Wie man den Film "Willkommen im Süden", die italienische Version der französischen Erfolgskomödie "Bienvenue chez les ch'tis", beurteilt, dürfte wie bei vielen Remakes ganz maßgeblich davon abhängen, ob man das Original kennt.
Ich kenne es, diese Information möchte ich meiner Rezension deshalb voranstellen.
Für diejenigen, die noch nicht wissen, worum es geht:
Ein Postbeamter aus der norditalienischen Provinz möchte nach Mailand ziehen, erschwindelt sich -beinahe- die ersehnte Versetzung und wird daraufhin in ein kleines Städtchen bei Neapel strafversetzt.
Ausgestattet mit kugelsicherer Weste und jeder Menge Vorurteile über Mafiosi, Müll auf den Straßen, arbeitsscheue Kollegen und brütende Hitze macht er sich auf den Weg - und erliegt prompt dem Charme des Südens mit netten Kollegen, gutem Essen und idyllischer Lage am Meer.
Am Wochenende wird "der Arme" zudem im heimatlichen Norden von seiner mitleidigen Frau getröstet und verwöhnt.
Als diese jedoch beschließt, sein "Leid" mit ihm zu teilen und ebenfalls in den Süden zu kommen, hat er ein Problem...
Ich habe gar kein grundsätzliches Problem mit Remakes.
Von den US-Amerikanern ist man ja zum Beispiel gewöhnt, daß diese kaum ausländische Filme sehen wollen, sondern Filme aus Europa lieber für den heimischen Markt neu verfilmen.
Teilweise kommen dabei ja auch interessante eigenständige Werke heraus, die ganz und gar nicht schlecht sein müssen, ich denke da zum Beispiel an den französischen Film "Le retour de Martin Guerre" mit Gérard Depardieu, dessen Handlung vom Frankreich des 16. Jahrhunderts in die USA nach dem Bürgerkrieg 1861/65 verlegt wurde und der als "Sommersby" ein recht erfolgreicher eigenständiger Film wurde.
Auch wenn ältere Filme, die leider mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sind, deren Geschichten aber immer noch Potential haben, neu verfilmt werden, kann das durchaus seine Berechtigung haben.
Warum aber Italien einen erst ca 3 Jahre alten Film aus dem Nachbarland Frankreich nahezu 1:1 kopieren muss, erschließt sich mir nicht unbedingt.
Ich habe ihn dennoch gesehen, weil ich dachte, er hätte sich eventuell nur vage von den Ch'tis inspirieren lassen und würde trotzdem eine eigenständige Geschichte erzählen.
Dem ist aber leider nicht so.
Der Film ist tatsächlich über weite Strecken Szene für Szene und nahezu wortwörtlich übernommen.
In der ersten Hälfte könnte man sogar glauben, daß die einzelnen Szenen, sei es in der Postfiliale oder zu Hause, sogar in denselben Kulissen gedreht wären.
Die Vorurteile, mit denen sich die Hauptperson auf den Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle macht, sind dann geringfügig den anderen Örtlichkeiten angepasst, während es bei den Ch'tis ein seltsamer Dialekt und Kälte waren, sind es hier ein seltsamer Dialekt und - Hitze.
Auch unterwegs (Polizeistop wegen zu LANGSAMEN Fahrens) und am Bestimmungsort: leider nichts Neues für Ch'tis-Kenner:
Der neue Kollege steht genauso unter der Fuchtel von Mama und hat sich deshalb genauso mit der hübschen Kollegin entzweit wie im Original. Einziger Unterschied: im Original macht er Musik und hier macht er Feuerwerk.
Die paar winzigen neuen Akzente, die "Willkommen im Süden" setzt, sind dann auch noch recht derb und bringen mich nicht unbedingt zum Lachen, zum Beispiel wenn Alberto seiner Frau bei deren Ankunft eine kugelsichere Weste anzieht zum Schutz vor angeblich überall lauernden schießwütigen und mordlustigen Mafiosi oder wenn ein (vorgetäuschter) Ehekrach im Nachbarzimmer mit einem Schuss endet und Alfredo seiner Frau zufrieden sagt: "Jetzt streiten sie nicht mehr".
Andererseits sind ausgerechnet ein paar der besten Szenen des Originals (zum Beispiel die, in der Michel Galabru, in Szene gesetzt wie der Pate in bedrohlichem Halbschatten, von seinen "furchtbaren Kindheitserinnerungen" an den Norden berichtet) ersatzlos ausgelassen worden.
Darüber hinaus krankt der Plot für mich als eventuell unbedarfte Deutsche ohne viel Italienerfahrung an folgender Überlegung:
Daß ein Südfranzose nicht an die belgische Grenze will, fand ich in den "Ch'tis" noch vollkommen nachvollziehbar.
Daß man aber aus der norditalienischen Provinz partout nicht an den Golf von Neapel, in ein malerisches Städtchen direkt am Meer will, kann ich andererseits nicht wirklich nachvollziehen.
Ein Bekannter von mir hat sich vor zwei Jahren einen Traum erfüllt und ist von Mailand, Wunschziel des Filmprotagonisten Alberto, nach Kalabrien im äußersten Süden Italiens gezogen und wird seitdem von all seinen Mailänder Bekannten glühend beneidet...
Denjenigen, die das Original kennen, kann ich "Willkommen im Süden" also nicht empfehlen.
Andere, insbesondere dann, wenn sie ohnehin ein Faible für "Bella Italia" haben, werden den Film eventuell recht unterhaltsam finden.
Zumindest kann er mit einigen hübschen Außenaufnahmen aufwarten und sorgt so für Sommer-feeling.
In Frankreich soll ja angeblich bereits "Willkommen bei den Korsen" mit Jean Reno in Arbeit sein und in Hollywood ein Remake mit Will Smith.
Wahrscheinlich folgen dann "Willkommen bei den Jodlern" über einen Ostfriesen in Bayern (oder umgekehrt), "Willkommen im Nichts" über einen New Yorker im Mittleren Westen und "Willkommen bei den grünen Männchen" mit Dany Boon auf dem Mars.
Na wers mag...