Der koreanische Schriftsteller Kim Wonil - Kim ist sein Familienname, in Korea häufig anzutreffen - wurde im Jahr 1942 geboren; der koreanische Bruderkrieg von 1950 bis 1953 zerriss seine elterliche Familie. Dennoch schaffte er es, in Seoul Literatur zu studieren. Auf Deutsch ist außer dem vorliegenden Band bisher nur "Das Haus am tiefen Hof" erschienen, im Jahr 2000 bei Iudicium, auf Englisch ein weiteres Werk ("Evening Glow"), insgesamt wenig aus dem Schaffen des Schriftstellers.
Zum Verständnis des Romans ist wichtig zu wissen, dass die Koreaner früher ihre Toten irgendwo in der Landschaft bestattet haben, nicht auf Friedhöfen. Einen geeigneten Ort zu suchen, war Aufgabe eines Geomanten, eines Menschen, der etwas von Harmonie und guten Kräften verstand, von Wind und Wasser, ähnlich einem Wanderer, der sein Zelt in der Wildnis aufschlägt und dabei eine Reihe von Einflüssen bedenkt, nur dass ein Geomant einen Ruheplatz für die Ewigkeit sucht, nicht für eine Nacht. Die Wikipedia liefert unter dem Lemma "Geomantie" weitere Auskünfte.
Der Protagonist Yi Intae lebt zur Zeit der japanischen Unterdrückung Koreas und danach. Als junger Mann geht er in die Mandschurei, um sich koreanischen Widerständlern anzuschließen. Er gerät in japanische Gefangenschaft, wird gefoltert, verrät seine Kameraden, wird von den Bewohnern eines niedergebrannten koreanischen Dorfes fast tot geprügelt und verstümmelt. Er schlägt sich als Bettler und Vagabund durch, hat Erfolg bei den Frauen und landet schließlich bei einer verwitweten Kneipenwirtin auf einem Dorf. Dort freundet er sich mit einem Geomanten namens Choe an, dem er im Verlauf der Jahre bis zu seinem Tod stückweise seine schmachvolle Vergangenheit offenbart. Er leidet an einer Erkrankung, die den Symptomen nach von der Prostata ihren Ausgang genommen und im Lauf der Jahre Nieren und Leber geschädigt hat; am Ende stirbt er daran. Choe ist charakterlich ein Gegenstück zu Yi Intae und ein Spiegel, in dem sich dieser nach und nach erkennt. Alle Personen sind in irgendeiner Weise von der Teilung Koreas betroffen. Choe sagt auf einer der ersten Seiten: "Unser Land ist geteilt. Ich frage mich bloß, wofür haben wir gekämpft? Wir haben nach der Musik von Amerikanern und Russen getanzt, und die einfachen Leute blieben auf der Strecke." Das ist - neben den individuellen Lebensläufen - das allgemeine Schicksal aller.
Worin liegt der Reiz des Romans? Teils im Fremdartigen - viele Einzelheiten gehören zur koreanischen Kultur - teils im Gemeinsamen, in beiden Fällen in einer realistischen Darstellung des Alltags in der Provinz. Aber Vorsicht: Hinter der sichtbaren Fassade können sich tiefgründige Gedanken verbergen, die sich dem Leser erst erschließen, wenn er sich mit fernöstlichen Gedankengängen vertraut gemacht hat. Sogar Yi Intae ist kein einfach gestrickter Nichtsnutz und Frauenheld, sondern reflektiert sein Leben und wälzt das Jenseits betreffende Gedanken. Aber man kann den Roman zum ersten Mal auch ohne viel Nachdenkens lesen. Eine Teilung des Volkes kennen wir gleichermaßen - nicht ganz so schmerzhaft und langanhaltend wie in Korea - einen Bruderkrieg in jüngerer Zeit glücklicherweise nicht. Manche Begebenheiten erinnern die Älteren unter uns an die Mangeljahre nach dem Zweiten Weltkrieg - Krieg ist Krieg, ob in Korea oder Europa. Die Diktaturen in beiden Koreas und der wirtschaftliche Boom in Südkorea spielen noch keine Rolle, ebenso wenig die Emanzipation der Frauen. Seoul ist weit weg. Der Roman - die Übersetzung - liest sich flüssig. Einen beträchtlichen Teil des Textes nehmen Dialoge ein, auch dort, wo es um philosophische oder theologische Fragen geht.
Der Anhang beginnt mit einem Personenverzeichnis, auf das ein Nachwort der Übersetzerin Heidi Kang folgt. Das Personenverzeichnis ist eine wertvolle Hilfe für den deutschen Leser, dem die koreanischen Namen - obgleich einfach - schwer in den Kopf gehen. Leider hat der Schreiber zu früh seine Feder niedergelegt. Wenn die jüngere Tochter Sukkyong der Kneipenwirtin aufgelistet wird, hätte auch die ältere Tochter Chankyong samt ihrem Mann Kim genannt werden sollen, ebenso neben dem Missionar Min der Mönch Pobun. Es versteht sich, dass unter den dramatis personae nicht alle vorkommenden Personen vorgestellt werden können, die Grenze könnte man bei den namentlich auftretenden Akteuren ziehen. Das hätte die leere Seite vor dem Nachwort gefüllt, mehr hätte es nicht bedurft. Ferner wünscht sich der Rezensent Hinweise auf die Aussprache der Namen. Bei Kim dürfte es nicht viele Möglichkeiten geben, bei Intae oder Myonggu sieht die Sache anders aus. Als dritte Kleinigkeit würde der Rezensent die Angaben der Seitennummer begrüßen, auf der die jeweilige Person erstmals vorkommt. Ob ein Verzeichnis der Ortsnamen zweckmäßig wäre, wie in dem Roman "Die Leute von Wonmidong" der Autorin Yang Guija? Wenn es um das ferne Korea geht, ist jede Handreichung willkommen und ein Nachwort wie hier eine notwendige Hilfe, die der Leser dankbar annimmt.
Der Pendragon-Verlag hat das Buch ebenso sorgfältig ausgestattet wie die anderen Bände seiner Edition moderner koreanischer Autoren. Der Rezensent freute sich bereits, als er das Buch in die Hand nahm, vor dem Lesen.