Was für ein Szenario! Mit nichts als schwarzer Tinte zeichnet Éric Liberge ein Bild einer unwirklichen Welt, die nicht Himmel, nicht Hölle zu sein scheint, aber doch die Verstorbenen der Welt enthält. Sein "Held - Mardi-Gras Aschermittwoch" (wörtlich übersetzt Fetter Dienstag, wie der Faschingsdienstag in Frankreich heißt), just in der Nacht zum Aschermittwoch verstorben - ist ein bloßes Skelett. Und im gesamten Comic wird der Leser auch nicht anderes entdecken als Skelette, eine fahle, einsame Gegend und eine seltsame Stadt, die ein Abbild einer irdischen Stadt zu sein scheint. Das ist wenig, sehr wenig.
Und doch, man kann sich der Faszination dieser Geschichte nicht entziehen. Nicht nur, weil es dem Texter und Illustrator Liberge gelingt, den Skeletten Seele, Ausdruck und Qual zu geben, sondern auch, weil es sich immer mehr um ein hintergründiges, spannendes und sehr, sehr merkwürdiges Abenteuer handelt, das man so noch nie zu lesen und zu betrachten bekam.
Kein einziges Bild ist stereotyp, keine Seite ohne Überraschungen. Zu keiner Sekunde kann man sich ausmalen, wohin die Story sich entwickelt, was hier eigentlich Gegenstand der Erzählung ist. Geht es um eine Abrechnung mit den Vorstellungen der Weltreligionen? Ist dies ein Mystery-Thriller oder eine absurde Persiflage auf Endzeitromane? Hat man Grund zu lachen, ist dies Ironie oder Sarkasmus oder bereits zersetzende Gesellschaftskritik?
Ein wenig mischt sich in die Begeisterung über dieses abgedrehte Szenario Enttäuschung. Zu unbestimmt entwickelt sich alles, zu wenig wird erklärt, zu sehr bleibt der Sinn im Dunkeln. Immer wieder wird die Geschichte allein dadurch voran getrieben, weil ihr "Held" cholerisch an den Umständen zweifelt und sein Schicksal vehement ablehnt, immer wieder benimmt er sich wie die Axt im Wald, bekommt unweigerlich großen Ärger. Nur um eine Seite später wieder einen Tobsuchtsanfall zu bekommen und wieder Ärger zu bekommen.
Dennoch, oder gerade weil der Kreateur dieser düsteren, traurigen und gottverlassenen Welt sich jeder Konvention, Erzähltradition oder rotem Faden verweigert, legt man den überlangen und in bestechender Druckqualität aufgelegten Comic voller Ungeduld zur Seite - wie geht es bloß weiter mit "Mardi-Gras Aschermittwoch"? Was für ein Schicksal hat wer ihm zugedacht und wie kann er ihm vielleicht entrinnen? Die auf vier Bände angelegte Serie - in Frankreich zwischen Juni 2004 und September 2005 erschienen - wird jedenfalls eine große Fangemeinde erwerben - und große Abscheu, denn nicht jedem wird dieses Szenario rund um geistreiche Knochengerüste gefallen.