrumentalisieren lassen, wenn man ihnen einmal ihre Individualität genommen hat. Und er beschreibt die Gewaltspirale, die entstehen kann, wenn die Täter gleichzeitig Opfer sind. Winter im Morgengrauen zeigt auf eindringliche und beklemmende Weise das menschliche Gesicht des Bösen.
Über den Autor
Auszug aus Winter im Morgengrauen. Roman. von Jens-Martin Eriksen. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
So wurde gerufen, und der Ruf wurde zu den anderen, den Kontrollposten, weitergegeben. Bis zu Gamma und mir, die die letzten waren. Ich glaube, ich würgte daran, denn Gamma rief, bevor ich es konnte, er rief hart und gut.
Alle Männer dort drüben sollten sich vor uns aufstellen, in der Straßenmitte. Langsam setzte eine Bewegung ein, die sich bis zu uns fortsetzte. Und ich sah, daß sich auch vor uns auf dem Bürgersteig etwas bewegte. Jemand, der in einer Menschentraube stand, mit Einkaufstüten, ein Familienvater, er küßte seine Frau und die Kinder. Und dann trat er zu uns hinaus.
Ich weiß, daß es heuchlerisch klingen mag, wenn ich behaupte, daß ich vor allem Lust hatte zu schreien und dann dieses idiotische Gewehr wegzuwerfen. Schreien, ich hätte um das hier nicht gebeten. Doch es war schon zu spät, ich war nicht mehr nur ich selbst, vielmehr war ich schon einer der anderen geworden. Nicht mehr lediglich eine private, alleinstehende Person, sondern Teil einer Gemeinschaft. So, in der Mittagssonne, streifte mich der Gedanke, daß wir bereits zu spät gekommen waren, um etwas ändern zu können. Zu spät, zu spät ...
Dann schrien einige Frauen uns, Gamma und mir, auf der Straße zu, was wir mit ihren Männern vorhätten? Und genau in dem Augenblick, als die Frauen die Stille durchbrachen, war es, als setzten sie eine ganze Lawine aus Lauten, aus Klagen in Bewegung, als erhebe sich auf dem Bürgersteig eine Welle von Mut. So daß sie alle zusammen winselten, jammerten und schrien. Als entstehe ein Wille. Die Kinder, so konnte ich beobachten, begannen zu weinen, während sie mit den Einkaufstüten neben ihren Müttern standen. Die Alten erhoben ihre Arme zum Himmel, nicht gegen uns, als Drohung, sondern zum Himmel wie zu einem Gebet. Die jüngeren Frauen aber schrien uns zu, was wir mit ihren Männern vorhätten? Was wir eigentlich wollten? Als hätten wir beide, Gamma und ich, ganz freiwillig diese Entscheidung getroffen und sollten uns ihnen gegenüber verantworten. Ihnen Rede und Antwort stehen, als seien wir ganz allein für unsere Taten verantwortlich.
Übersetzt aus dem Dänischen von Jörg Scherzer.