Wer nach Lektüre des Klappentextes ein "Überleben im Busch" Abenteuer a la Stephen Kings "Das Mädchen" oder ein feuchtes Untergangsszenario analog Wolfgang Petersens Film "Der Sturm" erwartet, wird ggfs. enttäuscht, bzw. - wie ich - positiv überrascht werden.
Denn "Williwaw" ist weitgehend eine sehr realistische, nichtsdestotrotz spannende Beschreibung der Lebensumstände von Alaskas Jugendlichen.
Hierbei konzentriert sich der Autor auf die "Buschratten" (die optimale Übersetzung würde eher (primitive) Hinterwäldler lauten), also Leuten, die fernab jeder Siedlung leben und diese nur mit dem Flugzeug oder nach stundenlanger Fahrt mit Auto oder Boot (wie hier) erreichen können. Aber auch die Lebensumstände der Kleinstadtkids werden kurz angeschnitten.
An Hand der 13jährigen September und ihres um ein Jahr jüngeren Bruders Ivan erfährt der geneigte Leser viel über das harte verantwortungsvolle und doch zumeist so glückliche Leben der Frontierkids (Alaska - auch - The last Frontier), die im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen müssen. Aber auch ihre ethischen Werte, Selbsteinschätzung und Wünsche werden sehr gut und einfühlsam beschrieben.
Löblicherweise versteht es der Autor außerdem durch wunderbare Beschreibungen vor unserem geistigen Auge die Flora und Fauna der Region anschaulich entstehen zu lassen und mit einigen Vorurteilen, wie z. B. hinsichtlich der von Bären ausgehenden Gefahren, aufzuräumen.
Zur tatsächlichen Handlung (ohne zu viel zu verraten):
Die Sache mit der Verantwortung geht bei den vorübergehend allein lebenden Geschwistern bereits zu Anfang schief und die Beiden sind den Rest der Handlung damit beschäftigt ihren Fehler wieder gut zu machen; entwickeln dabei eine für unsere Breiten kaum glaubhafte - trotzdem in Alaska durchaus vorstellbare - Eigeninitiative, bringen sich aber auf Grund ihrer jugendlichen Unerfahrenheit trotzdem immer weiter in Schwierigkeiten.
Bis hierhin durchaus realistisch, geraten sie beim Showdown in den gefürchteten Williwaw (wirklich böses Naturphänomen) und die Handlung ergibt sich leider nun dem Hollywood Mainstream. Der im September auf dem Meer stattfindende Kampf "Kids gegen Naturgewalt" ist zwar sehr spannend beschrieben, aber leider in dieser Form absolut unglaubhaft. Doch dieses kleine Manko kann und sollte man verschmerzen.
Schreibstil und Layout:
Tom Bodetts Stil, bzw. die (gelungene) Übersetzung ist flüssig zu lesen, enthält - mit Ausnahme von alaskatypischen Begriffen, die aber meist erklärt werden - keine unnötigen Fremdwörter.
Die Lettern sind recht groß, was ungeübten Lesern entgegenkommt.
Lesezeit für Leseratten: ca. 3 Stunden - Gelegenheitsleser entsprechend länger
Fazit:
Ein wirklich gutes, für Mädchen wie Jungen geeignetes Jugendbuch, dass ich allerdings auch allen erwachsenen Alaska-Fans vorbehaltlos empfehlen kann.
Wer fies ist kann "Williwaw" auch seinem "Ichhababerkeinelustdiespülmachineauszuräumen" Sprösslingen zwecks späterer Argumentationshilfe zur Pflichtlektüre machen. ;-)