Auch nach fast 3 Jahrzehnten stellt Myron Sharafs groß angelegtes Lebensbild das Nonplusultra der Reich-Literatur dar, denn nirgendwo sonst wird so umfänglich, distanziert und liebevoll zugleich über diesen Exzentriker berichtet. Dabei ist sein Verhältnis zum Meister zwiespältig, die geliebte hochaltruistische Vaterfigur auf der einen Seite, der unberechenbare egozentrische Sonderling, der einem auch schon mal die Frau ausspannt, auf der anderen. Auch wenn es emotional schwierige Momente gibt, so gelingt es Sharaf doch, objektiv zu bleiben, so dass uns hier keine Hagiographie geboten wird, sondern ein Multiversum mit allen seinen Anziehungen und Abstoßungen.
Hat er also die definitive Biographie geschrieben, wie man hin und wieder liest? Nein, denn auch das wird klar: trotz aller Ausführlichkeit, Wilhelm Reich war noch komplexer, noch konträrer und noch revolutionärer, er lässt sich in keine Biographie pressen und außerdem sind die Blickwinkel, aus denen man sich ihm nähern kann einfach zu heterogen.
Methodisch mäandert Sharaf zwischen Werk/Theorie und privatem Leben. Das wirkt zwar mitunter etwas statisch und vermindert die präsentierte Fülle des Reichschen Daseins - er kämpfte immer zugleich an mehreren Fronten -, hat aber den Vorteil, intelligent Ruhe- und Anspannungsphasen beim Lesen wechseln zu lassen, und außerdem eignet sich das voluminöse Buch, an dem auch Vielleser eine Woche zu kauen haben werden, dadurch besonders als Nachschlagewerk.
Das erste Drittel des Wälzers ist Reichs psychoanalytischer Phase, der Charakteranalyse etc. gewidmet, der Rest, den Bion- und Orgonforschungen sowie dem abschließenden Gerichtsprozess. Entsprechend werden die Wertungen des Autors vorsichtiger, kommt er doch aus der Psychoanalyse, ist sich zudem wohl selbst nicht sicher ob an der Orgonomie "was dran ist". Umso mehr wird unausgesprochen die Notwendigkeit betont, sich ihr endlich wissenschaftlich zu widmen und das gilt heute noch wie vor 30 Jahren!
Am stärksten aber ist Sharaf dort, wo es um den Menschen Wilhelm Reich geht; akribisch arbeitet er dessen Idiosynkrasien heraus, präsentiert uns entschieden keinen angenehmen Zeitgenossen, wohl aber einen streitbaren Kämpfer voll unbeschreiblicher Energie, der sich zu Ende seines Lebens in seine eigene Ideenwelt eingesponnen zu haben schien. Gerade die menschliche Tragik und deren Beschleunigung in Reichs Leben arbeitet der Verfasser vorbildlich heraus.
Und über allem schwebt die Frage: War Reich ein Genie oder war er verrückt? Die Antwort lässt sich wohl nur auf Deutsch geben: Reich war ein Ver-rückter, der die Dinge verrückt, einer der das scheinbar offensichtliche mit anderen Augen sah. Der Reich, den diese Biographie beschreibt, war weder Gelehrter (Sammler des Wissens) noch Wissenschaftler (Verwalter des Wissens), sondern ein Forscher (Schaffer des Wissens), ein originärer Schaffender, wie ihn Nietzsche einst entworfen hatte - daher auch das dämonische Element -, durchaus im ganz kindlichen Sinne, für den es keine Autoritäten gab.
Man kann nur hoffen, dass sich mehr Leser der englischen Originalausgabe zuwenden, allein schon um den unsäglichen Wucher mit der deutschen Ausgabe zu unterlaufen. Das Englisch ist klar und gut strukturiert - Sharaf kann schreiben! - und wer sich ein klein wenig im psychoanalytischen und orgonomischen Vokabular auskennt, der sollte keine größeren Probleme haben.