New York.
Es war einer dieser typisch miesen Tage.
Der graue, trübe Himmel verwandelte die Hochhäuser von Manhattan in riesige Grabsteine. Ein feiner Regen, dicht und anhaltend, kroch in den Kragen von Willards schwarzer Lederjacke und ließ ihn erschaudern. Dunkle Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn wie die Fangarme eines Tintenfisches. Autos, die vor den roten Ampeln warteten, pusteten weiße Rauchwölkchen in die Luft.
Will schlurfte mit offenen Turnschuhen und hängenden Schnürsenkeln über die Straße. Er war groß, spindeldürr und ganz offensichtlich schlecht gelaunt: Krumm und gebeugt, wie immer in solchen Momenten, schob er den Hals wie ein Geier nach vorne und starrte mit stumpfem Blick vor sich auf den Bürgersteig.
Er war so erbost darüber, wie die Dinge sich entwickelten, dass er beinahe eine alte Dame mit ihren Einkaufstaschen vor Hooneys, dem Supermarkt in der 63. Straße, umgerannt hätte. In seiner Wut bemerkte er nicht einmal die überdimensional großen Plakate, die den Auftritt der Gutterzombies, seiner Lieblingsband, ankündigten. Selbst am Plattenladen seines Freundes Leo schlurfte er vorbei, ohne einen Blick in das verdreckte Schaufenster zu werfen, in dem sich gebrauchte CDs und alte Vinylplatten stapelten. Stattdessen ging er schnurstracks nach Hause, zum ältesten und schiefsten Hochhaus des gesamten Viertels, stieß die Haustür mit einem Fußtritt auf und sprang in den Aufzug, während das Wasser aus seinen Jeans tropfte.
Die Aufzugskabine hätte eigentlich schon längst mal wieder geputzt werden müssen, so wie große Teile des Gebäudes. Am Boden lag ein durchgetretener Teppich in Mausgrau, irgendein Rowdy hatte mit einem Taschenmesser Sprüche in die Holzvertäfelung geritzt und der unerträgliche Kamillengestank von Mrs Cole, der Mieterin aus dem neunzehnten Stockwerk, schlug ihm entgegen.
Will war all das gleichgültig. Er knallte die wurmstichigen Holztüren des Aufzugs zu, drückte den abgegriffenen Knopf und wartete auf den Ruck, der die Abfahrt der Kabine ankündigte. Dabei starrte er auf den trostlosen Fußboden der Eingangshalle.
Als sich nichts rührte, hämmerte er noch einmal ungeduldig auf den Knopf für das oberste Stockwerk. Keine Reaktion.
"Fantastisch", murmelte er und lehnte sich niedergeschlagen an die Holzwand. "Echt fantastisch."
Der Aufzug war schon wieder kaputt.
Dieser Tag war tatsächlich richtig mies.
Im zwölften Stockwerk waren seine Klamotten getrocknet, nach dem achtzehnten Stockwerk waren sie wieder nass - dieses Mal jedoch schweißnass.
Im neunzehnten Stockwerk bemerkte Will dann, dass Mrs Cole die Flasche noch nicht hereingeholt hatte, die der Milchmann vor ihrer Tür abgestellt hatte. Das brachte ihn auf eine Idee. Genervt vom defekten Fahrstuhl, beschloss Will, dass es endlich an der Zeit sei, sich für all die Jahre unerträglichen Kamillengestanks zu rächen.
Er schraubte den Deckel von der Flasche und stellte sie leicht schräg gegen die Wohnungstür. Dann klingelte er und sprang in dem Moment den nächsten Treppenabsatz hinauf, als Mrs Cole die Tür öffnete und eine weiße Milchwelle ihre Füße umspülte.
Ein wenig mit sich und dem Tag besänftigt, marschierte Will weiter bis zum neunundzwanzigsten Stockwerk, wo unter der Spitze eines Blitzableiters das Hochhaus schmaler wurde. Dort befand sich die Tür zu seiner Wohnung.
Willard Moogley stand auf dem Messingschild, das er extra schief an die Eingangstür geschraubt hatte.
Einem Kreislaufkollaps nahe, presste Will die Stirn gegen das Holz und verharrte eine Weile so, mit dem Kopf an die Tür gelehnt. Dabei durchsuchte er die Taschen seiner Lederjacke und der weiten Jeans nach den Schlüsseln. Er fand: Geldstücke, verpackte Kaugummis, gekaute Kaugummis, Gummibälle, ein original Schweizer Messer, U-Bahn-Fahrkarten, Bleistiftstummel, das Kugellager einer alten Waschmaschine und natürlich den Schalter des Fotokopierers aus der Schule, dessen plötzliches Verschwinden heute Morgen seine Lehrerin, Frau Schulz, daran gehindert hatte, einen Test zu schreiben.
Endlich spürte Will den totenkopfförmigen Schlüsselanhänger in der Hand. Er steckte den großen schwarzen Schlüssel in das Schloss und löste seinen Kopf erst von der Tür, kurz bevor sie aufsprang.
"Hallo ... Ich bin wieder da", murmelte er, als er die Schwelle überschritten und die Tür mit einem für seine Verhältnisse äußerst sportlichen Hackenkick zugedonnert hatte.
"Undwenschertdas! Undwenschertdas!", rief ihm eine hohe Stimme entgegen, ohne dass jemand zu sehen war.
Will zog die Jacke aus und warf sie auf eine Garderobe in Gestalt einer Giraffe, dann tastete er nach dem Lichtschalter an der Wand, und gleich darauf leuchtete in dem Halbdunkel ein schwaches Lämpchen auf.
Die Moogleysche Wohnung war vollgestopft mit Dingen aller Art: Neben der Garderobe standen ein paar runde Stühle, auf denen Generationen von T-Shirts in den unterschiedlichsten Farben vor sich hin gammelten, die raumhohen Regale quollen über von Büchern, und in der Mitte des Zimmers hing ein bedrohlich wirkender Kronleuchter, reich verziert mit geflochtenen Kupferblättern. Die Decke war schwindelerregend hoch, so hoch, dass Will nicht mal die durchgebrannten Glühbirnen auswechseln konnte, selbst wenn er auf die letzte Stufe der Haushaltsleiter stieg.
Das Zimmer gleich daneben, in das er einen missmutigen Blick warf, war ein schier endloser Raum mit einem riesigen schwarzen Ledersofa voller Risse, zwei identischen Sesseln zu beiden Seiten des Fernsehers, einer hölzernen Standuhr in der Ecke am Fenster, einem Reisekoffer mit Metallbeschlägen und einem chinesischen Gong mit beeindruckendem Durchmesser. Über den Teppich schlängelten sich die Kabel der Gamepads für die Videospielkonsole in einem wilden Durcheinander.
Neben einem nicht näher zu bestimmenden düsteren Möbelstück aus dunklem Holz, auf dem sich etwa dreißig leere Pizzakartons stapelten, öffnete sich die Küche. Und in ihrer Mitte, auf einem alten Silbergestell, putzte sich Haltdieklappe, Wills Papagei, einen Flügel.
"Undwenschertdas!", krächzte das Vogelvieh, als es seinen überaus genervten Besitzer erblickte, der ihn geflissentlich ignorierte.
Will durchsuchte den Wäscheständer mit den gewaschenen schwarzen T-Shirts, zog sich irgendeines heraus und entledigte sich seines nassen Shirts, das er diesen ganzen miesen Vormittag getragen hatte. Nur kurz leuchteten seine mageren Rippen mit den Leberflecken und die weiße Haut über seinem eingefallenen Bauch auf, der wahrscheinlich noch nie einen Sonnenstrahl gesehen hatte - so schnell zog er sich um.
Das alte T-Shirt landete auf dem Papagei, der es mit einer gekonnten Bewegung abschüttelte.
Will zog an dem handbremsenartigen Griff des bauchigen Kühlschranks und betrachtete die letzten essbaren Überreste.
Draußen vor dem Fenster donnerte es, der Regen wurde stärker und prasselte heftig gegen die Scheiben.