Im neuen Roman von Norbert Sternmut geht es um eine Therapie, die sich über ein Jahr hinzieht.
Ganz traditionell wird der Kindheit eine bedeutende Rolle für Erklärungen zugewiesen. Eine traumatische Kindheit Voraussetzung für ,gegenwärtige` Verhaltens- und Einstellungsweisen ?
Ist die erste Frau in der individuellen Geschichte, die Mutter, verantwortlich für die Begegnung mit dem anderen Geschlecht überhaupt? Die Mutter hatte alles getan, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu brechen, bzw. es erst nicht entstehen zu lassen. Braucht Norbert nun viele Frauen zur Stärkung des Selbstbewusstseins? Diagnose: ,Frauensucht`. Norbert muss ,auf die Piste gehen`, auf die` Jagd` nach Frauen. Probleme menschlicher, gesellschaftlicher Art sind vorprogrammiert. Er fühlt sich von Feinden umgeben, hat Suizidgedanken.
Die Psychologin wertet nicht. Immer wieder taucht der Satz auf: ,Es ist wie es ist. `
Aber für den Leser stellt sich vielleicht doch die Frage, ob es so sein sollte ,wie es ist`. Ein Vergleich mit Goethes Faust sei eingefügt. Auch Mephisto entwirft am Ende von Faust II eine Gesellschaft, in der der Genuss im Vordergrund steht, die Frau Objekt der ,Begierde` ist, Promiskuität zugelassen wird. Auch Mephisto sagt von sich, dass er ,ein für allemal / die Frauen nur im Plural` liebe.
Steht der Ich-Erzähler auf einer Ebene mit Mephisto? Nein: Norbert ,genießt` zwar ebenfalls , betrachtet die Frauen als Gegenstand eigener Bedürfnisse. Anders als Mephisto leidet er jedoch an seiner Situation, und er erfährt am Ende des Romans andeutungsweise eine Standortänderung zumindest was seine Beziehung zu Marie, der Frau, die ihm am meisten bedeutet, angeht.
Sprache und Erzählweise? Der fiktive Erzähler sagt von sich, dass er nicht strukturiert denke. So wird in kreisenden Bewegungen erzählt, die Sprache verliert ihre gebräuchliche Struktur, wird an einzelnen Stellen zum Stammeln. Gelegentlich erfolgt eine bewusste Anlehnung an die Sprache Handkes: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Da es sich ja um einen Selbstfindungsprozess handelt, der in der Regel auch nicht linear, ordentlich, strukturiert verläuft, ist diese Art der Sprachgebung m.E. gerechtfertigt, mehr noch, passend.
Sternmut macht es dem Leser nicht leicht. Er verzichtet - anders als in den vorausgehenden Romanen -weitgehend auf vordergründige Spannungsmomente, Darstellung von Grausamkeit. Gerade dies macht das Buch besonders sympathisch, betont die innere Wahrhaftigkeit. Wir Leser, die wir einiges aus der Sternmutwerkstatt kennen, sollten uns auch und gerade auf ,Wildwechselzeit` einlassen.