So richtig wild ist das Buch nicht, und einem echten Schaf begegnet der
Protagonist genauso wenig, ein - wie immer bei Murakami - namenloser Held
aus Tokyo. Er ist neunundzwanzig und betreibt eine Werbeagentur, zusammen
mit einem Kumpel, der tagsüber sehr solide wirkt - im Gegensatz zu unserem
Helden -, sich aber gnadenlos die Hucke zusäuft. Auch der Protagonist
gönnt sich gerne mal ein Bierchen oder zwei, hat eine Freundin, die eher
bläßlich scheint, aber als Buchkorrektorin, Ohrenmodell und Callgirl
arbeitet, davon abgesehen über sehr interessante Fähigkeiten verfügt. Wir
schreiben 1978.
Eines Tages taucht ein etwas seltsamer, glatter, sehr seriöser Mann in der
Agentur auf. Er fordert, daß eine Publikation eingestampft wird, die die
beiden für eine Versicherungsgesellschaft hergestellt haben, unter
Verwendung eines Fotos, das der Held von seinem verschollenen Freund
"Ratte" zugeschickt bekommen hat: Eine Schafweide irgendwo in den Bergen.
Eines der Schafe auf dem Bild ist nicht wie die anderen. Es ist das
Überschaf, das mysteriöse, kraftspendende Traumschaf, ein Tier, das sich
besondere Menschen als Wirt sucht, um seinen anarchistischen Willen in der
Welt durchzusetzen. Unser Held wird beauftragt, dieses Schaf zu finden,
und eine Odyssee beginnt, die knapp einen Monat dauert. Schafft er es
nicht, wird seine Existenz vernichtet, nicht mehr, nicht weniger.
Im Klappentext ist von einem "Detektiv-Roman mit
Science-Fiction-Elementen" die Rede. Aber das stimmt nicht. In einer etwas
spröden, aber sehr lesbaren Diktion erzählt "Wilde Schafsjagd" von einem
Protagonisten, der clever ist, aber passiv, der die richtigen Schlüsse
zieht, aber die Richtung nicht kennt, in die sich die Dinge entwickeln.
Natürlich ist er auf der Suche, allerdings nicht wirklich auf einer Jagd,
und am Ende wird nicht das Schaf aus Fleisch und Blut gefunden, sondern
dasjenige in uns allen: Die grandiose Dummheit, mit der sich einige von
uns die Welt zurechtzubiegen versuchen. Das Schaf steht für den nutzlosen
Willen, die Dinge und Menschen zu unterwerfen, für den Geschmack der
Macht. Vielleicht. Wie immer bei Murakami steht die Eindeutigkeit und
Klarheit der Figuren in einem krassen Gegensatz zum Kontext und zur
Handlung; was man zwischen den Zeilen findet, liegt im Ermessen des
Lesers, jedes einzelnen. Allerdings bietet "Wilde Schafsjagd" deutlich
mehr Identifikations- und Auslegungspotential, als etwa "Mister
Aufziehvogel", liest sich flüssig, spannend, ist überaus exakt beobachtet.
Wer allerdings ein Lesevergnügen erwartet, das mit dem Ende endet, ist bei
Murakami auf dem falschen Dampfer. Generell und in diesem Einzelfall.