Aus der Amazon.de-Redaktion
Christoph Hein, bereits mehrfach ausgezeichnet, legt in seinem Roman "Willenbrock" schichtweise die Wahrheit unter der Fassade der Gutbürgerlichkeit frei. Willenbrock überrascht einen Einbrecher, der mit einer Eisenstange auf ihn zukommt. Er schießt. Es geht auf Silvester zu. So kann er seiner Frau hinterher vorlügen, es seien Knaller gewesen. Aber die Spuren müssen getilgt werden. Hier unterläuft Hein ein Fehler: Revolver werfen beim Schuss keine Patronenhülsen aus, die zwecks Spurenvernichtung aufgesammelt werden müssen. Diese Passage passt zwar ins Bild, ist aber überflüssig. Nicht überflüssig ist dagegen die Geschichte in der Geschichte. Das Zerwürfnis mit seinem Bruder, der zu DDR-Zeiten mit einem Segelflugzeug über die innerdeutsche Grenze geflohen ist, was wiederum dazu führte, dass Willenbrock selbst nie wieder fliegen durfte. Das ist ungemein glaubwürdig und realistisch: die Sippenhaft nach erfolgter "Republikflucht" eines Familienmitgliedes. Der Roman ist ein spannender literarischer Beitrag zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit. --Corinna S. Heyn -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Der erste Eindruck, den man von Christoph Heins neuem Roman bekommen könnte, täusche. Die "genüssliche Langsamkeit" der Schilderung des Gebrauchtwagenhandels habe, so Rezensent Gustav Seibt, mit der Wiedergeburt des sozialistischen Realismus wenig zu tun. Sie bilde nur das beinahe beliebige Material, in das hinein Hein eines seiner typischen abstrakten Denkspiele inszeniere. Vom Gebrauchtwagenhandel führe der Roman über die Andeutung einer Kriminalhandlung zuletzt ins "Zeichenhafte und Allegorische ". Verhandelt werde die akute Bedrohung der Zivilisation durch Gewalt und Barbarei, die aus dem Osten kommen, und in der Figur eines waffendhändlerischen Russen satanisch-allegorische Gestalt werden. Gustav Seibt ist sich nicht sicher, wie wörtlich die Botschaft gemeint ist, findet aber viele lobende Worte für den Kunstverstand des Autors, die "düster-schwarze, kalt-glänzende" Poesie dieses Romans.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Buch der 1000 Bücher
Willenbrock
OA 2000 Form Roman Epoche Moderne
Willenbrock ist die Geschichte einer Verstörung. Der Roman von Christoph Hein zeigt an einer exemplarischen Ostberliner Existenz, wie brüchig die Decke zivilisatorischer Sicherheiten ist, wie kurz der Weg vom Versagen des bürokratischen deutschen Rechtsstaats hin zu archaisch-anarchischen Formen der Selbstjustiz sein kann.
Inhalt: Bernd Willenbrock ist ein stabiler, unproblematischer Charakter, ein Gewinner der Wende mit prosperierendem Gebrauchtwagenhandel in Ostberlin, dessen Kunden vorwiegend aus Polen und Russland kommen. Seine Ehe ist glücklich und nicht tangiert von seinen systematischen Seitensprüngen; sein festes Hobby ist das Handballspielen. Willenbrock ist zufrieden mit seinem Leben, weil er beschlossen hat, nicht, wie so viele andere, in einem ständigen Gefühl der Kränkung leben zu wollen. Als sieben Autos von seinem Hof gestohlen werden, ist er aber eben dies: gekränkt. Der Diebstahl ist jedoch nur der Beginn einer Serie von immer brutaler werdenden Raubüberfällen; in seinem Ferienhaus wird Willenbrock von einem der russischen Banditen fast erschlagen. Die Kränkung wird zur tieferen Verunsicherung, zumal Polizei und Justiz als entweder unwillig oder unfähig erscheinen: Die mutmaßlichen Einbrecher im Landhaus werden nicht verurteilt, sondern einfach abgeschoben, also auf freien Fuß gesetzt.
Willenbrock versucht zunächst das subjektive Sicherheitsgefühl mit aufwändigen Alarmvorrichtungen wiederherzustellen, doch schließlich nimmt er das »Geschenk« an, das Krylow, ein russischer Großkunde und mutmaßlicher Mafioso, ihm macht: einen Revolver. Krylow hatte Willenbrock bereits mehrfach seine Schlägertruppe angeboten, die der jedoch unter Berufung auf seine eigenen Prinzipen und die des Rechtsstaats wiederholt zurückgewiesen hatte.
Mit dem Revolver als ständigem Begleiter verliert Willenbrock zusehends die Nerven. Auch die übrigen Koordinaten seines Lebens geraten ins Wanken; seine Ehe scheint nun wesentlich von Lügen getragen, er gibt von einem Tag auf den anderen das Handballtraining auf und einem Kollegen aus DDR-Zeiten gegenüber, von dessen Denunziationen er erfährt, verliert er nun die Beherrschung, nachdem er ihm anfangs noch überlegen und pragmatisch begegnet war. Als er eines Nachts wieder verdächtige Geräusche hört, zum ersten Mal in seinem Berliner Privathaus, schießt er aus Angst auf den jungen Einbrecher. Der kann flüchten, und Willenbrock weiß nicht, ob er ihn schwer oder gar tödlich verwundet hat. Er offenbart sich niemandem und lebt fortan als ein endgültig Gezeichneter.
Aufbau: Der Roman ist in fortlaufend linearen Kapiteln und der für Hein typischen, stark zurückgenommenen und scheinbar unterkühlt registrierenden Sprache geschrieben, die kleinschrittig-detailliert und sehr dialoghaltig erzählt. Der Leser hat fortwährend zwischen Gesagtem und Ungesagtem, zwischen Oberfläche und Tiefe zu unterscheiden.
Wirkung: Willenbrock wurde von der Kritik überwiegend begrüßt, bisweilen als gültiger Wende-Kommentar bezeichnet. Dem Stil wurde Eleganz und lakonische Poesie bescheinigt; man hob die gekonnte Dramaturgie hervor, die Willenbrocks Veränderung so plausibel erscheinen lässt und die gleichzeitig die Spannung des Textes ausmacht. M. R.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. 1967 studierte an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem Prosadebüt Einladung zum Lever Bourgeoise. 2008 wurde Hein mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen ausgezeichnet.