Zuerst sei gesagt: Diese Autobiographie Isherwoods, in der er zehn Jahre seines Lebens beschreibt, ist durchaus gelungen. Ich will über das Werk an sich gar nicht so viele Worte verlieren, aber eine kurze Beschreibung muss dann doch sein. Isherwood schrieb schon in den 1930ern mehrere Romane, die autobiographisch angehaucht waren, der bekannteste davon dürfte "
Leb wohl, Berlin" sein, der die Erfahrungen des Autors im Berlin Anfang der 30er behandelt. Allerdings stellten diese Romane ein Zerrbild der Wirklichkeit dar, einige Begebenheiten und Personen waren verändert oder erfunden. Hauptproblem war damals die Homosexualität Isherwoods, über die er sich noch explizit zu schreiben traute. Dieses nun vorliegende Werk stellt einiges richtig und erzählt im Detail, welche Erfahrungen Isherwood in den 30ern wirklich machte, beschränkt sich hier aber nicht nur auf den Aufenthalt in Berlin, sondern geht auch auf die zahllosen Reisen durch Europa ein, die der Autor danach unternahm.
Isherwood gelingt es, dem Leser die Stimmung zu vermitteln, die damals kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Europa herrschte. Interessant ist auch die Darstellung der homosexuellen "Subkultur" im Berlin Anfang der 30er. Zudem verkehrte Isherwood mit vielen bekannten Persönlichkeiten und weiß einige Anekdoten über diese zu berichten, beispielweise Virginia Woolf, Bertolt Brecht, E. M. Forster, Thomas & Klaus Mann, ...
Alles in allem also eine sehr ansprechende, interessante Biographie. Einziges Manko sind die vielen Freunde Isherwoods, die wirklich so zahlreich sind, dass man mitunter schon mal den einen oder anderen Namen vergessen kann und sich beim Wiederauftauchen einer Figur nicht mehr ganz sicher ist, wer diese nun eigentlich nochmal war. Aber das kann man Isherwood nicht wirklich ankreiden.
Nun zur Veröffentlichung des Bruno Gmünder Verlags: Ich war erfreut, dass die Übertragung ins Deutsche gut gelungen ist - rein sprachlich zumindest! Dennoch sind bei der Produktion des Buchs wohl ein paar Fehler unterlaufen. Zunächst machen ein oder zwei Jahresangaben im Buch keinen Sinn, zum Beispiel wird einmal die Jahresangabe 1931 gemacht, wobei es 1932 oder 1933 heißen müsste. Dies mag marginal erscheinen, aber bei der ausführlichen Beschreibung der Geschehnisse und der zeitlichen Orientierung, die der Leser benötigt, fällt dies dann doch stärker ins Gewicht. Zudem ist das Buch gespickt mit längeren Zitaten aus Isherwoods Briefwechsel oder seinen Romanen, diese erscheinen zur Unterscheidung zum restlichen Text eingerückt und in kleinerer Schriftgröße. Dumm nur, dass immer mal wieder Formatierungsfehler gemacht wurden und somit auch Teile des restlichen Textes in der Zitat-Formatierung dargestellt werden. Wieder ein Umstand, der den Leser an einigen Stellen der Biographie verwirren könnte. Typisch für den Bruno Gmünder Verlag bescherte man dem Werk dann auch noch ein billig wirkendes Cover, das "SCHWULE-TRASH-LITERATUR" zu schreien scheint, hier würde man nicht vermuten, dass es sich um ein Werk eines der wichtigsten englischen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts handelt. Ebenso der dt. Titel "Willkommen in Berlin". Hier will man wohl die Verbindung zum oben erwähnten "Lebwohl, Berlin" schaffen. Allerdings ist der Titel irreführend, da nur ca. ein Drittel der Biographie in Berlin spielt. Dabei ist der englische Originaltitel "Christopher And His Kind", den man hier als Untertitel benutzte, sehr viel passender.
Fazit: Ein empfehlenswertes Werk - schade, dass sich kein anderer Verlag um eine Veröffentlichung bemüht hat.