Nach Anlaufschwierigkeiten hatten sich die Wings spätestens 1973 mit "Band on the Run" zu einer der populärsten Bands der Siebziger gemausert, wie dieser Live-Mitschnitt dokumentiert. Obwohl mit "Wings at the Speed of Sound" zur Tour ein eher schwächliches Album erschienen war, zeigt "Wings over America" die Band ein letztes Mal auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft und Live-Präsenz (die '79er Tournee konnte dann schon nur mit schwächeren Titeln aufwarten). 1977 begann mit der unvermeidlichen Single Mull of Kintyre bereits der Abstieg in seichteres Fahrwasser, und die nächsten - und letzten - beiden Studio-Alben der Wings hatten entweder nicht mehr den hier gebotenen Biß ("London Town", 1978) oder waren ziemlich uninspiriert und bemüht ("Back to the Egg", 1979).
Für diese Tournee nahm Paul mit Lady Madonna, The long and winding Road, I've just seen a Face, Blackbird und Yesterday zum ersten Mal fünf originale Beatles-Titel mit ins Programm, was zeigte, dass er begann, sich allmählich mit seiner Vergangenheit als Beatle auszusöhnen. Ich habe irgendwo gelesen, er hätte sogar Hey Jude erwogen, aber wieder verworfen; diese Version hätte mich sehr interessiert!
Die Dramaturgie des Konzertes ist sehr abwechslungsreich gestaltet: auf Seite 1 der LP kommen mit Jet und Let me roll it ein paar deftige Rocker zum Einstimmen; Rock Show scheint extra als Startschuss eines Wings-Konzertes konzipiert worden zu sein!
Auf Seite 2 spielt Paul Klavier und liefert mit Maybe I'm amazed meine persönliche Lieblings-Version diese Liedes ab, die dann auch verdientermaßen (mit Soily als B-Seite) als Single ausgekoppelt wurde.
Seite 3 ist sozusagen die "Unplugged"-Abteilung (lange bevor dieser Begriff die Runde machte); diese Idee hat er auf "Back in the US" bzw. "Back in the World" noch erheblich ausgebaut. Die Wings spielen hier Picasso's last Words ohne die Sound-Spielereien der Studiofassung im Medley mit einer tollen Version von Richard Cory (Simon & Garfunkel), und Paul überrascht mit Blackbird und Yesterday (in der Kurzfassung, die er auch auf "Tripping the Live fantastic" (1990) veröffentlichte).
In der 2. Konzerthälfte liegt der Schwerpunkt auf Hits und Albumtiteln der letzten beiden LPs; einige Songs kommen hier mit mehr Biß als die Studiofassungen, und Let 'em in spielt die Band dankenswerterweise um eine Minute gekürzt.
Zum Ende gibt's mit Band on the Run und Hi hi hi nochmal zwei richtige Kracher, und als Zugabe - sehr mutig - das seinerzeit ziemlich unbekannte Soily (kann sein, daß es auf den '72er Wings-Konzerten ab und zu gespielt wurde).
Ich teile übrigens nicht die Meinung eines meiner Mitrezensenten, dass Paul hier krächzt und die meisten Töne nicht trifft, im Gegenteil: sein Live-Gesang verleiht etlichen Titeln erst den nötigen Biß, und er präsentiert sich hier als geiler Live-Sänger! Erst auf die "Back in the US/World"-CDs (2003) trifft diese Kritik dann zu, denen man anhört, dass seine Stimme teilweise sehr bemüht bis gequält klingt und hörbar gealtert ist.
Wie schon in einer anderen Rezension beschrieben, finde auch ich, dass die CD gegenüber der LP, die ich bevorzuge, etwas muffig klingt; und es ist verwunderlich, dass "Wings over America" als einzige Wings-Platte bisher noch nicht remastert erschienen ist.
"Wings over America" gehört mit "Band on the Run" und "Venus and Mars" zu den drei wichtigsten Wings-Alben.