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Winnetou und ich. Mein wahres Leben
 
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Winnetou und ich. Mein wahres Leben [Gebundene Ausgabe]

Pierre Brice , Theda Krohm-Linke
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Der magische Moment nähert sich ab Seite 230. Seine Agentin hatte ein Angebot aus Deutschland erhalten. Ein deutscher Western!? „Von Karl May hatte ich noch nie etwas gehört, und die Vorstellung, einen Indianerhäuptling zu spielen, fand ich nicht sehr verlockend.“ Der Rest ist (deutsche) Filmgeschichte. Es sollte das Schicksal dieses Mannes sein, ein Leben lang mit seiner Filmfigur identifikatorisch zu verschmelzen. Was empfindlichere Mimen in den künstlerischen Wahnsinn getrieben hätte -- Pierre Brice macht kein Hehl daraus -- die Rolle des Winnetou wurde sinnstiftend für sein Leben. Der Apache war er. Voilà!

Der 1929 in Brest Geborene schildert ein Kindheitsidyll, das mit dem Einmarsch der Deutschen im Sommer 1940 jäh endete. Allen Kriegsgräueln zum Trotz, durfte der 15-Jährige am Busen einer deutschen Übersetzerin den erotischen Startschuss für zahlreiche Amouren genießen. Nach seinem Kampfeinsatz im Indochina-Krieg (seiner schönsten Zeit!), eröffnete in Paris eine diskret als M. A. bezeichnete Theaterschauspielerin dem arbeitslosen Kriegsheimkehrer nicht nur ihr Schlafgemach, sondern auch die Welt des Theaters. Eine vielversprechende Film- und Bühnenkarriere begann.

1962: Das zweite Leben als edle Rothaut beginnt. Freunde der Kultwestern werden jubeln angesichts der detaillierten Hintergrundberichte. Dass allerdings heute „ein rosa gekleideter schwuler Apache“ die hehren Ideale in den Schmutz reitet, erbittert den Ehrenmann, der darüber fast aus dem Sattel gerät. Händeringend beschwört Brice die Werte Karl Mays, den Respekt gegenüber Rassen und Religionen, predigt Toleranz, Liebe, Freundschaft. Sätze, die nicht nur wohl tun. Der Held alter Indianerschule – er ist zutiefst empört.

Ehre, Tapferkeit, Patriotismus, Disziplin. Mantrahaft wiederkehrende Begriffe einer Wertewelt, die bisweilen befremdet. Schließlich war Brice sich nicht zu schade, bis ins Jahr 1997 in den weiten Prärien um Bad Segeberg, sonst eher klassisches Rückzugsgebiet drittklassiger Akteure, seine Paraderolle zu Ende zu reiten. Ein turbulentes Leben, das in die harmlos-heile Kinowelt der Sechziger mündete, als man noch in klarer, reiner Luft ritt. Doch schon warteten Fassbinder & Co. in den Kulissen. Winnetous Welt war bedroht. –Ravi Unger

Kurzbeschreibung

Pierre Brice, ein Star, der für seine Zurückhaltung gegenüber den Medien berühmt ist, schildert sein wahres, sein privates Leben. Von den schönsten Kindheitserinnerungen im Vorkriegs-Frankreich und den prägenden Jahren beim Militär führen seine Erinnerungen zu dem Beginn seiner Karriere als Model und Theaterschauspieler im turbulenten Paris der 60er-Jahre und den wertvollen Erfahrungen, die er als Filmschauspieler in Roms Cinecittá machte. Und schließlich spielt ihm das Schicksal den goldenen Schlüssel zu, der das Tor zum deutschen Film weit aufstößt: die Rolle des Indianerhäuptlings in »Der Schatz im Silbersee«, die seinem Leben die alles entscheidende Wendung gibt. Pierre Brice nimmt uns mit auf eine lange Reise durch seine Erinnerungen: 1929 bis 2004 – das sind 75 Jahre im Spiegel seiner wichtigsten Rolle, erzählt mit echt französischem Charme.

Auszug aus Winnetou und ich von Pierre Brice. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Teil 1
Meine Kindheit und Jugend im Krieg
Pierre, Pierrot, Pierrick –
1944 in Brest

Ich schlage nach einem tiefen, sehr tiefen Schlaf die Augen auf, und mein Blick fällt auf ein beruhigendes Bild: der Schrank meiner Großmutter. Wie oft schon habe ich diesen Schrank betrachtet. Bilder des Friedens, der Ruhe und der Liebe steigen dabei in mir auf. Als Kind war es mein höchstes Glück, wenn meine Eltern mich zur Großmutter brachten. Diesen Schrank sah ich früh am Morgen, wenn ich erwachte, weil die Tür in ihren verrosteten Angeln quietschte. Mémé, so wurde Großmutter genannt, sagte ständig: "Ach, ich muss mal wieder einen Tropfen Öl daran geben."
Dieses Mal jedoch hatten mich nicht die schlecht geölten Türangeln geweckt, keine friedlichen Geräusche, sondern beunruhigende, ungewöhnliche Laute. Und warum ist über dem Schrank blauer Himmel? Rechts, links, überall darum herum sind die Mauern teilweise eingestürzt. Und plötzlich drängt die Realität aus dem schwarzen Loch des Schlafes und reißt mich aus den glücklichen Jahren als kleiner Junge. Das Aufwachen bei Großmutter bedeutete einen leckeren Café au lait, dessen Duft bereits durch die Tür drang, und die Aussicht auf einen Tag ohne Schule.
Und warum sieht mich mein Vater, der die Uniform eines Marineoffiziers trägt, nur stumm an? Jetzt endlich begreife ich. Ich bin nicht mehr zehn Jahre alt, ich bin auch nicht bei Großmutter, und in diesem halb abgebrannten Haus steht kein Café au lait auf dem Tisch. Es herrscht kein Friede, kein Glück, es ist Krieg – mit all seinen Schrecken.
Mir bleibt nur die Liebe, die Liebe von Maria. Ich werde mich umdrehen, sie schlafend neben mir finden. Ich werde sie in meine Arme nehmen, strecke sie in ihre Richtung aus, aber sie greifen ins Leere. Ich sehe nur ihren Abdruck auf der Bettdecke. Es sind zu viele Gefühle für einen 15-jährigen Jugendlichen. Die Tränen steigen mir in die Augen. Ich weine, wie früher, als Maria da war, als sie mich liebkoste. Doch Maria ist verschwunden. Es sind zu viele Gefühle, die auf mich einströmen an diesem Tag. Ich will nicht mehr in dieser dunklen Gegenwart leben. Ich will wieder ein Kind sein, meine Unschuld finden.
Ich stehe auf. Mein Vater hält mich nicht zurück, als ich an ihm vorbeigehe. "Ich warte auf dich", sagt er. Durch einen Tränenschleier sehe ich, dass er mich anlächelt. Aber ich bleibe nicht stehen. Ich habe nur ein Ziel: Ich will die Welt meiner Kindheit wiederfinden.
"La Menagère", das Spielzeuggeschäft, das mich zum Träumen brachte. Ich will die Leute sehen, die ins "Chapeau Rouge", das Bistro gegenüber, gehen. Die fröhlichen Marinesoldaten mit ihrem blauen Kragen und dem roten Pompon auf der Mütze. Ich will das lebhafte Treiben der Friedenszeit wiederfinden.
Draußen erwartet mich die Apokalypse. Geschwärzte Mauern, rauchende Trümmer. Keine "Menagère", kein "Chapeau Rouge", keine fröhlichen Matrosen mehr. Nichts. Überall nur Ruinen.
Statt des lebhaften Treibens der Friedenszeit Panzerkonvois, Lastwagen mit bewaffneten Soldaten, Ambulanzen. Ein paar Zivilisten irren durch die Trümmer ihrer Häuser, um ein Möbelstück, irgendetwas, das verschont worden ist, zu retten. Auf der Rue Jean Jaurès kann man hinter den Ruinen die Ladenlokale, die mir einst vertraut waren, nur noch vermuten. Der Juwelier "Feunten", die Konditorei "Le Poul", wo ich so oft Cremehütchen und Mandelkuchen gekauft habe, die Metzgerei "Galliou" und das Haus, wo mein Patenonkel, Tonton François, mit meiner Tante Marinette und meinen Vettern Michel und Dédé wohnte, aber vor allem auch meine kleine Kusine Mimi, die im gleichen Alter war wie ich und mit der ich oft im großen Hof des Hauses gespielt habe. Selbst den Hof erkenne ich nicht wieder.
Ich gehe weiter und lasse Stück für Stück meine Kindheit hinter mir zurück. Werde ich überhaupt nichts wiederfinden? Muss ich zulassen, dass sich alles auflöst und nur noch in meinem Gedächtnis existiert, was ich zehn glückliche Jahre lang erlebt habe? Steht das Haus noch, in dem ich geboren wurde? Der Garten, in dem ich gespielt habe, der Kindergarten, in dem ich das Leben zu entdecken glaubte, der Bäcker, bei dem ich mittags immer ein Baguette holte, von dem ich sofort die knusprige Spitze abbiss. Der Lebensmittelhändler, der Schuhmacher und die Grundschule, wo der "Ernst des Lebens" für mich begann, die Place Sanquer, wo die ersten englischen Soldaten campierten, "Tipperary" sangen und so gut nach Tee und blondem Tabak rochen. Was werde ich wiederfinden?
Und dann geschieht das Wunder. Die Kirche St. Michel, in der ich getauft worden bin, steht noch und auch alle Gebäude um sie herum. Hier bin ich aufgewachsen, habe gespielt, gelacht und geweint.
Aber vor allem gibt es dich noch, das Haus Nummer 40 in der Rue Victor Hugo. Du bist verschont geblieben. Gott sei Dank. Aber du siehst düster aus und scheinst dich traurig zu fragen, warum gerade du noch stehst, wo um dich herum nur Ruinen sind.
Ich schaue auf die lange, schmale Allee, die am Garten vorbei auf das einfache, dreistöckige Haus zuführt, wo ich am 6. Februar 1929 während einer Kältewelle, wie sie in Europa noch nie da gewesen war, das Licht der Welt erblickte. Plötzlich geht in der ersten Etage ein Fenster auf, unser Fenster. Eine besorgte Maman ruft ihr Kind, das zu spät zum Abendessen kommt.
Ganz außer Atem taucht es auf, das Kind, wobei es sich bestimmt im Geiste schon eine Ausrede für seine Verspätung zurechtlegt. Es läuft an mir vorbei und wirft mir einen flüchtigen Blick zu. Aber ich erkenne es doch. Es ist der kleine Pierre le Bris. Pierrot für die Leute im Viertel oder Pierrick für die Bretonen. Und ich weiß sogar, wo er herkommt …
Er kommt von einem verbotenen Ort, von einem brachliegenden Feld, das man das Champ d’Arrée nennt und das die blühende Fantasie der Kinder je nach Bedarf in einen Vorort von Chicago oder das Schlachtfeld bei Verdun verwandelt. Hauptsächlich jedoch stellt es die Berge von Colorado dar, in denen man so gut Cowboy und Indianer spielen kann. Und der kleine Indianer Pierrot weiß, dass er gleich vor den Ältestenrat treten muss, der aus Papa, Maman und der großen Schwester Yvonne besteht, um sich wegen seiner aufgeschürften Knie, der zerrissenen kurzen Hose, dem fehlenden Schnürsenkel am Stiefel, aber vor allem, und das ist das Schlimmste, wegen Papas kaputtem Schirm zu rechtfertigen. Sie haben ihn auseinander genommen, weil man aus seinen Streben hervorragend Bogen und Pfeile machen kann, um Bisons zu erlegen. Und auf Mamans Besen kann man reiten wie auf dem feurigsten Mustang. Aber Papa wird ihm schon verzeihen, das weiß Pierrot. Papa ist so nachsichtig.
Fast täglich kommen solche Szenen vor, denn der kleine Pierrot ist ein Wildfang, und wenn er nicht gerade ein großes Abenteuer auf dem verbotenen Champ d’Arrée erlebt, dann gibt es auch im Viertel unendliche Möglichkeiten für Träume und Geheimnisse. Ruhig und heiter ist das Leben für den kleinen Jungen, der in die Liebe seiner Familie eingebettet ist.

Jetzt ist es wohl an der Zeit, dass ich einmal meine Familie vorstelle. Mein Vater, 1891 in Cléder geboren, war der Sohn eines bretonischen Landbesitzers, dessen Familie unter Napoleon I. auf dem Gipfel ihres Ruhmes stand. Einer meiner Ahnen hatte das große Privileg gehabt, 1804 aus der Hand des Kaisers höchstpersönlich den berühmten Orden der Ehrenlegion zu empfangen. Dazu gehörte ein Adelstitel, der aus meinem Urururgroßvater einen Herrn ohne Land machte, einen "Hoberau".
Cléder, wo mein Vater geboren ist, liegt im nördlichen Finistère. Das Klima ist rau, und in den Fischerdörfern wohnen alte Leute, Witwen und Kinder. Der atlantische Ozean an der Küste der Bretagne geht nicht gerade sanft mit seinen Kindern um, aber sie lieben ihn beständig und vorbehaltlos. Zahlreiche Fischer sind auf dem Meer geblieben, und deshalb tragen auch die meisten Frauen in den kleinen Fischerhäfen an der Küste aus grauem oder rosigem Granit Schwarz. Abends stehen sie mit sorgenvollen Blicken am Hafen, wenn die Männer vom Fischfang heimkehren. Die See ist oft zornig und aufgewühlt, und sie bringt ihnen Freude oder Verzweiflung.

Fünfzehn Jahre seines Lebens verbrachte mein Vater auf See, erst als Matrose, dann als Offizier. Er hatte die Hölle des Ersten Weltkriegs durchgestanden. Danach beschloss er, die Seefahrt zu den Akten zu legen. Mein Vater war ein fleißiger Arbeiter. Bei der Marine zu bleiben wäre zu einfach für ihn gewesen. Dort war seine Beförderung gesichert, und sie ging besonders schnell, weil er sich freiwillig für Einsätze in Indochina, dem Senegal und anderen Ländern meldete, die ihn zum Kummer meiner Mutter oft lange Zeit von seinem bretonischen Heimatland fern hielten. Also entledigte er sich seiner schönen Uniform und ging zur französischen Eisenbahngesellschaft, der "Société Nationale des Chemins de Fer Français" (S.N.C.F.).
Auf diese Weise konnte er sich endlich seiner kleinen Familie widmen. Ein Jahr nach Kriegsende kam eine Tochter zur Welt, die sie Yvonne nannten, und die zehn Jahre lang warten musste, bis sie einen kleinen Bruder bekam. Endlich hatte meine Mutter einen Ehemann, der bei ihr war, und Yvonne einen Vater. Einen Vater, der sein ganzes Leben lang eine Prüfung nach der anderen ablegte, um einen besseren Posten zu bekommen.
Meine Mutter, die acht Jahre jünger war als mein Vater, ist in Brest geboren. Ihre Mutter hatte nach dem Tod ihres ersten Mannes, der auf See geblieben war, erneut einen Fischer geheiratet, der an einem Frontabschnitt von Verdun fiel.
Meine frühe Kindheit war äußerst glücklich. Wir lebten in Brest, in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung. Meine Schwester hatte ihr eigenes Zimmer, und ich schlief in einem Alkoven, der an das Schlafzimmer meiner Eltern grenzte und in dem sich ein großer Kamin befand, durch den jedes Jahr an Weihnachten die prächtigen Geschenke fielen, die der Weihnachtsmann (nach Erhalt meines Wunschzettels) dort in seiner Güte ablegte.
Vonette, das ist Yvonnes Kosename, war zehn Jahre älter als ich, und sie hat lange nicht verstanden, warum meine Eltern nach all den Jahren noch ein zweites Kind bekommen mussten, das ihre Ruhe als Einzelkind störte. Eigentlich hätte meine Geburt bei ihr einen mütterlichen Instinkt auslösen müssen, aber das Gegenteil war der Fall. In meiner Kindheit hatten wir kein gutes Verhältnis zueinander und stritten uns häufig. Wahrscheinlich war der Altersunterschied zu groß. Der Krieg trennte uns dann für einige Zeit, bis wir uns anlässlich ihrer Hochzeit wiederfanden. Seitdem verstanden wir uns besser.

Ich erinnere mich noch gut an die Kammer, in der ich schlief. Als Säugling lag ich dort in einer Wiege, und ich behaupte allen Ernstes, dass ich mich daran erinnern kann, wie sich das schöne Gesicht meiner Mutter über mich beugte, um mich in meinem großen Babykummer zu trösten.
Auch das Esszimmer hat sich mir ins Gedächtnis eingeprägt. Esszimmer haben also in meinem ganzen Leben eine große Rolle gespielt; auch heute noch gibt es kaum etwas Schöneres für mich, als mich an einen gedeckten Tisch niederzulassen …
In meiner frühen Kindheit hielten wir uns jedenfalls die meiste Zeit im Esszimmer auf. Wir hatten kein Wohnzimmer, und deshalb stellte mein Vater dort sein Grammofon auf, um andächtig Musikstücken zu lauschen, die ich sehr kompliziert fand und die berühmte Opern waren, wie er mir erklärte. Also liebte ich sie, weil mein Vater sie liebte.
Manchmal spielte er meiner Mutter zuliebe populäre Chansons, die sie in ihrer Küche summte, oder er sang ihr mit seiner schönen Baritonstimme Opernarien vor. Mir erzählte er die Geschichte von "Siegfried". Wagner liebte er. Eigentlich hätte mein Vater auch Künstler werden können, aber dessen war er sich nie bewusst.
In diesem Zimmer strapazierte ich manchmal auch seine Geduld. Ich forderte ihn auf, sich hinzusetzen, band ihm ein Handtuch um den Hals und spielte Friseur, indem ich ihm die Haare feucht machte und sie zu allen möglichen Frisuren kämmte. Ohne Widerspruch ließ er sich von seinem kleinen Sohn tyrannisieren. Mir zuliebe tat er alles.
Nie erzählte mein Vater mir von den Abenteuern seiner Vergangenheit. Seine militärischen Auszeichnungen lagen in einer Schublade, und dort blieben sie auch. Wie den meisten Männern in dieser Epoche bedeuteten ihm die Werte seines Standes alles. Er war in der Gewerkschaft und aktives, jedoch pazifistisches Mitglied der sozialdemokratischen Partei. Er glaubte fest an eine sozialistische Zukunft, in der Glück und Gerechtigkeit herrschen.

Donnerstags empfing meine Mutter manchmal ihre Freundinnen zum
Fünfuhrtee. An diesem Tag war keine Schule, und ich durfte an allen Vorbereitungen für diese Zeremonie teilnehmen. Schon morgens wehte der Duft von Brioches durch das Haus, deren Teig bereits am Abend zuvor zubereitet worden war, damit er ruhen konnte und jenen unvergleichlichen Geschmack bekam, den ich seither vergeblich suche. Proust hatte seine Madeleines, ich meine Brioches.
Ich las gerne und viel, unter anderem die Märchen von Perrault, die mich verzauberten, und ich fürchtete mich bei der Lektüre der Märchen von Andersen, die ein Freund der Familie mir mitgebracht hatte, weil er mir eine Freude machen wollte. Wir waren wirklich glücklich damals.
Hinter dem Haus war ein Garten, in dessen hinterem Teil sich das Häuschen der Concierge, Mme. Trelu, befand. In einer Ecke des Gartens hatte sich M. Trelu, ihr Mann, eine kleine Holzwerkstatt eingerichtet. Er war Schreiner und ein sehr begabter Handwerker. Ich schaute fasziniert zu, was unter seinen Händen alles entstand. Seitdem empfinde ich eine tiefe Leidenschaft, eine fast körperliche Freude an der Arbeit mit Holz. Jahre später, als ich während des Kriegs im Internat war, sollte ich fast ein ganzes Schuljahr lang einen Schreinerkurs besuchen.
Ich habe noch andere Bilder aus dieser Zeit vor Augen. Unsere Straße. Dort erfanden meine Freunde und ich unsere Spiele. Dort ritt ich (damals schon) auf einem Besenstiel, der mein tapferes Streitross war, auf dem ich gegen die Ungläubigen zu Felde zog. Dort schlug ich meinen Reifen, und dort spielten wir Räuber und Gendarm. Im Krämerladen an der Ecke kauften wir Bonbons, die uns Zunge und Lippen rot färbten.
Die Kirche war genau gegenüber. Dort brachte uns der gute Pfarrer den Katechismus bei. Und dort beging ich auch meinen ersten Diebstahl. Ich war Ministrant und hatte deshalb Zugang zur Sakristei. Das Messbrot war köstlich, es waren Brioches. Sie waren zwar nicht so gut wie die von Maman, aber fast. Vor allem aber schmeckten sie nach verbotener Frucht. Außerdem stand dort auch der Messwein, ein perlender Weißwein. Der Pfarrer war ein Kenner. Es gab nichts Köstlicheres, als zu der Brioche den Weißwein zu trinken, und wir leerten die Messkännchen bis auf den Grund. Eine lässliche Sünde, werden Sie sagen, die der liebe Gott uns sicher schnell verziehen hat.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich Mimi und Mémé. Mimi war meine Kusine, die Tochter meines Patenonkels François. Sie war in meinem Alter. Mémé, das war Großmutter, Mamans Mutter. Meinen Großvater mütterlicherseits und auch die Eltern meines Vaters habe ich nicht gekannt. Ihre Gesichter jedoch haben sich mir tief eingeprägt, weil ihre Porträts im Esszimmer hingen. Tad-Koz (das ist das bretonische Wort für Großvater) in der prächtigen Uniform des Marineoffiziers und die rundliche Mam-Goz (das Wort für Großmutter) in Landestracht. Ich weiß, dass ich sie geliebt hätte.
Mimi und ich jedenfalls liebten uns sehr. Die beiden heiraten bestimmt noch mal, hieß es in der Familie. Wann immer wir konnten, trafen wir uns bei Mémé, die eine kleine Auberge, ein Gasthaus, führte und uns erlaubte, im Hof zwischen den Limonaden- und Bierkästen zu spielen. Daraus bauten wir uns ein Haus, und Mimis Puppen waren unsere Kinder. Wir gaben ihnen Limonade oder Orangeade zu trinken, und manchmal gab uns Mémé fünf Centimes, damit wir uns Mandelkuchen kaufen konnten. Wir lebten wie Gott in Frankreich.
Wenn das Wetter schlecht war, gingen wir zu Tante Marinette, Mimis Mutter, und spielten dort mit Michel und Dédé, meinen Vettern, die ein paar Jahre älter waren als wir. Das war immer wie im Märchen, weil Michel und Dédé alles konnten und so interessantes Spielzeug hatten, von mechanischen Apparaten bis hin zu Modellflugzeugen, die tatsächlich flogen. Mit ihnen zusammen habe ich mein erstes U-Boot gebaut, das schwamm und sogar untertauchen konnte. Ich besitze es heute noch. Im Becken des großen Springbrunnens auf der Place de la Tour d’Auvergne hat es damals das hübsche Segelboot versenkt, das Onkel Henri, Papas Halbbruder, mir gebaut hatte.
Onkel Henri sah ich leider nicht häufig. Er wohnte in Landivisiau, ein paar Kilometer von Brest entfernt. Papa nahm mich manchmal dorthin mit, und das war immer ein Festtag, weil Onkel Henri Pferdehändler war. Er hatte die schönsten bretonischen Pferde, die "Postiers Bretons", und für mich war es die größte Freude, wenn er mich auf ihre mächtigen Rücken hob und ich auf den prachtvollen Tieren reiten durfte. Karl May kannte ich damals zwar noch nicht, aber ich kam mir bestimmt vor wie Winnetou auf seinem Rappen "Iltschi".
Und Mémé? Ach, Mémé. Ich vergötterte sie, und sie überhäufte mich mit Zuneigung. Sie behauptete immer, ich sei ihr Lieblingsenkel, allerdings vermute ich, dass das eine fromme Lüge war und sie es zu jedem ihrer Enkelkinder gesagt hat.
Mémé war zweimal verwitwet. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes stand sie völlig mittellos da. Sozialhilfe gab es damals noch nicht, und sie musste Wege finden, um ihre große Familie zu ernähren. Also lieh sie sich von allen möglichen Seiten Geld, natürlich zu überhöhten Zinsen, und eröffnete ihre Auberge. Sie wusste nicht, die Arme, dass sie bis zur Erschöpfung würde arbeiten müssen, um ihr kleines Geschäft am Laufen zu halten und vor allem, um das geliehene Geld zurückzahlen zu können. Und als sie endlich begann, Licht am Ende des Tunnels zu sehen, machte eine Brandbombe der Alliierten oder des Feindes (wer weiß das schon?) die Mühen eines ganzen Lebens zunichte.
Bis zu den ersten Kriegstagen war das Haus meiner Großmutter für mich ein Zauberreich. Abgesehen von den wunderbaren Tagen, an denen ich mit Mimi im Hof spielte, begleitete ich gelegentlich Maman, die Mémé in der Auberge half. Dann setzte ich mich ins Fenster und konnte von dort aus alles beobachten, was sich auf der Straße und im Haus abspielte. Von meinem Logenplatz aus sah ich, wie sich am Ende des Monats die Gaststube mit Hafenarbeitern füllte, die mit ihren Kumpanen ein Glas trinken wollten, ehe sie ihren Monatslohn an ihre Frauen abgaben. Wenn die Wellen der Freundschaft zu hoch schlugen und die Männer zu viel tranken, griff Mémé auf ihre mütterliche Art sanft, aber bestimmt ein und schob sie zur Tür hinaus, wo schon die beunruhigten Ehefrauen und die weinenden Kinder warteten.
An den übrigen Tagen in der Woche kamen Soldaten, zwar weniger zahlreich, aber genauso lärmend, und man sah alle möglichen Uniformen im großen Saal. Zu den khakifarbenen Uniformen der Soldaten kam das Blau der Marine mit ihren weißen und himmelblauen Kragen, gekrönt von dem legendären roten Pompon auf der Mütze.
Ich liebte die Marinesoldaten. Ich fand sie schön und elegant. Und außerdem war ja auch Papa früher Marinesoldat gewesen. Ich hatte einmal ein Foto von ihm gesehen, auf dem er in Saigon in einer schönen weißen Uniform in einer Rikscha saß, die von einem Asiaten mit nacktem Oberkörper gezogen wurde. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass auch ich eines Tages in einer solchen Uniform im selben Land in einer Rikscha sitzen würde (die allerdings in der Zwischenzeit zu einem Dreirad modernisiert worden war). Der Walker, der die Rikscha zog, sah haargenau so aus wie der auf dem Foto von Papa. Vielleicht war es ja auch sein Sohn, der seinen Vater genauso liebte und bewunderte wie ich den meinen.
Uniformen wurden in Mémés Auberge von Männern aller Nationalitäten getragen. Eines Tages landete das russische Geschwader in Brest, und überall in der Stadt wimmelte es von den Männern, die gekommen waren, um Frankreich die Botschaft zu überbringen, dass die Sowjetunion eine befreundete Macht war. Die fremden Friedensboten wurden von englischen, spanischen und italienischen Marinesoldaten empfangen, deren Sprachen sich seltsam mit dem singenden Akzent der Bretonen vermischten. Überall tauchten auf einmal Straßensänger auf, Feuerspucker, Tierbändiger und andere Gaukler. Und ich sah dem Treiben mit offenem Mund zu. Was hatte ich für eine schöne Kindheit. Ich konnte nicht ahnen, dass sie nur von kurzer Dauer war.

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