Nach den Soloalben von Bosca, Vega und Bizzy Montana, kommt also nun mit „Willkommen im Niemandsland“ die erste Compilation des Frankfurter Labels „Freunde von Niemand“.Vor allem der „Adlerjunge“Vega hat mit seinem Album „Vincent“, welches sensationell auf Platz 5 der Albencharts einstieg, doch viele nicht nur überrascht, er hat gleichzeitig auch die Tür für die neue Frankfurter Schule ganz weit aufgestoßen! Muss man Veteranen wie Tone, Azad, D-Flame und Moses Pelham ja schon fast zur „Old-School“ der Mainmetropole zählen, sowie den Niedergang des Labels „Echte Musik“ zur Kenntnis nehmen, so tut es der Szene im Rhein-Main Gebiet mehr als gut, neben den „Azzlackz“ ein weiteres Powerhouse im Spiel zu haben!
Ja, es ist ein frischer und rauer Wind, der durch die Gassen der Bankenstadt fegt, auch wenn sich dort nicht wirklich die Geschichten der „FVN-Familie“ widerspiegeln. Vielmehr im Wald, auf den Wiesen, und im Stadion werden Ideen aufgegriffen, verarbeitet und niedergeschrieben, natürlich aber auch ein Auge auf den Rest der deutschen Szene geworfen. Vega ist ein unglaublicher Poet, der zwar gerne auf den Putz haut, gleichzeitig aber auch eine weiche Seite hat, seinen Emotionen freien Lauf lässt und es sich mit seinen Versen in unserem Gedächtnis niederlässt. Auf dem gleichen Level ist Bosca anzusiedeln, der noch mal eine Nummer aggressiver zur Tat schreitet wenn es um das basteln von Wortketten geht. Erstmals ins Rampenlicht tritt nun auch Timeless, der in naher Zukunft wohl sein Solodebüt bei FVN feiern dürfte. Bizzy Montana ist womöglich der MC mit der meisten Tiefe in seinen Versen, hier spielt vielleicht tatsächlich auch das „Vater sein“ eine Rolle.
Zum Album:
Mit einem ruhigen Piano beginnt das 16-Track starke Hörspiel, dass sich aber mit ertönen von Vega's Stimme relativ schnell in ein dunkles Szenario verwandelt und dem Hörer deutlich macht, dass jetzt wieder Dampf abgelassen werden muss, der Kessel überläuft. Vega klingt noch selbstbewusster als auf „Vincent“, erstmals gibt es auch Frontalangriffe auf die Röhrenjeans-Träger, die Hipster müssen dran glauben - nicht nur auf dem Cover! „Sie pumpen unseren Sound in Jugendclubs der ganzen Stadt“ rappt Bosca und macht klar, dass FVN von nichts und niemandem aufzuhalten ist. Ja, es ist eine geschlossene Wand die vor uns steht, ohne Löcher, kein Licht bricht hindurch, nicht mal eine Ameise kommt durch wenn sich der Klangteppich von Johnny Pepp und Christalbeats über den Hörer legt. Düster und hämmernd sind auch die Beats von Cubeatz und Jumpa, die an die Vorgänger Solo's nahtlos anknüpfen. „Rap Böhse Onkelz“ ist ein hartes Solo von Vega, ob die Onkelz wohl zufrieden sind mit seinen Versen? Nicht alles zerstört auf dem Album, die Jungs können und wollen auch mal einen Gang zurückschalten. „Foto an der Wand“ ist ein Rückblick auf gescheiterte Beziehungen und Freundschaften, so interpretiert man es zumindest. Timeless & Bosca meistern den Song Hand in Hand und und lassen Frust raus um sich von Lasten zu befreien.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch „War es das wert“ von Bizzy Montana, der darauf anspielt dass man lieber ehrlich zu sich selbst ist, bevor man falsche Moves am Ende bereut. Auch wenn der Beat hämmert und Johnny Pepp seinen Text sehr sicher runter rappt, „3 Uhr Nachts“ ist einer der wenigen Aussetzer des Samplers, den Refrain hat er verbockt, das hätte besser gelöst werden können – keine Frage! Generell stellt sich bei dem ein oder anderen Track die Frage, ob eine weibliche Stimme dem ganzen nicht gut tun würde, um den bleibenden Eindruck noch zu verstärken. Viel besser wird es auf „Schloss aus Sand“ gelöst, Migo bringt das richtige Gefühl mit um den Kopf nicken zu lassen, sehr schön!
Mit „Meine Musik“ und „Halt dein Maul Chab“ folgen die beiden besten Tracks des Albums. Das Überpotential von Timeless am Mikrofon knallt derbe und das lyrische Zusammenspiel von Vega, Bosca & Timeless trifft uns wie ein rostiger Speer in den Schädel – Unfassbar! „Sag mir nicht“ ist dann noch mal eine Ansage von Bosca in Richtung Hater und Konkurrenz, Timeless ist ebenfalls wieder mit am Start und unterstützt mit Leibeskräften. Das ganze kommt aus voller Überzeugung und macht deutlich, dass es die beiden mit allem was sie tun verdammt ernst meinen.
„La Vida Loca“ wird dem Titel entsprechend von einer Art Filmmusik begleitet, hier könnte man sich in einer verlassenen Stadt vor einem Saloon sehen, viel Staub an den Stiefeln, in der Hand eine leere Flasche Whiskey und einer Menge Durst. Auch „Wenn der Beat schlägt“ klingt dramatisch, erneut hauen Bosca & Timeless, die tödliche Combo, heftige Verse in den Hinterhof! Und siehe da, wenn man es eigentlich nicht mehr erwartet kommen bei „Besser renn“ sogar ein paar Scratches zum Zug, In Zukunft bitte mehr davon, die Kultur will gepflegt sein! Die beiden letzten Tracks „Kein Licht“ und „Sterne zählen“ lassen uns das ganze dann tatsächlich gemütlich zu Ende bringen. Bosca & Bizzy stellen einmal mehr unter Beweis, dass Battle- und Straßenrap durchaus auch mal nachdenklich wirken kann. Ein gelungenes Ende von einem richtig guten ersten Album der kompletten Familie, die ja aktuell „schwanger“ ist und am 02.09. Zuwachs erwartet.
Fazit: Frankfurt war niemals von der Karte, aber mit den letzten FVN-Releases, einschließlich diesem hier, wird bestätigt, dass in der Bankenstadt nicht nur jede Menge Wolkenkratzer aus dem Boden schießen, sondern auch die Rapper wieder nach den Sternen greifen können und nicht wissen, wofür Mundgeruch wirklich steht! Ob Kay One das verkraften wird?