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Produktinformation
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Künftige Historiker werden an der Biografie Peter Merseburgers, pünktlich zum zehnten Todestag Willy Brandts erschienen, nicht mehr vorbeikommen. Das wohl herausragendste politische Buch des Herbstes 2002 zeichnet ein exzellent recherchiertes Lebensbild der sozialdemokratischen Lichtgestalt. 1913, im Todesjahr August Bebels, beginnt in Lübeck die "unbehauste Kindheit" in "familiärem Chaos", wie Brandt, der seinen leiblichen Vater nie kennen lernen sollte, sie später bezeichnete. Merseburger deutet die als unehelicher Sohn einer proletarischen Mutter "gleich doppelt unterprivilegierte" Herkunft als Ursache für Brandts lebenslange Dünnhäutigkeit und Verschlossenheit.
Die Jahre im skandinavischen Exil 1933-1945 brachten die Wandlung vom linken Dogmatiker zum sozialdemokratischen Pragmatiker, ein Umstand, der Brandt nach den Kriegsjahren rigoros an die Spitze der Berliner SPD führte. Seine souveräne Haltung als regierender Bürgermeister während des Mauerbaus machte ihn endgültig zur charismatischen Figur. Zentrale Kapitel bilden die Kanzlerjahre 1969 bis 1974 und Brandts größtes Verdienst -- den Brückenschlag zum Osten. Unvergessen, der Kniefall in Warschau 1970, dessen Ikonenhaftigkeit, so Merseburger bewegt, "weit über sein Land hinaus moralische Maßstäbe setzte". Ausgeleuchtet wird auch eines der spannendsten Kapitel neuer deutscher Geschichte: die Machtkungeleien des sperrigen SPD-Triumvirats Brandt, Schmidt und Wehner (dem Merseburger eine "stalinistische" Attitüde attestiert) -- schließlich der durch die Guillaume-Affäre ausgelöste Schock des Rücktritts eines angeschlagenen, desillusionierten Kanzlers.
In Merseburgers mächtiger Biografie bleibt auch das Verhältnis Brandts zu den Frauen nicht unerwähnt, wesentliche Triebfeder im Leben des oft Schwermütigen. Auch hier fügt sich das Porträt einer polarisierenden, irritierend ambivalenten Persönlichkeit, die, wie Brigitte Seebacher-Brandt erinnert, am Ende ihres Lebens die größte Genugtuung erfuhr. "Nun wächst zusammen, was zusammengehört". Willy Brandts Mission war erfüllt. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Schlußendlich hat Merseburger eine Biographie über einen Mann geschrieben, der in der deutschen Nachkriegspolitik so sehr polarisiert hat, wie kein anderer, und er hat die bisher beste Biographie über diesen Mann, Willy Brandt, geschrieben, an der sich folgende Biographien werden messen lassen müssen.
Merseburger ist es gelungen mir eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Geschichte näher zu bringen, von der ich das erste Mal hörte, als sie gerade gestorben war - ich war noch nicht ganz 7 Jahre alt.
Je weiter ich las, desto mehr spürte ich, wie sehr ich mich selbst mit dem Denken Willy Brandt identifizieren kann - sicher nicht in allen, aber in weiten Teilen - und wie aktuell seine Ideen heutzutage sind, angesichts unilateraler Kriegserklärungen selbsternannter Weltpolizisten.
Willy Brandt, so vermittelte mir das Buch, war mehr als einer dieser sogenannten Vollblutpolitiker, die nur auf den nächsten Wahlerfolg schielen und heute Hü, morgen Hott schreien. Nein, er war eine Persönlichkeit, die zu dem stand, was sie dachte und doch immer zugänglich war für die Argumente und Ideen anderer.
Aus Peter Merseburgers Schilderungen ist zwar durchaus Sympathie für Willy Brandt herauszulesen, jedoch bemüht er sich stets Abstand zu wahren und die Geschehnisse und Konflikte differenziert zu beleuchten. Nie artet die Beschreibung in Lobhudelei aus.
Mir fiel es freilich schwer, mich mit dem jungen Brandt zu identifizieren, da uns solcherlei Grabenkämpfe zwischen den linken Gruppen heute zum Glück fremd sind. So fand ich die ersten Kapitel etwas verwirrend vor lauter Splittergruppierungen und dogmatischer Weltbilder. Interessanter wurde es dann in Brandts Zeit als regierendem Bürgermeister und später Kanzler sowie vor allem in der Zeit nach seinem Rücktritt.
Neben umfangreicher Information zur Person Brandt, ist diese Biographie zugleich ein Spiegelbild der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung - von mir nie wirklich bewusst erlebt - sind mir in ihrer emotionalen Bedeutung nun deutlich klarer als zuvor.
Fazit: Dieses Buch ist in zweierlei Hinsicht groß (s. Überschrift). Zum einen auf Grund der überaus gelungenen Schilderung und zum anderen auf Grund der beachtlichen Zahl von gut 860 Seiten (der Rest sind Quellenangaben), die genau gelesen werden wollen. Wer sich von letzterem nicht abschrecken lässt, sollte zuschlagen. So viel wie dieses Buch, kann einem kaum eines über die deutsche Geschichte und über Willy Brandt vermitteln.
Fundiert und auf neuesten Quellen basierend (im Literaturverzeichnis vermisste ich lediglich die Brandt-Biographie von Schöllgen aus dem Jahre 2001) legt Merseburger ein einfühlsames Portrait dieses Mannes vor: "Mit keinem Namen der Nachkriegszeit ist soviel Hoffnung auf moralische Erneuerung der Politik, auf mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit verbunden", schreibt Merseburger im Vorwort. Detailliert werden seine "proletarischen Prägungen", das Exil, die Erlebnisse des Bürgerkrieges nachgezeichnet. Der Aufstieg in Berlin zum regierenden Bürgermeister wird detailliert geschildert, die Stunden des Mauerbaus präzise nachgezeichnet ("Brandts große Stunde der Bewährung"). Ausführlich dann wird auf die Konzeption der Ostpolitik eingegangen, die Merseburger vorrangig aus nationalen Gründen eingeleitet sieht (so etwa auf S. 834). Ausführlich wird dann der Aufstieg in Bonn nacherzählt, zunächst als Außenminister und Vizekanzler in der großen Koalition, dann die Kanzlerschaft und schließlich der Abgang als Kanzler gezeichnet, wobei hierbei insbesondere die Publikation von Barings: "Machtwechsel" oft herangezogen wird. Etwas kursorisch wird die Zeit des Konstruktiven Misstrauensvotums 1972 und die Auseinandersetzungen mit der Opposition dargelegt, ausführlicher wieder die Umstände des Rücktrittes im Zuge vieler Rückschläge im Zuge der Guillaume-Affaire berichtet. Die Jahre nach der Kanzlerschaft, die Auseinandersetzung mit Helmut Schmidt um den Nato-Doppelbeschluss und das Ende der sozial-liberalen Koalition wie private Umstände (die Trennung von seiner - mit viel Sympathie beschriebenen - Ehefrau Rut und die Neuvermählung mit seiner letzten Frau Brigitte Seebacher-Brandt) werden ausführlich geschildert.
Insgesamt dürfte Volker Ullrich mit seiner Rezension in der "Zeit" recht haben: es handelt sich um "die" literarische Neuerscheinung des Herbstes. Sie ist flüssig lesbar und zeichnet sich durch einen souveränen Umgang mit Quellen aus. Interessant für mich auch die Auseinandersetzung mit der SPD-Enkelgeneration 1989/90, als die Möglichkeit der - von der SPD weitgehend nicht mehr gewollten - Wiedervereinigung angeschnitten wird. Merseburger erklärt, Willy Brandts Wort von der "Lebenslüge der Repbulik" sei nicht gegen die Wiedervereinigung an sich gerichtet gewesen, sondern lediglich gegen die Illusion, Wiedervereinigung im Zuge des weltpolitischen Ost-West-Gegensatzes erreichen zu wollen, was erkennbar den Realitäten vor 1989 widersprach. Hier zeigt sich der Realist Willy Brandt. Nicht umsonst hat die Biographie den treffenden Untertitel: Visionär und Realist.
Über einige Prämissen des Autors kann man streiten: er sieht Brandt - bei aller legitimen Verehrung - relativ unkritisch. Die vom Autor als "gouvermental" beschriebene "Nebenaußenpolitik" der SPD in den 1980-ger Jahren, als die Solidarnosch und andere Bürgerrechtsbewegungen im Ostblock von der SPD weitgehend ignoriert wurden, schreibt Merseburger primär nicht Brandt, sondern Egon Bahr zu, der in metternichschen Staatskategorien gedacht habe und die Gesellschaft vernachlässigt habe. Auch die - für mich unkritische - Übernahme der Bewertung Herbert Wehners (dessen Beitrag zu Brandts Sturz 1974 gut herausgearbeitet wird, jedoch durch Baring weitgehend bekannt ist) durch den früheren DDR-Spionagechef Markus Wolf, der Wehner nicht als "Mann des Westens" bezeichnet hat (eine Formulierung, die Merseburger unreflektiert übernimmt), wird dem Beitrag Herbert Wehners und seinem Lebenslauf meiner Meinung nach nicht gerecht.
Dennoch insgesamt eine hervorragende Biographie, die sicherlich ein Standardwerk der modernen Zeitgeschichte werden wird.
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