Neue Zürcher Zeitung
Die Masshaltigkeit der Dinge
rh. Er war Designer, als das Wort noch nicht in Mode und noch nicht alles Design und Design noch nicht alles war: Wilhelm Wagenfeld (19001990), einer der bedeutenden Pioniere des deutschen Industriedesigns. Selbst in späteren Äusserungen ist bei ihm von Design selten die Rede und wenn, dann abwehrend und eher negativ. Als «Formgestalter» verstand er sich, und seine Arbeit umschrieb er als «künstlerisch geführte und durchdachte Formgebung» industriell herzustellender Gebrauchsgüter. In einem Brief vom 26. Januar 1973 findet sich die schöne Formulierung von der «Masshaltigkeit der Dinge», um die es ihm in seinem «Tun» immer gegangen sei. Den Anfang bildete die legendäre Bauhaus-Leuchte, die Wagenfeld inspiriert von den Ideen des Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy 1924 geschaffen hat und die so gelungen war, dass sie wie «jedes Überragende sich auszeichnet durch massliches Wohlverhalten in sich und um sich». Dann folgten fünfzig Jahre Wagenfeld-«Formgestaltung», deren Resultate nur in einer langen Werkchronologie zu verzeichnen sind. In diesen Jahren wurden seit 1954 durch die «Werkstatt Wagenfeld» in Stuttgart so immens viele Gebrauchsgüter entworfen und entwickelt, dass auch manches an «Blech-, Glas- und Porzellankram» (Wagenfeld) produziert worden ist. Die grossen Firmen, für die Wagenfeld die unterschiedlichsten Produkte gestaltet hat, waren das Jenaer Glaswerk, die Lausitzer Glaswerke und die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF). Gerade die Arbeiten für WMF nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen, wie sehr der «Formgestalter» Wilhelm Wagenfeld durch seine stilbildenden «Formgebungen» das Design-Bewusstsein einer ganzen Epoche mitgeprägt hat.
Kurzbeschreibung
Anlässlich seines 100. Geburtstags erschließt und würdigt die Publikation das OEuvre Wilhelm Wagenfelds in der Gegenüberstellung mit Werken anderer bedeutender Designer seiner Zeit.
Wilhelm Wagenfelds Rang als Pionier des deutschen Industriedesigns ist unbestritten. Wie kein zweiter Vertreter seiner Zunft setzte er sich mit Professionalität und Erfindungsreichtum mit den Fertigungs- und Marktbedingungen einer industriellen Massenproduktion auseinander. Zahllose seiner klaren und funktionalen Entwürfe avancierten zu zeitlos schönen Klassikern: die bis heute gültige Bauhaus-Leuchte, die Wagenfeld als Schüler des Weimarer Bauhauses bereits mit 24 Jahren schuf, das stapelbare Kubus-Vorratsgeschirr von 1938 oder auch die für ihre Griffigkeit berühmten Salz- und Pfefferstreuer »Max und Moritz«, die Wagenfeld 1952 für WMF entwarf.
Anlässlich seines 100. Geburtstags stellt die Publikation das Ouvre Wagenfelds nun erstmals im Kontext der Werke bedeutender Zeitgenossen vor, um so das Charakteristische seiner Arbeit zu verdeutlichen und im Vergleich bewerten zu können. Ein Beitrag zur heutigen Rezeption Wagenfelds zeigt die ungebrochene Aktualität seiner Ideen und Entwürfe, die das Bild unseres Alltags nachhaltig geprägt haben. (Englische Ausgabe erhältlich ISBN 3-7757-0886-3)
Ausstellung: Wilhelm Wagenfeld Haus, Bremen 30.5.-31.10.2000 Zum Gestalter:
Wilhelm Wagenfeld (Bremen 1900-1990 Stuttgart). 1923-1925 studierte er am Weimarer Bauhaus. 1926 Assistent in der Metallwerkstatt der Weimarer Hochschule für Handwerk und Baukunst. 1928 Eintritt in den Deutschen Werkbund. 1931-1935 Professur an der Staatlichen Kunsthochschule in Berlin. Ab 1931 Arbeiten für das Glaswerk Schott & Gen. Jena. 1935-1947 künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser. Ab 1950 freie Mitarbeit in der Industrie (für WMF, Lindner, Peill & Putzler, Rosenthal, Braun u.a.). Ab 1954 Werkstatt Wagenfeld. Ab 1958 Mitherausgeber der Zeitschrift »form«.
Auch bei Hatje Cantz erschienen: Wilhelm Wagenfeld und die moderne Glasindustrie ISBN 3-7757-0488- 4
»Ein Standardwerk, das die Bedeutung Wilhelm Wagenfelds innerhalb der Designgeschichte umfassend wiedergibt.« Kunsthistorische Arbeitsblätter
»Sehr informativer und reichhaltiger Bildband, schon wegen der brillanten Fotos zu empfehlen.« Buch