Bernd Willenbrock hat die Wende gut überstanden und nutzt die neu in Ost-Berlin eingezogene Marktwirtschaft durch einen Gebrauchtwarenhandel, der vor allem von Geschäften mit Osteuropa profitiert. Sein Büro liegt in einem Wohnwagen, doch am Ende des Romans wird eine eigene Verkaufshalle auf dem Grundstück stehen. Der Pole Jurek und nach einem nächtlichen Autodiebstahl auch ein Nachtwächter arbeiten für ihn, seine Frau Susanne betrügt der kinderlose Schwerenöter mit Margot, Rita oder Barbara, jungen Dingern, meist ehemaligen Kundinnen; mit der Studentin Margot fährt er unter dem Vorwand einer Schulungsfahrt in deren neuem Auto für ein Wochenende in sein Landhaus in Bugewitz, um sie zu verführen, in der Stadt hat er für seine Gespielinnen ein Hotelzimmer; seine Frau Susanne führt auf seine Kosten eine Boutique, die sich nicht rentiert: Bildnis eines bürgerlichen Menschen.
In der Mitte des Buches dann der dramatische Höhe- und Wendepunkt, der das Bild kräftig zum Wackeln bringt: Während eines Wochenendes in ihrem Landhaus, einem restaurierten Bauernhof, wird das Ehepaar Willenbrock von mehreren Russen überfallen. Willenbrock kann, aus dem Schlaf geschreckt, die Einbrecher zwar in die Flucht schlagen, wird dabei aber durch Schläge mit einem Metallstab verletzt. Die Polizei nimmt zwei Verdächtige fest. Wie Willenbrock später erfährt, werden sie trotz dringenden Tatverdachts abgeschoben und der Fall nicht strafrechtlich verfolgt. Willenbrock, bisher genügsam und ausgeglichen, verliert die Balance. Der zwielichtige Russe Krylow, einst in KGB-Diensten, heute ein Wende-Profiteur und Willenbrocks bester Kunde, schenkt ihm einen Revolver samt Munition, den der Geschäftsmann zunächst nur aus Höflichkeit annimmt. Als Willenbrock nachts auf seinem Berliner Grundstück erneut einen Einbrecher ertappt, der sich an seinem Wagen zu schaffen macht, schießt er auf ihn. Der angeschossene Einbrecher kann unerkannt entkommen. Seiner Frau Susanne verschweigt Willenbrock den Vorfall. Ihre Beziehung ist zudem gestört durch den Verdacht, dass sie ebenfalls eine Affäre haben könnte. Die Waffe wird für den Autohändler zur Manie. Da er sie niemandem zeigen kann, trägt er sie ständig in einer Aktentasche mit sich herum. Nach Zeitungsmeldungen über den verletzten Einbrecher sucht er vergeblich. Willenbrocks bürgerliche Existenz setzt sich am Ende fort wie ein Glas mit Sprung, das in den Schrank zurückgestellt wird, aber jederzeit zerbrechen könnte.
Mit diesem etwas unbefriedigenden Schluss endet Christoph Heins kurzer, aber kraftvoller Ausschnitt aus dem Leben eines Unternehmers im wiedervereinigten Deutschland. Die Figur des Bernd Willenbrock, dessen umfassendes Porträt Hein hier gezeichnet hat, ist im wahrsten Sinne des Wortes imposant und vermag zu fesseln. Hein nimmt sich viel Zeit, seinen Charakter zu entfalten, seine Lebenssituation zu schildern. Durch die vielen wie beiläufig eingestreuten Begegnungen mit seinen Beschäftigten, Handballkollegen, Geliebten, Verwandten, den Besuchern einer Mini-Modenschau in Susannes Boutique, einem Ex-Kollegen, der als Stasi-Spitzel entlarvt wurde, und Willenbrocks Umgang mit ihnen entsteht ein ziemlich vollständiges Bild des wendigen Unternehmers, seiner Schwächen und der leicht neurotischen Störung, die die Begegnung mit den Einbrechern auslöst, und deswegen funktioniert auch dieser im Grunde schlicht gestrickte und ganz um die Hauptfigur herum komponierte Roman, addieren sich ernst-dramatische und heiter-ironische Episoden (wie die improvisierte Modenschau mit einem Skandal-Posaunisten) zur durch und durch stimmigen Studie einer bürgerlichen Existenz der Nachwendezeit. Ständig hatte ich, ohne den
Film von Andreas Dresen zu kennen, Axel Prahl vor Augen, sicherlich die ideale Besetzung für Willenbrock.
Sprachlich zeigt sich Christoph Hein hier eher als solider Arbeiter denn als brillanter Formulierkünstler. Die Sprache ordnet sich spürbar der Handlung unter, mitunter holpert sie auch: Konjunktive I und II werden in Indirekte-Rede-Passagen ziemlich unsystematisch miteinander vermengt. Ein guter Lektor hätte hier geglättet. Die lamentable Leistung des Lektorats lässt sich auch daran erkennen, dass sich im Buch Dutzende Rechtschreib- und Interpunktionsfehler finden. Mehrfach werden "ss" und "ß" verwechselt, mindestens zweimal stimmen Satzstrukturen nicht. Das darf einem Verlag wie Suhrkamp eigentlich nicht passieren.
Trotz solcher Defizite ein alles in allem empfehlenswerter Nachwenderoman, der allerdings das Niveau von Christoph Heins
Landnahme über eine "DDR"-Karriere nicht erreicht.