Die Wanderungen des Herrn Meister und seines Filius streben, wie in der Romantik üblich, nach seelischer Transzendierung, nach der Einheit von humanistischem Idealtypus und der Natur; anders als bei Eichendorff sind Goethes Stilmittel nicht mittelalterlich-höfische Naturstilisierung sondern die Fokussierung auf menschliche Soziointeraktion zur Erringung der Universalbildung, des Elysiums, sind also dezidiert der Klassik zuzuordnen, welcher Goethe, als deren Initiator er sich rühmen darf, wohl immer innigst verbunden blieb. Warum also Romantik? (siehe Überschrift)
Eine Unterscheidung von Klassik und Romantik ist, bezüglich Bildungs - und Wanderroman vor allem bei Goethe schwer zu konstatieren, da genannte Stile zu letzteren ein äquidistantes Verhältnis applizieren. Das Leitmotiv, die Erringung von Bildung, innerer Freiheit, usw. ist sowohl Romantik als auch Klassik zuzuordenen, die Wege unterscheiden sich jedoch; Eichendorff benutzt die Natur als mittelalterlich-konstruktivistisches Ambiente, welches die Genese eines ritterlichen Helden, minnesängerlich veredelt, evozieren soll, seine Sprache ist lyrischer, übertriebener als jene Goethes. Das simplizisstisch-romantische Wanderungsmotiv ist jedoch auch ihm eigen.
Ergo ist der Wilhelm Meister als ein Konglomerat ein Konglomerat beider Motive zu verstehen, ist äquivok zu interpretieren. Goethe ist der Klassik auf immer verpflichtet, auch als, längst nach Schillers Tod im Jahre 1805, generell Romantizismen in der Literatur dominierten.
Doch genug der wissenschaftlichen Nomenklatur.
Wilhelm Meister, ein Entsagender (siehe Titel des opus), der sich nicht länger als höchstens einen Tag an einem Ort aufhalten darf, trifft auf religiös verpflichtete Menschen, metaphorisch als heilige Familie dargestellt, auf die schönen Künste, auf Astronomen, Adlige und Didakten. Auch dem Mädchen Mignon, bekannt aus den Lehrjahren, eine Art italienisches Stigma Goethes, trifft Wilhelm wieder.
Goethe, zu jener Zeit ein Entsagender, Umherirrender, entflechtet gleichsam mit dem Protagonisten seine inneren Konflikte, es ist Goethes Seelenreise, welche wir hier beobachten. Mit dem Wilhelm Meister-Zyklus offerierte Goethe ein wahres Werk humanistischer Größe.