Das neue Buch von Christopher Clark befasst sich mit dem Leben und Wirken des letzten Deutschen Kaisers. Es beginnt mit der schwierigen Kindheit, in der die zwei politischen Lager der Hohenzollern (liberal/probritisch und konservativ/prorussisch) versuchen, Einfluß auf Wilhelm zu erlangen. Es folgt die frühe Thronbesteigung im Alter von 29 Jahren. Wilhelm versucht in dieser Anfangszeit seiner Herrschaft mehr Einfluss auf die deutsche Politik zu gewinnen. Dabei stehen ihm sowohl die dezentrale Reichsverfassung, als auch mächtige Gegenspieler im Weg (Berater, Regierungsbeamte, Reichstag, Parteien usw.).
Clark erzählt wie der Kaiser erst infolge der Kollerkrise 1895 mehr Einfluss auf die Politik gewinnt und diesen Einfluss durch die Daily Telegraph-Affäre 1908 wieder verliert. Dabei geht Clark insbesondere auf andere Historiker ein (Röhl, Gutsche usw.), die seiner Meinung nach hervorragende Quellen aufbieten, jedoch vergessen "...seine Äußerungen und Handlungen in den zugehörigen Kontext..." einzubetten.
Clark geht auch auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dessen Vorgeschichte ein. Dabei stellt er fest, dass Wilhelm keinesfalls eine Allein- oder Hauptschuld am Ausbruch des Krieges trifft. Hauptverantwortlich seien die Russen und die Österreicher, sowie die Militärs auf allen Seiten, die schnelle Aktionen von den Regierenden forderten. Zweimal hatte Wilhelm sich sogar gegen seine eigenen Militärs gestellt und den Stopp aller Mobilmachungsvorbereitungen befohlen. Mit den Militärs hatte Wilhelm laut Clark ein unterkühltes Verhältnis, weil "...die hohen Militärs der Unentschlossenheit und Zögerlichkeit des Friedenskaisers nicht trauten." Noch am 28. Juli 1914 stellte Wilhelm fröhlich fest, dass "nun jeder Grund zum Kriege entfällt". Hier wird deutlich was Clark dem letzten Deutschen Kaiser u.a. vorwirft, nämlich ein schlechtes Urteilsvermögen. Der Bündnisautomatismus war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr zu stoppen.
In den folgenden Kapiteln geht Clark auf die Rolle des Kaisers während des Krieges, bei der Abdankung 1918 und auch auf die Zeit im Exil bis zum Tod ein.
Zusammenfassend vertritt Clark die These, dass Wilhelm charakterlich (schlechtes Urteilsvermögen, taktlose Ausbrüche usw.) für sein hohes Amt nicht geeignet war, es jedoch falsch wäre, ihn als autokratischen Herrscher und Kriegstreiber darzustellen. Clark möchte "... Verunglimpfung und Verständnis wieder in ein angemessenes Verhältnis zueinander bringen."
Das gelingt Clark meiner Meinung nach sehr gut. Die Herrschaftsstrukturen im Kaiserreich werden deutlich und insbesondere durch die Darstellung im Kontext von Zeit und Ereignissen kann man viele Ereignisse der damaligen Zeit (Krügerdepesche, Hunnenrede, Marokkokrise usw.) viel besser nachvollziehen, als es mir persönlich bei anderer Literatur bisher möglich war. Dazu kommt der angenehme Schreibstil von Christopher Clark, den man schon aus seinem "Preußen"-Buch kennt. Deshalb 5 Sterne!
Kleiner Tipp: Wem das Buch gefällt, empfehle ich die DVD "Majestät brauchen Sonne". Ohne Übertreibung eine herausragende Dokumentation!