Dass Sammler verschrobene Menschen sind, wissen wir spätestens seit dem zweiten Teil der "Toy Story"-Trilogie. Wimbledon Green macht da keine Ausnahme: Der exzentrisch wirkende Herr mit dem kleinen Hut und dem großen Kugelbauch ist der Titelheld des gleichnamigen Comics des Kanadiers Seth (eigentlich Gregory Gallant) und schmückt konsequenterweise auch den Einband des im Verlag Edition 52 erschienenen 128 starken Hardcoverbandes.
In seiner Einleitung, die der Autor eigentlich eher als Nachwort verstanden wissen möchte, erklärt Seth eine Seite lang den "Ursprung von Wimbledon Green" - und enthüllt dabei Erstaunliches: Der Strich sei schwach, das Lettering unsauber, Seitenlayout und Erzählfluss seien nachlässig gestaltet. Es handele sich bei der wendungsreichen Geschichte um den geheimnisvollen Mister Green eben wirklich um das, was bereits der Untertitel auf dem Cover avisiert: "Eine Geschichte aus dem Skizzenbuch des Zeichners 'Seth'". In deutlichem Widerspruch zu der Nachlässigkeit, derer sich der Autor selbst zeiht, steht freilich die Verve, mit der Seth offenbar zu Werke gegangen ist. "Geradezu fieberhaft aus der Feder geflossen" sei ihm die Arbeit, und obwohl das Auftragsbuch im Entstehungszeitraum der Geschichte gut gefüllt gewesen sei, hätten sich auch die Einträge ins Skizzenbuch im Eiltempo vermehrt.
Entstanden ist eine wilde, an irrwitzigen Wendungen reiche Geschichte, in deren Kern die Frage nach der Identität des geheimnisvollen Wimbledon Green steht. In der Szene der Comic-Sammler ist Green nämlich kein Unbekannter, aber Greens Leumund ist so zwiespältig, wie die belastbaren Informationen über seine Person spärlich sind. Tatsächlich ist nicht einmal klar, ob es sich bei Wimbledon Green und einem gewissen Don Green, von dem man seit den 70er Jahren nichts mehr gehört hat, um ein und dieselbe Person handelt. Wie heißt es so schön? Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich. Von Leuten vom Fach wimmelt es in der Geschichte nur so, und sie alle werden peu à peu vor die imaginäre Kamera des Zeichners gebeten, um sich über Wimbledon Green zu ventilieren. Dass in der Zeugenbefragung ein ums andere Mal ein Fachbegriff fällt, bleibt nicht aus und liegt sicher in der Natur der Sache. Immer mal wieder ist die Rede von einer zum "Golden Age" verklärten Ära des Comics die Rede, und der Zustand unbeschädigter, quasi druckfrischer Bände aus dieser Zeit wird, wie sich's unter Sammlern gehört, natürlich als "mint" bezeichnet. Aber, keine Angst: Das Buch kommt ohne Glossar aus, und auch Otto Normalleser dürfte keine Schwierigkeiten dabei haben, in die Geschichte einzutauchen. Aber, was heißt hier überhaupt "Geschichte"?
Im Grunde ist "Wimbledon Green" ein Dossier, in dem neben allerhand personenbezogenen Berichten und literarischen Betrachtungen auch immer wieder Abbildungen von Glanzstücken aus Wimbledon Greens Sammlung Platz finden. Hier stellen Greens Zeitgenossen Vermutungen über den Verbleib der Koffer mit der legendären Webb-Sammlung und Greens Rolle im Geschehen an, dort erläutert Green eine kurzlebige Comicreihe um zwei Hobos namens "Fine & Dandy" oder die Verdienste des großen Zeichners Lester Moore, und zwischendurch gibt's immer wieder Cover obskurer fiktiver Comics zu bestaunen, die im Universum von Green & Co. zu wahren Mondpreisen gehandelt werden.
Vom wertvollsten aller Hefte, der Startnummer der "Green Ghost"-Reihe, weiß man nicht einmal, ob es je veröffentlicht worden ist (eine Petitesse, die den wahren Sammler natürlich nicht davon abhalten kann, Unsummen in einschlägige, letzten Endes aber leider erfolglose Nachforschungen zu investieren). Wimbledon Greens finanzielle Mittel scheinen übrigens schier unbegrenzt zu sein, denn im Laufe der Geschichte wird unter anderem offenbar, dass der geheimnisumwitterte Herr in einem fürstlichen Domizil residiert, das unter seinen Sammlerkollegen (oder sollte man besser sagen: Sammlerkonkurrenten?) auch als "Tempel des Druckwerks" geläufig ist, und das nicht nur Raum für einen optimal temperierten, begehbaren Tresor bietet, sondern auch für Pilzzuchten im Keller und einen Autogyro-Hubschrauber, wie Sie und ich ihn allenfalls aus dem James Bond-Film "Man lebt nur zweimal" kennen - Sie ahnen es mittlerweile: Dieser Wimbledon (Don?) Green scheint eine Art Charles Foster Kane, vielleicht auch ein Keyser Söze zu sein. Und als ob das alles noch nicht geheimnisvoll und verwirrend genug sei, meldet sich kurz vor Schluss auch noch eine Stimme aus einem Grab ...
Wenn ein Comicautor eine Geschichte über Comics, Comicsammler und Comiczeichner zu Papier bringt, darf man getrost vermuten, dass das fertige Werk hie und da auch Züge des Schlüsselromans hat. Ich selbst habe mich in den Betrachtungen, welche die Figuren über die Natur des Sammlers im Allgemeinen wie über die des größten Comicsammlers in der Welt anstellen, jedenfalls immer mal wiedergefunden und habe amüsiert über die Versuche der Protagonisten geschmunzelt, einander zu desavouieren. Da rümpft etwa der eine die Nase über den anderen, weil in dessen Sammlung angeblich unverzeihliche Lücken klaffen, Wimbledon Green und sein Konkurrent Bindle liefern sich Bieterduelle, wie man sie sonst nur zwischen Dagobert Duck und seinem Erzrivalen Klaas Klever erlebt, und Bill vom Comicladen "It's in the Bag" möchte lieber gar nicht viel über die Riege der im Coverloose Club organisierten, reichen Comicsammler von sich geben, denn "bei denen passt man auf, was man sagt". Ein gewisser H. Arbor Grove schließlich, den man offenbar immer mal wieder für Wimbledon Green hält, hat für das ganze Treiben nur Verachtung übrig: "Kinderkram" seien Comics, weswegen er nur "erwachsenen Interessen" nachgehe. Was darunter zu verstehen ist, macht der Mann im letzten Panel seines halbseitigen Einwurfs ebenfalls klar: Das einzig Wahre ist, wer wollte daran zweifeln, natürlich das Sammeln von Münzen.
Vergnügen bereitet nicht nur die mit Seitenhieben und Querverweisen gespickte Geschichte, sondern auch die Aufmachung des literarischen Puzzles um Wimbledon Green - die goldfarbige Typographie auf dem grünen Titel versprüht eine gehörige Portion Retro-Charme, und der Hardcoverband liegt überaus angenehm in der Hand. Der gute erste Eindruck des Bandes aus dem auf Independent-Comics, Graphic Novels und Kunstbücher spezialisierten Verlags Edition 52 setzt sich im Inneren fort - die sepiafarbig wirkenden Panels kommen auf dem weißen, angenehm festen Papier, das man für den Buchblock gewählt hat, sehr schön zur Geltung; auch die Übersetzung sowie das Lettering und Lektorat verdienen in meinen Augen Lob.
Was aber ist von der Eigenschelte zu halten, die der Autor im Vorwort betrieben hat? In meinen Augen nicht viel - ich kenne das restliche Oeuvre des Autors zwar nicht und kann keinen Vergleich anstellen, aber mir haben die mit schnellem Strich hingetuschten Figuren zugesagt. Grundsätzlich aber tut man Seth sicher nicht Unrecht, wenn man behauptet, dass das eigentlich Interessante an "Wimbledon Green" weniger die Form der Umsetzung ist als das gewählte Sujet sowie die eigenwillige Art des Erzählens, die Seth sich für seine Geschichte gewählt hat (zeitweise haben mich die Überschriften seiner selten mehr als einige wenige Seiten langen Geschichten an die Zwischentitel von Quenton Tarantinos "Pulp Fiction" erinnert).
R e s ü m e e
Dekonstruktivistisches Lesevergnügen für jeden Fan von Bildergeschichten, der nicht in Einzelheften denkt, sondern in Reihen und Editionen. Die im Verlag Edition 52 erschienene Geschichte um "Wimbledon Green" wirkt auf mich, als hätte Quentin Tarantino "Nick Knatterton"-Zeichner Manfred Schmidt mit der zeichnerischen Umsetzung eines film noir-Stoffs. Die Collage aus einzelnen, oft scheinbar zusammenhangslosen Strips, die dabei herausgekommen ist, könnte ich mir übrigens auch gut als in der "Titanic" veröffentlichte Fortsetzungsgeschichte vorstellen. Unbedingte Empfehlung für alle Graphic Novel-Fans, die keine Berührungsängste gegenüber textlastigen Geschichten haben und die angenehm verzwickte Plots mögen.