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Christoph Hein, bereits mehrfach ausgezeichnet, legt in seinem Roman "Willenbrock" schichtweise die Wahrheit unter der Fassade der Gutbürgerlichkeit frei. Willenbrock überrascht einen Einbrecher, der mit einer Eisenstange auf ihn zukommt. Er schießt. Es geht auf Silvester zu. So kann er seiner Frau hinterher vorlügen, es seien Knaller gewesen. Aber die Spuren müssen getilgt werden. Hier unterläuft Hein ein Fehler: Revolver werfen beim Schuss keine Patronenhülsen aus, die zwecks Spurenvernichtung aufgesammelt werden müssen. Diese Passage passt zwar ins Bild, ist aber überflüssig. Nicht überflüssig ist dagegen die Geschichte in der Geschichte. Das Zerwürfnis mit seinem Bruder, der zu DDR-Zeiten mit einem Segelflugzeug über die innerdeutsche Grenze geflohen ist, was wiederum dazu führte, dass Willenbrock selbst nie wieder fliegen durfte. Das ist ungemein glaubwürdig und realistisch: die Sippenhaft nach erfolgter "Republikflucht" eines Familienmitgliedes. Der Roman ist ein spannender literarischer Beitrag zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit. --Corinna S. Heyn -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Autos verschwinden von seinem Hof, der Nachtwächter wird überfallen, sein Hund getötet, schließlich kommt Willenbrock beim Einbruch in sein Ferienhaus bei Usedom nur mit Not lebendig davon. Für ihn unbegreiflich werden die Täter, zwei junge Russen, kaum daß sie gefaßt sind, nach Osten abgeschoben. Willenbrock ist empört über die Laschheit des neudeutschen Rechtsstaats. So etwas wäre früher, jenseits der Mauer, nicht passiert oder anders geregelt worden. Bei Dr. Krylow aus Moskau, seinem besten Kunden, besorgt er sich einen Revolver. Beim nächsten Einbruch, in seinem Haus in Berlin, ist er gewappnet: Er überrascht den Täter, der mit einer Eisenstange auf ihn einschlagen will, und schießt. Nach dem Motto "Hilf dir selbst" hat Willenbrock das Recht in seine Hände genommen. Offen bleibt, wie stark der flüchtende Täter verletzt wurde.
Mit diesem vagen Ausgang endet ein Roman, in dem -wie bei Kleist- eine mittelgroße Störung des Normalen bei einem Durchschnittsbürger einen Prozeß in Gang setzt, der alle Kontrollen des Gewissens und der Vernunft außer Kraft setzt.
Man kann dem Roman sicher eine gewisse, vom Autor wohl gewollte Langatmigkeit und einen etwas spröden, bürokratischen Stil vorwerfen. Manches wie die Baufortschritte der Ausstellungshalle oder die Modenschau in der Boutique sollte man schnell überlesen. Angenehm ist, daß uns der Autor keinen weiteren Verlierer aus der einstigen DDR vorführt, sondern einen erfolgreichen Selfmade-Man, der trotz seiner Erfolge in der Marktwirtschaft dennoch immer wieder von den alten Zeiten eingeholt wird. Ein durchaus spannender und lesenswerter Roman.
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