Obwohl der Roman "Wilde Schafsjagd" unter Haruki Murakamis Frühwerk einzuordnen ist, ist er als gelungen zu bezeichnen. In ihm vereinigt sich gewissermaßen die Spannung nach Art eines Kriminalromans (auch, wenn es keinen Mordfall im eigentlichen Sinne gibt) mit der für Murakamis Romane typischen Stimmung, durch die man sich als Leser während der Lektüre wie in einem Traum verlieren kann.
Die Geschichte beginnt zunächst völlig realitätsgebunden. Der 29jährige, namenlose Icherzähler, gerade geschieden, betreibt mit einem Freund und Kollegen in Tokyo eine Werbeagentur. Per Rückblende erfahren wir, daß er einige Jahre zuvor von seinem früheren Freund Ratte einen Brief mit einem Foto erhielt, welches eine Gebirgsweide mit Schafen im Vordergrund auf dem nordjapanischen Hokkaido zeigt. Eines der Schafe, mit einer sternförmigen Fellzeichnung auf dem Rücken, unterscheidet sich von den anderen. Der Protagonist veröffentlicht das Landschaftsfoto zufällig im Rahmen einer Werbekampagne. Bald darauf erhält er in seiner Agentur Besuch von einem Mann, der ihn im Auftrag einer geheimen Untergrundorganisation beauftragt, das besagte Schaf mit dem Stern auf dem Rücken zu finden. Mit der Drohung, der Chef der Organisation werde das Leben und die Werbeagentur des Protagonisten zerstören, übt er Druck aus. Hintergrund ist die dem Schaf mit der Sternzeichnung innenwohnende übernatürliche Macht, die sich der im Sterben liegende Chef der Organisation aneignen will. Klingt etwas eigenartig, aber Murakami spinnt eine spannende, in sich stimmige Geschichte daraus!
Zunächst völlig planlos, macht sich der Icherzähler mit seiner neuen Freundin, die offenbar mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet ist, auf den Weg nach Hokkaido, einerseits um Ratte, andererseits um das besondere Schaf aufzuspüren. Nach einigen Irrwegen und mit Hilfe einiger Fingerzeige seiner Freundin findet er die auf dem Foto erkennbare Bergweide und kurze Zeit darauf auch das Schaf - allerdings nicht in seiner auf dem Foto sichtbaren Gestalt... Die Bedrohung, der sich der Icherzähler zunächst ausgesetzt sah und die von der Untergrundorganisation ausging, ist somit zwar aufgehoben; ein wirkliches "Happy End" gibt es allerdings dennoch nicht.-
Trotz einiger nicht ganz durchschaubarer Verwicklungen und der eigentümlichen, teilweise fantastischen Handlung scheint dennoch alles im Roman aus dem Leben gegriffen erzählt und zieht den Leser mit einer ganz eigenen Spannung, durch die sich auch andere Romane von Haruki Murakami auszeichnen, in seinen Bann.