Schon von der ersten Note an ist sie zu spüren, die Einsamkeit. Das Gefühl, vollkommen auf sich allein gestellt zu sein in dieser ach so rauen Welt. Insofern passt der Titel „Wilderness“ perfekt zu Brett Andersons zweitem Soloalbum.
Spärlich instrumentiert – zumeist nur mit Piano/Akkustikgitarre plus Cello – erinnert dies anfangs stark an die frühen Suede, die emotional geladene Seite einer Animal Nitrate oder Dog Man Star. Doch spätestens ab „Clown“, dem dritten Song des Albums hat sich „Wilderness“ erschöpft, wird die Weite erdrückend, die Einsamkeit unerträglich. Und das Gefühl, vollkommen auf sich gestellt zu sein, schlägt in Resignation um. Was ist passiert mit dem Mann, der früher so eindringlich über durchfeierte Nächte in London, jugendliche Punks in Brighton und sexuelle Zweideutigkeiten, jenseits der pseudo-offenen 90er sang? Wo sind sie hin, die Bombast-Balladen, die Rocknummern und die großen Gesten der Britpopvorreiter? Was ist passiert mit dem androgynen Dandy, der die Rebellion lieber auslöst, statt sie einfach nur zu beschreiben?
Anderson ist älter geworden, erfahrener, introvertierter. Eine Entwicklung, so verständlich wie absehbar. Warm sollte das Album werden. Intim. Nah. Doch will die Singer-Songwriter-Attitüde, die Anderson auf „Wilderness“ anschlägt, dem Ex-Suede und The Tears-Sänger nicht so recht stehen. Schon nach kurzer Zeit vermisst man den dramaturgischen Bogen, die stilistischen Experimente und die Kraft, die den früheren Suede/Tears-Alben so eigen war und wie Andersons Stimme in orchestraler Begleitung versinkt, statt in der Ferne zu verhallen. Mager wie sein Körper, so sind die Songs ausgefallen und so traurig wie der Herbst an einem Regen verhangenen Tag. Doch hat auch diese Platte ihre Lichtblicke. Bei „Blessed“, einer emotionalen Mid-Tempo-Ballade, kommt ein Hoffnungsschimmer im dunklen Tal der Tränen auf. Das experimentellere, orientalisch angehauchte „Funeral Mantra“ mag zwar nicht gänzlich den sonst so Kraft raubenden Akt wieder beleben können, eine willkommene Abwechslung ist es allemal.
Man kann Brett Anderson nicht vorwerfen er würde stillstehen. Nein, entwickelt hat er sich. Ruhiger ist er geworden und reifer, das hört man ihm an. Für die stillen Stunden, dann wenn man allein den Gedanken nachhängen will, dann wenn die Musik nur Hintergrund ist, dann wenn man einen Soundtrack für den Liebeskummer braucht, in einer solchen Situation ist „Wilderness“ die perfekte Platte. Ansonsten gilt: wer bereits gedrückter Stimmung, alteingesessener Suede Fan oder auf der Suche nach epischen Britpop ist, sollte die Finger von dem Album lassen.
Constanze Koch
Brett Anderson hat aus seinen Fehlern gelernt: War das Solodebüt des Ex-Suede-Sängers noch streckenweise mit Chören und zu üppigen Arrangements überladen oder unnötigerweise von Gitarren aufgeraut, beschränkt er sich jetzt auf Streicher und Piano. Er ist beim Kammerpop angekommen, ohne die Verbindung zur Vergangenheit völlig zu kappen: Die Stimmung auf "Wilderness" erinnert an die dramatischen Balladen vom vielleicht besten Suede-Album "Dog Man Star". Damals waren es die melancholischen Momente eines Britpoppers zwischen Clubs und Drogen; inzwischen aber hat Anderson das aufgeregte London hinter sich gelassen und sinniert beim Landspaziergang über die Liebe. Dabei sind ihm die besten Songs seit Mitte der 90er gelungen, allen voran "Back to you", ein Duett mit der französischen Schauspielerin Emmanuelle Seigner. Die reduzierte Instrumentierung rückt seine Stimme noch stärker in den Fokus und macht eine Frage umso dringlicher: Warum bloß führt dieser Ausnahmesänger seit dem Suede-Split ein Nischendasein? (cs)