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Mit "Preußen: Aufstieg und Niedergang 1600-1947" hat Christopher Clark ein Standardwerk vorgelegt, in dem er es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Dämonisierung und Verklärung Preußens entgegenzuwirken. Und es hat funktioniert, Clark stellte Preußen anders dar, als die meisten Historiker vor ihm, für ihn waren die vermeintlichen Widersprüche, die Janusköpfigkeit des Hohenzollernstaates, Ausdruck der Ambitionen seiner Herrscher und erst die Begründung des Deutsche Kaiserreichs wurde zum Verhängnis Preußens. Der Erfolg von Clarks "Preußen" hat es möglich gemacht, dass nun auch seine 2000 erstmals veröffentlichte Biografie Kaiser Wilhelm II. in deutscher Sprache aufgelegt wurde.

Kaiser Wilhelm II. wurde nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit dämonisiert, als Vorboten Hitlers, antisemitischen Militaristen und sogar psychisch kranken Kriegstreiber wurde er dargestellt. Christopher Clark unternimmt nicht den Versuch den letzten deutschen Kaiser zu rehabilitieren, sondern Verunglimpfungen und Verständnis für sein Handeln ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist das Buch keine auf die Persönlichkeit, sondern das politische Agieren des Kaisers konzentrierte Biografie. Die Schilderung von Kindheits- und Jugenderlebnissen bleibt also aus, genauso wie das Erwachsenenleben Wilhelms vor allem aus einer Perspektive dargestellt wird, in der seine Politik und offiziellen Handlungen die wichtigste Rolle spielen.

Die dominierende Frage ist, wie Wilhelm II. zu dem Kaiser werden konnte, der er war. Dafür verantwortlich war von anfang an, seine Stellung im Kaiserhaus, als ältester Sohn des Kronprinzen. Während sein Vater Kronprinz Friedrich Wilhelm es sich mit Kaiser Wilhelm I. durch seine liberale und englandfreundliche Haltung, in der er vor allem von Kronprinzessin Victoria, der Tochter Queen Victorias, bestärkt wurde, verscherzt hatte, beschritt Prinz Wilhelm andere Wege. Als Haushaltsvorstand konnte der Kaiser sich in die Erziehung des künftigen Kronprinzen einmischen und die missliebigen Eltern so umgehen. Prinz Wilhelm nutzte diesen Effekt seinerseits, um repräsentative Aufgaben wahrzunehmen, die eigentlich seinem Vater zugestanden wären.

Als 1887 der Kaiser seinen 90. Geburtstag feierte und beim Kronprinzen ein Kehlkopfgeschwür diagnostiziert wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Wilhelm den Thron besteigen sollte und schon ein Jahr darauf, war es soweit. "I bide my time" - "Meine Stunde wird kommen", war Wilhelms Leitspruch und Ausdruck der Ambitionen die er verfolgte. Von seinen Eltern als manipulierbar und Spielball der Hofsparteien unterschätzt, nutzte Wilhelm die verschiedenen Personen sehr geschickt für sich aus. Als Kaiser wurde er so nicht zum Anhänger einer bestimmten Partei, sondern konnte unabhängig von diesen einen Kurs verfolgen. Seine politische Wendigkeit und sein Machtstreben brachten ihn jedoch schon bald in Konflikt mit seinem Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, dessen Rücktritt als erster großer politischer Erfolg des Kaisers gewertet werden kann.

Nach Clark war Wilhelm II. trotz seines Ehrgeizes weniger an Expansionen interessiert, als seine Position als Kaiser zu festigen und das Reich zu konsolidieren. Wie viele seiner Vorfahren war es auch Wilhelms dringlichstes Ziel, Preußen oder nunmehr das deutsche Reich zur Großmacht zu machen und seine Position zwischen den europäischen Mächten zu stärken. Ein Ausdruck dieser Politik war auch Wilhelms Ernennung Admiral Alfred von Tirpitz zum Marinestaatssekretär, mit dem er seine ambitionierte Flottenpolitik zu verfolgen begann, um mit dem britischen Empire gleichzuziehen und sich als Großmacht auch weltweit Geltung zu verschaffen.

"Der Glaube an sein Talent, für die deutsche Öffentlichkeit und zu ihr zu sprechen, war ein zentraler Bestandteil der Vorstellung Wilhelms von einer erfolgreichen Monarchie, und indem er die nationalen Zeitungen geradezu verschlang, trachtete er danach, ein Gefühl der Verbundenheit mit den großen Themen zu wahren, die damals die Nation bewegten." Das ging soweit, dass Wilhelm sogar ausgeschnittene Artikel mit Notizen versah und an seine Minister weiterleitete. Aus den Medien holte sich der Kaiser wichtige Ideen für seine Politik und setzte auch bei persönlichen Auftritten, sehr auf öffentlichkeitswirksame Inszenierungen. Anders als Wilhelm I. wollte Wilhelm II. sein Amt als Kaiser in vollem Umfang ausfüllen und nutzen, um seine Ziele zu verwirklichen und in die Geschichte einzugehen.

Im Gegensatz zum später verfassten "Preußen" stellt Clark das deutsche Kaiserreich in "Wilhelm II." noch als preußisches Projekt dar, in welchem preußische Beamte und Politiker versuchten die Reichspolitik den Interessen Preußens möglichst unterzuordnen. Clarks Biografie des letzten deutschen Kaisers ist trotz des zeitlichen Unterschieds zwischen den beiden Werken eine ideale Ergänzung zum Standardwerk "Preußen" und schildert sehr ausgewogen Wilhelms politischen Werdegang, sowie seine innen- und außenpolitischen Initiativen.

Fazit:
Eine sehr ausgewogene Darstellung der "Karriere" des letzten deutschen Kaisers und seiner Ambitionen, gewissermaßen die ideale Ergänzung zu Christopher Clarks "Preußen", "Wilhelm II. - Aufstieg und Fall 1859-1941"
33 Kommentare|62 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 8. Januar 2012
Das Buch ist ausgezeichnet recherchiert, in der Darstellung ausgewogen und sehr gut lesbar. Zwar wirkt der Band im Vergleich mit John Röhls monumentaler dreibändiger Biographie recht schmal, doch verdankt sich dieser Umstand Clarks umsichtiger Konzentration auf das Wesentliche und der Herausarbeitung klarer Linien, denen der Autor stets konzentriert und nachvollziehbar folgt. Dabei bettet er Wilhelm II. konsequent in die Geschichte des Kaiserreichs ein und kann so auf die umstrittene Frage, wie weit der politische Einfluss und die Verantwortung des Kaisers reichten, eine differenzierte Antwort geben. Wer allerdings in einer Biographie hauptsächlich Klatsch und Tratsch sucht, kommt hier nicht auf seine Kosten. Insgesamt halte ich das Buch von Clark für die derzeit beste Darstellung zu Wilhelm II. und damit für die erste Anlaufstelle auf der Suche nach Informationen.
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am 12. Juni 2015
Es mutet bei der aktuellen erregten Diskussion um das neue Buch von Christopher Clark ziemlich merkwürdig an, dass vergessen wird, dass Clark wesentliche Thesen dieses Buches bereits in dem hier vorliegenden Buch niedergelegt hat. Denn machen wir uns nichts vor: Die Diskussion um die Genesis des Ersten Weltkrieges, mit der sich Clarks neues Buch befasst, ist in Deutschland in erster Linie eine Diskussion um die (Neu-)Bewertung der deutschen Kriegsschuld und der Rolle der maßgebenden deutschen Politiker in den Jahren, Monaten Wochen und Tagen vor Kriegsausbruch.
Eng damit verbunden ist das kolportierte Bild des maßgeblich für die deutsche Politik verantwortlichen, autokratischen, militaristischen, reaktionären, aggressiven und kriegslüsternen Kaisers Wilhelm II., der Deutschland und damit Europa sehenden Auges in das Massensterben geführt habe, weil er Weltmachtphantasien und eine waghalsige, aggressive Bündnispolitik vertreten habe.
Diese Interpretation ist v.a. vom wohl nach wie vor besten Wilhelm-Kenner und -biographen, John C. G. Röhl konsequent vorgetragen worden (seine voluminöse, 3-bändige Biographie, die ich mit großem Gewinn gelesen habe, kann heute auch ersetzt werden durch die kleine Taschenbuchausgabe bei C.H. Beck-Wissen), und, wie erwähnt, ist diese Perspektive eng verbunden mit Röhls These eines "persönlichen Regiments" des Kaisers: Dieser habe, nachdem er bald nach seiner Thronbesteigung alle institutionellen und personellen Schranken beseitigt habe, alle wichtigen Entscheidungen der deutschen Innen- wie Außenpolitik und deren Kurs bestimmt, mal durch eigene, persönliche Initiativen, mal durch von ihm eingesetzte Günstlinge. Da auf diese Weise die Geschicke der deutschen Politik von einem sprunghaften wie aggressiven, möglicherweise geistig behinderten Monarchen bestimmt wurden, sei Deutschland fast folgerichtig in den Abgrund gestürzt.

Clark nun nimmt sich dieser Thesen an, stellt einige Fragen neu und kommt zu neuen Antworten und Bewertungen Wilhelms.
Was er hier vorlegt, ist keine Biographie, wie es häufig von Käufern des Buches missverstanden wird: Es handelt sich hier um "eine Studie über die Macht des Kaisers" (S. 14), welche die Handlungsspielräume, Machtpotentiale und politischen Einflüsse des Kaisers sowie seine Verantwortung für die Politik des deutschen Kaiserreiches insgesamt nachzeichnen will. Daher fehlen auch die intimen und pikanten Einzelheiten über z.B. Wilhelms Liebesleben, wie man sie v.a. in Röhls Biographie findet. Jedoch führt die Fragestellung natürlich auch zu Schlaglichtern auf Wilhelms Persönlichkeit, seine signifikanten und für den politischen Prozesse auffälligen Charakteristika.
Zugleich entwirft das Buch auch eine interessante Skizze der politischen Kultur des Kaiserreiches zur Zeit Wilhelms, die Rolle der Medien, die Stellung von Reichstag und Öffentlichkeit, die Grenzen tradierter Kabinetts- und Monarchenpolitik, die Zusammenhänge von Innen- und Außenpolitik.
Clark vertritt die sich an Wolfgang Mommsen anlehnende These, dass man die zentrale Stellung von Wilhelm in der deutschen Politik nicht übersehen könne, gleichwohl aber nicht überbewerten dürfe und auch die Schranken dieser Macht und die anderen Einflüsse der deutschen wie internationalen Politik zur Kenntnis nehmen müsse.
Der Autor widmet sich zunächst durchaus, trotz der Fragestellung, Wilhelms Jugend, um die politischen Prägungen des jungen Mannes zu ergründen. Hier verortet er Wilhelm zwischen der liberalen, anglophilen Imprägnierung seiner Eltern und dem konservativen Impetus der damals (1870er und 80er Jahre) tonangebenden deutschen politischen Figur, des Reichskanzlers Bismarck. Diese konkurrierenden Prägungen hatten einen gewissen Einfluss auf den späteren Kaiser, wobei Clark diesen allerdings leider nicht konkret zu fassen vermag. In jedem Fall endete Wilhelms Jugend endgültig damit, dass sein Großvater und sein Vater in schneller Folge starben und er, nicht einmal 30-jährig, den Thron des schwer zu regierenden deutschen Reiches besetzte, entschlossen, bald "sein eigener Kaiser" zu werden.
Sodann widmet sich Clark den Möglichkeiten eines solchen Programms, also der Frage, ob eine "persönliche Monarchie" überhaupt in den institutionellen Möglichkeiten des Kaiserreiches lag. Dies ist eine interessante Frage der Studie, denn sie zeigt die Rahmenbedingungen, in denen der Kaiser operierte, und im ganzen Buch scheint es Clark darum zu gehen, Wilhelms Handeln vor dem Hintergrund des Kontextes und seiner Möglichkeiten zu erklären.
Clark stellt fest, dass zum Zeitpunkt von Wilhelms Thronbesteigung das Amt des Kaisers einem Haus glich, in dessen Räumen noch nie jemand gewohnt habe, was bedeutet, dass die Verfassung und die institutionellen Rahmenbedingungen dem Kaiser eine große Machtfülle einräumten, zu denen die Kompetenz gehörte, nach Belieben Beamten und Minister zu ernennen und zu entlassen. Solange Bismarck noch die Geschicke des Reiches unter einem "schwachen" Kaiser Wilhelm I. führte, waren dieser Macht durch seine Persönlichkeit Schranken gesetzt. Doch nachdem Wilhelm den "eisernen Kanzler" 1890 aufgrund von regelrechten Machtrivalitäten, jedoch auch politischen Differenzen, entlassen hatte, schien der Weg frei für eine persönliche Herrschaft. Doch Clark hebt auch die noch bestehenden institutionellen Schranken, wie die Macht des Reichstages, der die Gesetze verabschieden musste, hervor.

Auf dieser Grundlage kann Clark zeigen, dass Wilhelm in seiner sprunghaften und regen Aktivität v.a. während der 90er Jahre mit begrenztem Erfolg versuchte, maßgebenden Einfluss auf die deutsche Politik zu nehmen. Er brachte viele Gesetzesinitiativen ein, intrigierte mit einzelnen Ministern und untergrub schrittweise die Autorität des Kanzlers, zunächst von Bismarcks Nachfolger Caprivi (1890-94), dann Hohenlohe (1894-1900). Doch nachdem Wilhelm das Ministerium weitgehend entmachtet hatte (ca. 1897), gelang es ihm, und das ist wichtig, nicht, eine konsequente Politik zu betreiben, welche das Machtvakuum ausfüllen konnte, das die Lücke eines entschlossenen Kanzlers hinterließ. Eine atomisierte und unentschlossene Regierung stand einem stürmischen, selbstbewussten Reichstag gegenüber, auf den es bei Gesetzen ankam.
Mit der Kanzlerschaft Bülows schien sich das System zu stabilisieren; aber nicht, weil Bülow nach der Interpretation von John Röhl den Kurs der persönlichen Monarchie perfektioniert habe, sondern im Gegenteil, weil der neue Kanzler seinen eigenen Kurts verfolgte und Wilhelms Einfluss auf die Politik tatsächlich abnahm, wenn auch nicht verschwand. Jedoch gelang ihm keine "Günstlings-Politk", und der Einfluss des Kaisers auf Personalentscheidungen nahm eher noch ab.
Ein kohärentes innenpolitisches Programm hatte der Kaiser nicht; das allein spricht schon gegen die These des "persönlichen Regimentes." Wilhelm hatte rudimentäre politische Vorstellungen des sozial und kulturell sowie politisch schlichtenden Kaisers, hatte jedoch zu einer entschlossenen Durchsetzung von langfristigen politischen Vorstellungen weder die Ideen, noch die Persönlichkeit, noch die Macht.

Die Studie wirft darüber hinaus ein interessantes Licht auf die kaiserliche Politik im Zeichen einer neuartigen Mediengesellschaft, die auch Einfluss (und wie man sich denken kann nicht unbedingt positiven) auf Wilhelms Wirken und Auftreten hatte. Der Monarch machte hier die gleiche Erfahrung wie andere prominente Menschen bis heute auch: Er vermochte die Medien gekonnt für sich und seine Zwecke, seine Selbstinszenierung einzunehmen, konnte aber auch Opfer dieser Mediengesellschaft werden. Die negative Wirkung vieler seiner Reden und Äußerungen sind erst durch diesen medialen Faktor zu erklären.

Die wirklich interessante Frage dieser Studie ist, aus den oben genannten Gründen, folgende:
Wie kann man nun der Außenpolitik Wilhelms und seinem persönlichen Einfluss darauf gerecht werden? Allgemein relativiert Clark zunächst die generelle Bedeutung des Kaisers und seiner außenpolitischen Unbeliebtheit für die Verschlechterung der internationalen Position des Reiches, denn die Politik blieb weiter Sache der Diplomaten, und einzelne diplomatische Fauxpas des Kaisers dürfen ganz bestimmt nicht überbewertet werden. Der einzige Punkt, wo Wilhelm entscheidenden Einfluss ausübte, war die Flottenpolitik, der Aufbau einer großen Schlachtflotte. Diesen trieb er maßgeblich voran, jedoch wagt Clark in diesem Punkt eine interessante und unkonventionelle Interpretation, indem er meint, es wäre falsch, in der Flottenpolitik des Reiches eine Hauptursache für die Verschlechterung des deutsch-britischen Verhältnisses zu sehen; überhaupt müsse man mehr Verständnis für die deutsche Politik aufbringen als bisher und dürfe nicht alles durch die englische Brille sehen.
Wenn man sich mit Clark das Verhalten und den Einfluss Wilhelms auf die deutsche Politik im unmittelbaren Vorfeld des 1. Weltkrieges ansieht, dann muss die Auffassung vom "Kriegshetzer" Wilhelm stark relativiert, ja aufgegeben werden. Clark räumt ein, dass der Kaiser, auch wenn er den Krieg nicht wollte, als nun mal einer der entscheidenden Männer einige Entscheidungen traf, welche den Krieg unausweichlich machten (S. 286) - dass aber Wilhelm den Krieg so, wie er kam, nicht wollte, das steht für den Autor fest. Clark weist (erneut im Gegensatz zu Röhl) auf die Distanz des Kaisers zu den hohen Militärs im Allgemeinen und ihren Präventivkriegsplänen im Besonderen hin, widerlegt die Ansicht, dass es dem Kaiser bei den Krisen von 1912, 1913 und 1914 um Krieg ging. Eine begrenzte "Strafaktion" Österreichs gegen Serbien wollte Wilhelm nach dem berühmten Attentat von Sarajewo, aus dem später der Weltkrieg resultierte, durchaus, aber er ging von der Möglichkeit der Begrenzung des Krieges aus. Clark weist, was er auch in seinem neuen Buch tut, auf den Vergleich mit dem Verhalten anderer Länder in dieser sogenannten "Juli-Krise" hin; nach diesem Vergleich kommt Deutschland nicht besser oder schlechter weg als die anderen beteiligten Staaten.

Insgesamt kommt Clark zu dem Urteil: "Weder der ziellose Imperialismus deutscher ,Weltpolitik` noch der Bau von Schiffen waren schuld am Ausbruch des Krieges im Jahre 1914", im übrigen werfe die Studie ein Licht auf den "friedfertigen Charakter" der Politik Wilhelms gerade in der Balkanfrage, aber auch allgemein. (S. 337f.).

Im Krieg nun schwand Wilhelms Macht und Einfluss rapide, um das schlichte und auch nicht groß umstrittene Ergebnis der Studie in diesem Punkt zusammenzufassen; der Rolle des militärischen Oberbefehlshabers zeigte sich der Kaiser in keiner Hinsicht gewachsen und wurde bald von Personen wie Hindenburg und Ludendorff in den Hintergrund gedrängt.
Mit dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 verlor Wilhelm alles, zog sich ins Exil nach Holland zurück und wurde ein verbitterter, in Selbstmitleid und Uneinsichtigkeit badender alter Mann, der u.a. einen extremen Judenhass entwickelte. Diese und andere Faktoren haben Historiker dazu geführt, Wilhelm in die Nähe der Nazis zu rücken, denen er allerdings äußerst ambivalent gegenüberstand. Auch den Novemberpogrom von 1938 missbilligte er; er schäme sich zum ersten Mal, ein Deutscher zu sein, soll er gesagt haben.

Insgesamt muss man also den Kaiser Wilhelm II. nach Clarks Studie als einen Herrscher einordnen, der sich den komplexen und modernen Anforderungen einer konstitutionellen Monarchie an der Jahrhundertwende ebenso wenig gewachsen zeigte, wie den speziellen innen- wie außenpolitischen Herausforderungen des Kaiserreiches. Sicher, der Charakter fehlte ihm, er war unbeherrscht und mit einem schlechten Urteilsvermögen ausgestattet; aber muss man nicht Mitleid haben mit dem Manne auf dem Thron, der sich einer Aufgabe gegenübersah, der er bei aller Intelligenz nicht gewachsen war?
Ich würde diese Frage jetzt nicht unbedingt mit "Ja!" beantworten, so wie ich auch einige Thesen Clarks (wenn auch nicht die wichtigsten) unter Vorbehalt annehmen würde.
Ein wichtiges, geschichtswissenschaftliches Korrektiv zu der dominierenden Geschichtsschreibung stellt dieses Buch aber ebenso dar wie sein neuestes Buch über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
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am 25. August 2014
Christopher Clark ist es in diesem Buch gelungen einen objektiven Blick auf einen "Kriegstreiber", wie Wilhelm oft auch betitelt wird, zu werfen. Man erfährt einiges über seine Kindheit und sein daraus entstandenes, späteres Verhalten. Das hin und her gerissen sein zwischen seinen Eltern und seinem Großvater, Wilhelm I., ist da wahrscheinlich der wichtigste Punkt sowie die "kalte" fast schon abweisende Beziehung der Mutter auf Grund seiner Behinderung.
Auf die Amtszeit als Kaiser geht Clark besonders auf das Umfeld des letzten deutschen Kaisers ein, und zeigt des öfteren auf, dass Wilhelm die Macht in seinem Reich immer mehr aus der Hand gibt. Er sagt eindeutig, dass Wilhelm kein Kriegstreiber gewesen ist aber auch halt nicht besonders energisch dagegen gearbeitet hat.
Christopher Clark gibt in diesem Buch einen Menschen wieder, der durch diverse Ereignisse in seinem Leben eine Unentschlossenheit entwickelt hat und als Kaiser von Deutschland eigentlich total ungeeignet war.

Was ein bisschen zu kurz gekommen bzw. eigentlich gar nicht vorhanden ist, ist das private Familienleben des Kaisers in seiner Amtszeit. Man hätte fragen können, wie seine Frau zu den politischen und militärischen Entscheidungen ihres Mannes gestanden hat oder ihn sogar beeinflusst hat. Da hätte man, meines Erachtens, noch ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können, deshalb auch der eine Stern Abzug.

Fazit: Ein wirklich sehr informatives und intensives Buch über die letzten Jahre des deutschen Kaiserreichs. Es besticht durch seine Objektivität. Clark verzichtet darauf Wilhelm in irgendeine Ecke zu schieben sondern wiegt die Argumente genau ab und gibt dem Leser selber die Chance sich eine eigene Meinung zu bilden. Kurz gesagt, wer sich für diese Zeit und vor allem diesen Menschen interessiert, wählt mit diesem Buch genau die richtige Lektüre.
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am 15. Mai 2016
Erfreulich ist die differenzierte Darstellung einer schillerndenPersönlichkeit,die viele Fehler gemacht hat, die ,für sich genommen und verallgemeinernd, das negative Bild begünstigt haben.
Erfreulich ist an dieser Darstellung, dass der Autor sehr viele Facetten und Deutungen hinsichtlich der Wirkkraft von Wilhelm II aufzeigt, die ein wesentlich komplexeres Bild der politischen Situation im Deutschen Reich erkennen lassen und dabei auch nicht die zielgerichteten kriegerischen Bemühungen Frankreichs, Russlands und die camäleonhafte Außenpolitik Englands außer Acht lässt, die alle ihren Teil an dem Ausbruch des ersten Weltkriegs hatten.
Die Schuldzuweisungen durch die Siegermächte sind sicherlich ein wichtiger Grund gewesen, der dem Nationalsozialismus den Boden bereitete.
Generell ist die Frage offen, inwieweit eine übernervöse, intelligente, von Angst getriebene, letztlich unsichere Persönlichkeit, die in einem Umwelt von Jasagern, Intrigen, unterschiedlichen Interessen und historischer Verantwortung bei rasant sich verändernden technischen, künstlerischen und wissenschaftlichem Fortschritten Lebte noch in der Lage ist, den steuernden Überblick zu behalten.
Dies zeigt das Buch in nachvollziehbarer Weise gelungen auf.
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am 30. Oktober 2012
Der Kaiser-Biograph John Röhl läßt keine Gelegenheit aus, um Wilhelm II. zu dämonisieren und ihm die Schuld für so gut wie alles Unheil in der Welt zuzuschreiben. Christopher Clark liefert mit seinem Werk eine ausgewogene Darstellung, die vieles aus einem anderen Blickwinkel darstellt und fair mit dem Kaiser umgeht.
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am 14. Mai 2015
Ein recht gutes Buch über Kaiser Wilhelm II.
Der letzte Deutsche Kaiser wurde nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit von vielen dämonisiert, als Vorboten Hitlers, antisemitischen Militaristen und sogar psychisch kranken Kriegstreiber wurde er von unobjektiven Schreiberlingen dargestellt. Christopher Clark unternimmt nicht den Versuch den letzten deutschen Kaiser zu rehabilitieren, sondern Verunglimpfungen und Verständnis für sein Handeln ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist das Buch keine auf die Persönlichkeit, sondern das politische Agieren des Kaisers konzentrierte Biografie. Die Schilderung von Kindheits- und Jugenderlebnissen bleibt also leider aus, genauso wie das Erwachsenenleben Wilhelms vor allem aus einer Perspektive dargestellt wird, in der seine Politik und offiziellen Handlungen die wichtigste Rolle spielen.
Das ist etwas schade, weil man ja auch wissen will was der Kaiser wann gedacht und empfunden hat. Wen solches interessiert, dem empfehle ich "Ereignisse und Gestalten", das Wilhelm II selbst geschrieben hat: http://www.amazon.de/Kaiser-Wilhelm-Ereignisse-Gestalten-1878-1918/dp/B003DK9GHW/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1431599778&sr=8-3&keywords=ereignisse+und+gestalten+aus+den+jahren+1878-1918
Weil das Buch zwar sehr gut und lesenswert ist, aber ein wenig zu unpersönlich ist, gibt es nur vier Sterne. Mich hätte besonders die Beziehung Wilhelms II zu seinem Großvater Kaiser Wilhelm I interessiert, den er ja sehr verehrt hatte und dem er nach dessen Tod den Beinahmen "der Große" zukommen lassen wollte, was aber nicht funktioniert hat. Wer sich für Wilhelms Großvater interessiert, dem empfehle ich die Kaiser Wilhelm I-Biographie von Christian Schwochert: http://www.amazon.de/Kaiser-Wilhelm-I-Christian-Schwochert/dp/1511882832/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1431599771&sr=1-2
Es gibt leider nicht allzu viele Biographien über den Mann; anders als bei seinem Enkel, der von der Nachwelt lange Zeit unsinnig dämonisiert wurde.
Zum Glück verhält sich Herr Clark in seinem Buch recht objektiv und das ist lobenswert.
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am 20. Juni 2014
Ausgezeichnetes Buch. Fantastisch reschergiert. Das Buch ist sehr empfehlendswert! Der falsche Eindruck der Person WilhelmII ,der in der Öffentlichkeit besteht wird revidiert
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am 22. Dezember 2011
Christopher Clark nimmt sich einige der Bilder über den letzten deutschen Kaiser vor und kann sie glaubhaft zurechtrücken. Er konzentriert sich dabei auf die Person selbst und sieht sie eingebettet im Kontext der Ereignisse. Man hat jedoch den Eindruck, dass ihm der letzte Mut gefehlt hat, die ganze Wahrheit über die Gründe für den Ersten Weltkrieg darzustellen und damit den Mythos von der Alleinverantwortlichkeit des Deutschen Reiches ein für allemal über Bord zu werfen. So findet die Tatsache, dass Frankreich seit 1871 auf eine Revanche brannte und selbst die äußersten Kriegsanstrengungen für eine kommende Auseinandersetzung zur Rückeroberung Elsass-Lothringens vornahm, keinen Wiederhall und auch die britischen Interessen, nämlich die Zerschlagung der Deutschen Flotte und damit die Sicherung der eigenen Stellung als Weltwirtschaftsmacht Nr. 1 werden als praktisch belanglos für den Ausbruch des Krieges dargestellt. Auch für Russland war ein Krieg interessant, versprach er doch die Errichtung einer Vormachtstellung auf dem Balkan inkl. Besetzung der Dardanellen zur Sicherung eines Zugangs zum Mittelmeer. Hitler wies in seinen Reden praktisch immer auf das Unrecht von Versailles hin und traf damit den Nerv der Deutschen, die gar nicht wahrhaben wollten, einen Krieg verloren zu haben und dafür auch noch alleinverantwortlich zu sein. Wer sich aber, wie Christopher Clark, an dieses Thema nicht herantraut, verfehlt das Ziel, sich der Wahrheit über die Geschehnisse und deren Gründe zu nähern. Und dazu gehört, dass die Deutschen bis heute zu Unrecht als Kriegstreiber und allein Schuldige am Ausbruch des Ersten Weltkrieges da stehen. Der damalige Erfolg Hitlers hat nicht zuletzt damit zu tun.

Drei Sterne gibt es für die Bemühungen, einige der negativen Bilder über den deutschen Kaiser neu zu beleuchten. Die Übersetzung ist zufriedenstellend.
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am 15. Januar 2015
Leicht zu lesen, die inkohärente Persönlichkeit Wilhelms II wird gut herausgearbeitet.
Im Haus Doorn findet man die Bestätigung einiger Thesen des Autors.
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