Von allen Karl-May-Hörspiel-Versionen, die für die Vermarktung auf Schallplatten und Kassetten hergestellt wurden und dem leidigen 45-Minuten-Takt nun einmal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind (die Radio-Versionen müssen hier selbstverständlich ausgenommen werden), ist diese Fassung für mich die künstlerisch am überzeugendste. Was nicht heißt, dass sie speziell den jüngeren Hörern besser gefallen wird, als zum Beispiel gerade die konkurrierenden Versionen von Europa. Die auf ihre Weise gelungenen Europa-Versionen verlassen sich vor allem auf ihre film-ähnliche Dramaturgie mit ihrer Nerven zerrenden Geräusch-Kulisse und der markanten Erzählstimme eines Hans Paetsch.
In der vorliegenden Karussell-Version steht stattdessen durchweg der Charakter der Protagonisten im Vordergrund. An den Plots ist daher - das gilt vor allem für die Scout-, die Firehand- sowie die Deadly-Dust-Episode aus Winnetou 2 und 3 - am Ende fast immer ein gutes Stück abgebissen worden. Die Geschichten wirken seltsam unfertig; Kinder und Jugendliche, die mit dem Werk Karl Mays schon von anderer Stelle her vertraut sind, werden hier vieles missen müssen. Eine gute Idee jedoch ist es wahrscheinlich gewesen, die in der endgültigen Fassung des zweiten Teils durch den kleinen Harry nur recht und schlecht ersetzte Old-Firehand-Tochter Ellen komplett zu streichen. Zwar gehen dem Hörspiel dadurch unbestreitbar viele spannende und actionreiche Momente verloren - angefangen nur mit dem spektakulären Ölbrand. Dafür aber konzentriert sich die Firehand-Episode auf Winnetous Vergangenheit und die Rekonstruktion seiner Freundschaft mit dem weißen Jäger Old Firehand (Günter Jerschke), der auch die Liebe einer Frau nichts anhaben konnte.
Peter Lakenmacher, bekannt als Synchron-Stimme Captain Siskos (Star Trek - Deep Space Nine), gelingt das bisher nie erreichte Kunststück, den Old-Shatterhand-Charakter so darzustellen, wie ihn sich Karl May vor allem in späteren Phasen seines Schaffens gedacht haben muss: Nicht als den abenteuerlustigen Draufgänger eines Michael Poelchau, Volker Brandt, Uwe Friedrichsen oder Lex Barker, sondern als nachdenklichen und belesenen, verantwortungsbewussten und vor allem: gewissenhaften Intellektuellen, der hörbar bemüht ist, seine besonderen Fähigkeiten, so spielerisch sie ihm im ersten Teil auch zufallen, ausschließlich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen - und der den Streit selbst mit Freunden nicht scheut, um seine Ideale nach und nach zu den ihren zu machen.
Manfred Wohlers überzeugt als junger Häuptlingssohn, dem Ehre und Wohl seines Stammes zunächst an erster Stelle stehen, bis er für die Ideale seines Blutsbruders empfänglich wird.
Unerreichte Glanzpunkte des Hörspiels sind daher auch weniger die actionreichen Höhepunkte der Handlung, als vielmehr die großartigen, durchweg an Karl Mays originalem Wortlaut orientierten Dialoge. Das Streitgespräch, in welchem Old Shatterhand Winnetou davon abbringt, für den Tod seiner Schwester blutige Rache an allen Weißen zu nehmen, lässt die vielen unterdrückten Gefühle, den Schweiß, der den beiden Kriegern auf der Stirn steht, unmittelbar spürbar werden. Old Shatterhands Verteidigungsrede am Marterpfahl der Apatschen, seine Beziehung zu Nscho Tschi, selbst das heikle Religionsgespräch im 3. Teil habe ich nirgends sonst so glaubhaft und wahrhaftig, so ergreifend und so erschütternd finden können wie gerade hier.
Günter Lüdke gibt einen herzensguten Sam Hawkens; der unerreichte Gottfried Kramer, der vor nun ca. zehn Jahren freiwillig und viel zu früh aus dem Leben schied, überzeugt als alter Scout Old Death. Die Geräuschkulisse ist sparsam und geschmackvoll eingesetzt worden. Hartmut Kulkas ausschließlich mit Gitarre und Mundharmonika eingespielter Soundtrack unterstreicht die "private" Atmosphäre des gesamten Hörspiels und ist vielleicht gerade darum geeignet, noch den einen oder anderen aufmerksamen Hörer des "Religionsgesprächs" und der Todesahnungen" zu Tränen zu rühren - so wie sie mich zu Tränen gerührt hat.