Seit jeher übt die Natur eine besondere Faszination auf den Menschen aus. Dunkle Wälder voller Geheimnisse. Neblige Sümpfe, in denen sich schreckliche Wesenheiten tummeln. Höhlen, deren Eingang wie ein Tor in die Hölle wirkt ...
An diesen drei düsteren Orten haben die 14 Autorinnen und Autoren der „Edition Geschichtenweber" ihre Geschichten angesiedelt.
Es geht um Elfen, Ritter, Drachen, Trolle, und viele andere zauberhafte Wesen. Doch wer nun ein klassisches Märchenbuch erwartet, hat weit gefehlt. Die Geschichten zeigen nicht selten auch die Schattenseite der schillernden Fantasy-Figuren ...
Und das auf ganz unterschiedliche Weise! So, wie das Grün der Wälder viele Abstufungen, Mischungen, Überlagerungen und Varianten besitzt, setzt sich auch der dunkle Farbton, in dem die Geschichten der Sammlung (sozusagen mit Worten) „gezeichnet" wurden, aus unterschiedlichen Komponenten zusammen.
Um die einzelnen Kurzgeschichten angemessen bewerten zu können, werde ich sie der Reihe nach genauer betrachten:
J.R. Kron - Der Wolf und der Geist: Die erste Erzählung ist eine gelungene Geschichte zum Einstieg, bei der eigentlich alles richtig gemacht wurde. Ein Held aus vergangenen Tagen zieht aus, um das Rätsel um den Wolf und den Geist zu lüften, zwei lebende Schauergestalten, die ein ganzes Dorf in Angst und Schrecken versetzen. Eine Fantasy-Geschichte im klassischen Stil mit einem etwas anderen Held und einer Wendung, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Irmgard Fliedner-Grandke - Albenkind: In der Geschichte „Albenkind" bekommt es der Leser mit einem Magier und einem kleinen Mädchen zu tun. Die Erzählung der Autorin Irmgard Fliedner-Grandke lebt von der abwechslungsreichen Interaktion zwischen den beiden Hauptfiguren. Das Ende ist interessant, wenn auch der Naturbezug nicht so deutlich wird wie in der ersten Story. Dennoch: eine runde Sache!
Jörg Olbrich - Ein Troll auf Rügen: Nachdem die ersten beiden Geschichten in fantastischen Gefilden verwurzelt waren, verschlägt es den Leser dieses Mal in die Gegenwart. Genauer gesagt: Auf die Insel Rügen, wo Eva, eine junge Frau, gerade Urlaub bei ihrer Tante macht. In den Sümpfen trifft sie auf einen Troll namens Gwon, der sie aus einem Sumpfloch rettet. Eine herrliche Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft und das Unverständnis der Menschen, gegenüber allem, was anders ist ...
Maike Schneider - Eine Herzenssache: Die vierte Geschichte der Anthologie beginnt sehr glaubwürdig und atmosphärisch. Die Diebin Siljanka ist ein liebenswerter Charakter, den man einfach sofort ins Herz schließen muss. Da sieht man auch gerne über den leider viel zu langen Rückblick hinweg, genauso wie über die ungeklärte Frage, was denn mit Siljankas Stiefeln passiert, wenn sie sich verwandelt ...?
Jürgen K. Brandner - Moordämonenacht: „Moordämonennacht" ist eine phantastische Erzählung, die sich um ein Gedicht und den so genannten „Perchtenlauf" rankt - eine uralte Tradition im Raum Salzburg und Bayern, bei der die Teilnehmer dämonische Kostüme tragen. Von einer Situation in der Realität ausgehend, begleitet der Autor seinen Protagonist auf dem Weg in eine verzerrte Scheinwelt. Angesichts der außergewöhnlichen Grundidee ist die Geschichte auf jeden Fall einen Blick wert!
Mandy Schmidt - Das Lied der Weberin: Bevor ich mich mit der Geschichte der nächsten Autorin auseinandersetze, möchte ich zuvor die Gelegenheit nutzen, um Mandy Schmidt für die gelungenen Zeichnungen und Innen-Illustrationen zu loben, die das Buch zieren. Eine wirkliche pfiffige Idee der Herausgeber, die Handlungsorte durch die Künstlerin auch grafisch umsetzen zu lassen!
Mit ihrer Erzählung „Das Lied der Weberin" beweist Mandy Schmidt allerdings, dass sie nicht nur mit dem Zeichenstift umgehen kann. Die Geschichte weiß den Leser zu fesseln und ist romantisch, ohne in den Kitsch abzudriften.
Christine R. Förster - Die Prüfung: Christine R. Förster gibt mit „Die Prüfung" ihr Debüt in der weiten Welt der Kurzgeschichten. In der kurzen Biografie, die ihrer Geschichte vorangestellt ist, heißt es: „Die Prüfung ist ihre erste Veröffentlichung". Neben erfahrenen Autorinnen und Autoren haben die Herausgeber folglich auch auf ein paar viel versprechenden Newcomern gesetzt und ihnen eine Chance gegeben, um zu glänzen.
Christine R. Förster behauptet sich ganz gut bei ihrem Einstand. Die Geschichte um eine Elfin, die eine gefährliche Prüfung meistern muss und dabei einem Drachen begegnet, ist über weite Strecken hinweg flüssig und unterhaltsam geschrieben. Einzig das Ende lässt unglücklicherweise viel zu viele Fragen bezüglich des Innenlebens der Hauptfigur offen.
Martin Skerhut - Entführt in eine fremde Welt: Der Titel der Erzählung von Martin Skerhut ist wohl zweideutig gemeint. Und ich denke, erst wenn man diese Zweideutigkeit entdeckt hat, ist man überhaupt dazu in der Lage, die geniale Idee zu verstehen, die sich hinter der zuerst schockierenden Geschichte verbirgt ...
Beim Meditieren im Wald wird ein junger Mann von den Dunkelelfen in ihr unterirdisches Reich entführt. Genauso befremdlich wie diese andere, „fremde" Welt auf den Protagonisten wirkt, erscheinen uns die sexuellen Schilderungen, die der Autor langsam in seine Story miteinfließen lässt. Martin Skerhut entführt uns (auf doppelte Art und Weise!) in eine „fremde" Welt. Lesenswert!
Timo Bader - Der Fall der Jane J.: Nach der Geschichte von Martin Skerhut, die durch ihren ungewöhnlichen Inhalt stark hervorsticht, legt uns einer der beiden Herausgeber, Timo Bader, eine Geschichte vor, die besonders durch ihre andersartige Form aufzufallen weiß. In Form einer so genannten „belletristischen Studie" schildert der Autor das Zusammentreffen eines Spaziergängers und einer verstörten Frau, die ein zurückgezogenes Dasein in der Einsamkeit fristet. Schon bald entfaltet die Gestalt der Erzählung ihre ganze beeindruckende Wirkung und eilt von einer Wendung zur nächsten.
Sabrina Eberl - Das Geheimnis der Höhle: Die Autorin Sabrina Eberl erzählt uns von einer Expedition in die Wildnis, die schreckliche Folgen für alle Beteiligten hat. Eine Geschichte mit Referenzen auf den CTHULHU-Mythos von H.P. Lovecraft, die alles in allem aber leider etwas zu durchschaubar konstruiert wurde.
Philipp Bobrowski - Der Feuerstern: Nach drei Geschichten, die in der hiesigen Wirklichkeit angesiedelt waren, liefert uns Philipp Bobrowski mit „Der Feuernstern" wieder eine Geschichte, die im Umfeld einer fantastischen Welt spielt. Doriel, die Geliebte von Thoron, wird entführt. Tapfer macht jener sich auf, um die Trägerin des Feuersterns zu retten und reift dabei langsam zu einem Helden heran. Die Entwicklung des Protagonisten wird sehr glaubwürdig beschrieben.
Nina Horvath - Das Ding in der Höhle: Nina Horvaths Erzählung über eine parasitenartige Wesenheit lebt von der düsteren Grund-Atmosphäre. Da stört es auch nicht weiter, dass wir etwas zu wenig über die Herkunft der Kreatur erfahren. Spannend!
Birgit Käker - Jäger in der Dämmerung: „Jäger in der Dämmerung" beginnt mit einer etwas langatmig geschilderten Jagd auf einen gewaltigen Keiler. Gegen Ende wendet sich das Blatt dann und die Story nimmt noch einmal an Fahrt zu. Insgesamt wird dem Leser hier aber für meinen Geschmack ein bisschen zu wenig geboten.
Marion C. Mainka - Das grüne Leuchten: Die letzte Geschichte der Sammlung ist noch einmal ein absolutes MUST-READ! Fünf Freunde, eine abgeschiedene Hütte in den Bergen, und eine Felshöhle, aus der ein mysteriöses giftgrünes Licht nach außen dringt ... Der ideale Stoff für eine Art Psycho-Thriller in der Einsamkeit der Wildnis. Das krönende Finale einer durchweg ansehnlichen Sammlung von phantastischen Geschichten!
Im Anhang findet sich ein ausführlicher Bericht über das Vorhaben zum „Schutz der Wälder" des „World Wide Fund for Nature". Pro verkauftem Exemplar spenden die Autoren laut Klappentext 2 EURO an das Projekt des WWF, was bei einem Preis von 9.90 ¤ eine spitzen Sache ist!
Abschließend soll gesagt sein, dass „WILDES LAND" (trotz zwei oder drei schwächeren Geschichten) eine absolut lesenswerte Anthologie ist! Die Erzählungen sind erfüllt von der düsteren Stimmung der drei Handlungsorte, die teilweise auch ineinander übergehen. Mehrere außergewöhnliche Ideen finden sich in der Sammlung, die sich angenehm von den 0815-Geschichten abheben, denen man sonst in vergleichbaren Anthologien begegnet. Und selbst die Charaktere, die in Kurzgeschichten oft nur blass gezeichnet werden, haben die Autorinnen und Autoren mit Leben gefüllt.
240 Seiten Lesespaß!
Und die Faszination der Natur auf den Menschen bleibt auch weiterhin ungebrochen ...