Auf den knapp 350 Seiten dieses wichtigen Buches von Joachim Gauck hält man des Öfteren inne, ist berührt, fassungslos vor Wut, lässt möglicherweise eigene, ähnliche Erinnerungen Revue passieren, so man selbst in der DDR gelebt hat oder deren Insasse war, wie er trefflich formuliert. Doch auch wenn man diese Diktatur nur von außen kannte oder zu jung ist und sie nicht erlebt hat, führt sie der Autor dem Leser konzentriert vor Augen.
Verklärer und Schönredner, Weichzeichner und Verharmloser gibt es mit jedem Nachwendejahr anscheinend mehr, da tut es gut und ist von immenser Wichtigkeit, dass hier jemand frei von populistischen Anwandlungen anhand seiner Biographie noch einmal eine Vielzahl der alltäglichen Repressionen, Unanständigkeiten, Widerwärtigkeiten und die von Grund auf menschenverachtende Struktur dieses Regimes, dieses Überwachungs- und Unrechts-Staates darstellt.
Ich habe "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" nach Erscheinen Ende 2009 nun aus aktuellem Anlaß ein zweites mal gelesen (und vermute, ich werde es in einigen Jahren noch einmal zur Hand nehmen) und stieß neben vielen bemerkenswerten Gedanken vor allem im Schlusskapitel "Freiheit, die ich meine" auf Gedanken Gaucks, die, wie ich hoffe, durch seine Präsidentschaft im kollektiven Bewusstsein unseres Volkes wiederbelebt werden oder überhaupt ganz bewusst Einzug halten und sich verankern.
Dort berichtet Gauck von Erinnerungen an ein Gespräch mit einem in der Freiheit geborenen, der erfahren wollte was ihn, Gauck, treibt. Und er zählte diesem spontan Dinge auf, die der Frager im Grunde sein Leben lang kannte, aber wie er ergriffen am Ende des Gesprächs eingestand, schon lange nicht mehr als Kostbarkeiten wahrgenommen hatte und all das für selbstverständlich nahm.
Aus dem Buch: "Dort wo ich jetzt lebe, gibt es Kostbarkeiten, die dort, wo ich vorher gelebt hatte, nur in schäbigen Resten oder überhaupt nicht existierten.
Wo ich jetzt lebe, möchte ich sein, aber ich kann immerfort auch gehen.
Wo ich jetzt lebe, habe ich durch die Verfassung garantierte Grundrechte: Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, Versammlungsfreiheit, Forschungsfreiheit und Veröffentlichungsfreiheit.
Wo ich jetzt lebe, gründen Menschen Vereine, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Parteien und übernehmen Verantwortung in ihnen.
Wo ich jetzt lebe, gelten Kritik, Diskurs und Dissens als Normalfall der politischen Kultur und nicht als politische Straftat... und seit mehr als sechzig Jahren hat dieses Land kein anderes überfallen und lebt mit allen Nachbarn in Frieden..."
Er fügt dann an, dass er noch weitaus mehr Kostbarkeiten hätte aufzählen können und sein Gegenüber erwiderte, dass er während der Aufzählung unentwegt etwas innerlich zustimmend "Ja, ja, ja" habe sagen hören.
Dieses zustimmende "Ja, ja, ja..." habe ich beim Lesen in mir auch vernommen, an vielen Stellen des Buches, aber in diesem Kapitel ganz intensiv, denn hier führt Joachim Gauck mit klaren, einfachen Worten aus, was uns eigentlich allen bewusst ist. Aber wertschätzen wir es auch? Sind wir uns der Bedeutung wirklich so bewusst und so davon beseelt, dass wir nicht Gefahr laufen zunehmend fahrlässig mit diesen Kostbarkeiten umzugehen?
Ich will nun nicht das große Wort der Dankbarkeit bemühen, aber wenn ich so manche öffentlich geführte Diskussion in der jüngeren Vergangenheit verfolge, nicht zuletzt auch in Bezug auf Joachim Gauck und seine Präsidentschaft, dann will mir das Bewusstsein und das Wertschätzen dieser Kostbarkeiten in weiten Teilen der Gesellschaft gefährdet scheinen.
All das ist nicht selbstverständlich! Den Wert dieser Kostbarkeiten zu betonen und so vielleicht für einige überhaupt wieder in Erinnerung zu rufen, bedeutet deshalb nicht, dass man unserem Gesellschaftsmodell unkritisch und willfährig gegenübersteht, wie einige Kritiker ihm nun gern versuchen zu unterstellen und auf mitunter bestürzend plumpe und infame Art den Versuch unternehmen so wichtige Gedanken umzudeuten.
Die Freiheit gebiert auch Auswüchse, die man nicht hinnehmen kann und wo es uns gelingen muß, diese Irrläufer einzufangen. Aber deshalb ein bewährtes Gesellschaftsmodell am liebsten über den Haufen zu werfen und abzuschaffen, oder um im Sprachbild zu bleiben, die Kostbarkeiten achtlos wegzuwerfen, wäre grober Unfug.
Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen, ich kann einen Menschen von ganzem Herzen lieben, ohne deshalb seine Fehler widerspruchslos hinnehmen zu müssen. Oder wie Gauck es im Buch sagt, wir schaffen doch nicht den Fußballsport ab, nur weil zweifellos einige Spieler foul spielen und sich nicht an die Regeln halten.
Von Joachim Gauck kann man die Freiheit wieder intensiv lieben lernen, dafür ist dieses Buch hervorragend geeignet.
Sehr angenehm an diesem Buch ist neben der Rhetorik auch, dass, worauf der Titel-Zusatz "Erinnerungen" (nicht "Autobiographie") schon dezent hinweist, es sich zwar um durch und durch autobiographische Begebenheiten handelt, der Autor uns aber eine übermäßige Beleuchtung der Privatsphäre erspart.
Joachim Gauck erzählt im Grunde 70 Jahre deutsche Geschichte anhand seiner Biographie und öffnet die Tür zum Privaten nur soweit es nötig ist, um seinen individuellen Weg innerhalb dieser Zeit zu verstehen.
Abschließend will ich einen Gedanken den Joachim Gauck im Buch äußert nicht unerwähnt lassen und ausdrücklich unterschreiben. Er formuliert sein Unverständnis darüber, dass der Satz "Wir sind das Volk!", dieser schönste Satz den die deutsche Geschichte, das deutsche Volk hervorgebracht hat, nicht in jedem Klassenzimmer an der Wand hängt. Gibt es einen schöneren Ausspruch, der den Wert unserer freiheitlichen, pluralistischen, rechtstaatlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung so kurz und so prägnant zum Ausdruck bringt und so unmissverständlich klarmacht, wer der Souverän im Lande ist, der heranwachsenden Schülern das Recht und die Pflicht zur Mitgestaltung vor Augen führt und sie lehrt mündige Bürger zu werden?
Man muß mit Joachim Gauck nicht in allem übereinstimmen, aber seine moralische Integrität und sein Verständnis von Freiheit und der daraus resultierenden Rechte, Pflichten und Verantwortungen sind beispielhaft.
Das Buch ist daher vielleicht gerade seinen Kritikern zu empfehlen.