Ein spannendes, ein fesselndes und vor allem ein ehrliches Buch. Ich habe die 450 Seiten in zwei Tagen durchgelesen, konnte das Buch nicht aus der Hand legen und verspürte den Wunsch: Weiterlesen! - trotzdem die Nacht unbarmherzig vorrückte und schon bald der Morgen nahte. Am nächsten Tag ging es sofort weiter, wie bei einem spannenden Roman. In guter Memoirenliteratur wird Lebenszeit zu Geschichte, wenn vom gelebten Lebens Unabgegoltenes bleibt. Dies ist ein solches Buch und das macht seine Faszination aus. Die Schönbohms bieten mehr als eine übliche Politiker-Selbstbeweihräucherung. Hier erzählen zwei Menschen, Jörg Schönbohm und seine Ehefrau, Evelin Schönbohm nicht nur ihr gemeinsames Leben und das Schicksal ihrer Familien sondern 100 Jahre deutsche Geschichte. Allein für diese Passagen lohnt die Lektüre. Der Lebensweg dieses kantigen Politikers, der niemals Politiker werden wollte, gewinnt so seine menschliche Dimension.
Jörg Schönbohm blieb auch mitten im politischen Getriebe immer ein eigenwilliger Mensch, selbst als Soldat war ihm sein Menschsein, seine Familie wichtiger als seine Karriere. So sollte er z.B. 1979 ein neues Kommando übernehmen und deshalb nach nur zwei Jahren schon wieder umziehen. Nachdem sein zwölfjähriger Sohn beim Abendbrot erklärte, das das nicht ginge, da die Schwester gerade das Abitur mache und sie eine Familie seien, erklärte er seinem Vorgesetzten, das er das Kommando nicht annehmen könne ' egal wie töricht diese Entscheidung sei. Auch das Ansinnen seiner Vorgesetzten, das es unpassend sei, dass die Frau eines höheren Offiziers der Bundeswehr berufstätig sei, wies er zurück. Seine Frau arbeitete weiterhin als Lehrerin ' in den 60er Jahre - als dies noch weithin unüblich war. Geschadet hat es ihm nicht. Er machte Karriere, wurde General und Staatssekretär im Verteidigungsministerium, vielleicht gerade deshalb. Solche Haltung erwartet das linke Vorurteil nicht von einem Offizier der Bundeswehr und späterem konservativen Politiker ' Nichts mit Heimchen am Herd. Wahrscheinlich war er deshalb später der politischen Linken als Politiker so verhasst.
Vor der Politik wurde er gewarnt. 'Damit das klar ist, ich finde Sie taugen nicht für die Politik. Sie sind viel zu offen und vertrauensselig, Sie können das nicht!' mahnte ihn Volker Rühe, als Schönbohm vom Berliner Bürgermeister Diepgen den Posten des Innensenators angeboten bekam. Er ging trotzdem in die Politik und blieb auch dort die ehrliche Haut, unfähig zur Intrige, zur Heuchelei, zur Anpassung an die Political Correctness. Er sagte auch als Innensenator in Berlin und später als Innenminister in Brandenburg, was er dachte und provozierte damit manchen Skandal in den Medien, etwa mit seiner Äußerung, dass die von der SED erzwungene Proletarisierung der ländlich strukturierten Räume Ostdeutschlands und der damit verursachte Werteverlust ein Grund sei für Verwahrlosung, Gewaltbereitschaft und Gleichgültigkeit. Liest man die entsprechenden Passagen im Buch nach, wird klar, das dies keine Provokationen um der Provokation willen waren, sondern man versteht, das sich hier ein Mensch Sorgen gemacht hat um den Zustand des Landes.
Politiker wie Schönbohm gibt es bald nicht mehr, auch nicht in der CDU. Auch hier haben die demagogischen Medienstrategen Oberwasser und mit ihnen die Anpassung an einen Zeitgeist dem Konformität über alles geht. Schönbohm bringt ihn auf den Punkt: 'Wenn mir Journalisten hinter vorgehaltener Hand sagten: "Sie haben ja recht, aber warum müssen Sie es denn aussprechen?" erwiderte ich: " >Wessis< dürfen die Dinge nicht ansprechen und >Ossis< wollen es nicht! Wenn ich es nicht sage, dann sagt es ja gar keiner." Daraufhin hieß es: "Na, dann sagt es eben keiner."
Ob so Demokratie funktionieren kann? Jörg Schönbohm "Wilde Schwermut" - LESEN!