Aus der Amazon.de-Redaktion
Walter Moers macht immer alles anders. Und so ist er auch diesmal den umgekehrten Weg gegangen und hat Dorés Kupferstiche zu einem neuen erzählerischen Kabinettstück versammelt. Dabei schickt er den 12-jährigen Gustave in seine eigenen (Alb-)Traumbilder und lässt ihn nach klassischer Märchenmanier (sechs gelöste Aufgaben = Todesaufschub) auf dem Pferd Pancho Sansa im "Reich der Ungeheuer" allerlei Abenteuer mit Fabelwesen, Rittern und Jungfrauen bestehen. Hier hat Gustave gegen treulose Kumpanen und die erste (kurze) Liebe gleichermaßen anzukämpfen. Dazwischen bringen diverse Diener des Todes unseren Helden in immer neue Gefahren: "Wenn er aus den Fluten auftauchte, hatte Gustave die Wahl, gefressen, von Krallen zerfetzt, bei lebendigem Leibe verbrannt oder gekocht zu werden". Er hat also keine Chance -- und die nutzt er gut.
Früher war Moers ja für seine Lügengeschichten bekannt, die er Käpt'n Blaubär in die sympathische Schnauze legte. In Wilde Reise durch die Nacht nun erzählt er endlich die ganze Wahrheit über die Welt der Mythologie: Hierzu gehört die Erkenntnis, dass Drachen nur dressierte Kampfhunde und Jungfrauen so richtig böse sind. Da ist sehr viel geklaut von Italo Calvino und den Rittern der Kokosnuss. Aber schon Ensel und Krete war eine kongeniale Verballhornung Grimm'scher Volksmärchenkunst. Und dass Moers die Illustrationen von Doré stibitzte, um sie mit neuem fantastischem Erzählstoff zu umgarnen, dafür ist man ihm bei der vergnüglichen Lektüre Seite für Seite dankbar. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Amazon.de-Hörbuchrezension
Ihren eigentlichen Reiz bezieht Moers' Erzählung freilich aus der Gegenüberstellung mit den düsteren Kupferstichen von Gustav Doré. Und so ist es lobenswert, dass man auch die Hörbuch-Version anhand der beiliegenden 18 -- auf vier Poster verteilten -- Zeichnungen verfolgen kann. Prima für einen verregneten Sonntag auf dem Sofa. --Axel Henrici
4 CD-Box mit 4 Postern. Studioaufnahme. Gesamtspieldauer: 275:20 Minuten.
Über den Autor
Auszug aus Wilde Reise durch die Nacht. von Walter Moers, Gustave Dore. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
es vor, während der Nacht zu reisen - da er sowieso nicht wußte, wohin die Fahrt
gehen sollte, schienen die Sichtverhältnisse nebensächlich zu sein. Der Himmel
war von tintigen Wolken überzogen, nur ab und zu lugte ein Stern oder das
kraternarbige Gesicht des Mondes dazwischen hervor und spendete gerade genug
Licht, um das Steuerrad in seinen Händen erkennen zu können. Gustave hatte
gelesen, daß es möglich war, sich auf dem Meer am Stand der Sterne zu
orientieren. Er wollte sich diese Kunst eines Tages gefügig machen, aber im
Augenblick mußte er sich auf seine Instinkte verlassen.
"Hart Backbord!" brüllte er über das Deck und riß das Steuerrad nach links.
Befand sich Backbord rechts oder links? Fuhr das Schiff nach rechts, wenn man
das Steuer nach links drehte oder war es umgekehrt? Gustave wischte die Fragen
vorläufig zur Seite und kurbelte energisch an dem hölzernen Rad, um seinen
Männern den Eindruck wilder Entschlossenheit zu geben.
"Wir werden ihm nicht entkommen, Käpt'n!" Dante, sein treuer und einäugiger
Steuermann, war hinter ihn getreten. Die Stimme des erfahrenen Seemanns bebte
vor Furcht. "Wir können ihm unmöglich entrinnen, nicht wahr?"
Obwohl er erst zwölf Jahre alt war, blickten die Männer der Aventure zu Gustave
auf wie zu einem Giganten - auch wenn sie sich dabei hinabbeugen mußten. Dante
knetete seine Mütze in den groben Fäusten und sah den jungen Kapitän mit seinem
übriggebliebenen Auge hoffnungsvoll an. Gustave hielt die Nase in den Wind und
schnupperte. Die Luft war feucht und warm, wie vor einem großen Gewitter.
"Entkommen?" gab er über die Schulter zurück. "Wem entkommen, mein treuer
Dante?"
"Na, dem Sturm, Kapitän! Oder besser: den Stürmen, nicht wahr." "Sturm?" fragte
Gustave. "Was für eine Art von Sturm meinst du denn?"
"Ich meine einen Siamesischen Zurillingstornado, Käpt'n! Und er ist uns schon
dicht auf den Fersen." Dante wies mit zitterndem Zeigefinger zum Heck des
Schiffes, und Gustaves Blick folgte ihm. Was er dort sah, war in der Tat
furchteinflößend: Zwei mächtige Wasserhosen hatten sich aus dem Meer erhoben,
ihre wirbelnden Stämme ragten hinauf bis in die dunklen Wolken, saugten den
Ozean und alles, was sich darin befand, in den Himmel. Sie brüllten wie
tobsüchtige Riesen und kamen der Aventure buchstäblich in Windeseile näher.
"Soso, einer von diesen Siamesischen Zwillingstornados also", sagte Gustave
betont gelassen. "Nun, das ist unerfreulich, aber noch lange kein Grund, die
Kontrolle über seine Kniegelenke zu verlieren." Er blickte tadelnd auf Dantes
zitternde Beine.
"Holt die Segel ein! Drei, äh, vier Strich Steuerbord!" kommandierte Gustave
zackig. Der Steuermann riß sich zusammen, beschämt von der Todesverachtung
dieses kaltblütigen Jungen. "Jawohl, mein Kapitän!" salutierte Dante. Er schlug
die Hacken zusammen und entfernte sich steifbeinig.
Gustaves Knie wurden erst weich, nachdem Dante davongestelzt war. Seine Hände
klammerten sich ans Steuerrad fest. Ein Siamesischer Zwillingstornado - na
großartig, das war das gefährlichste Naturereignis, das einem auf allen sieben
Meeren blühen konnte! Zwei verschwisterte Wirbelstürme, metereologische
Zwillinge, die anscheinend auf telepathische Art miteinander kommunizierten und
gemeinsam Jagd auf Schiffe machten. Wenn einen der eine nicht erledigte,
besorgte es der andere.
Gustave warf einen Blick zurück auf die brüllenden Wirbel. Sie schienen beide
ihren Umfang im Handumdrehen verdoppelt zu haben, Gustave sah riesige Kraken,
Wale und Haie, die von ihnen aus dem Meer gerissen und durch die Luft
geschleudert wurden. Blitze zuckten zwischen den torkelnden Sturmriesen hin und
her, ein Geflecht aus weißem, blendendem Licht, das die Aventure aufleuchten
ließ wie ein Geisterschiff.
"Aha - so kommunizieren sie also!" kombinierte Gustave. "Durch Elektrizität! Ich
muß diese Erkenntnis umgehend der internationalen Tornadowissenschaft zukommen
lassen - wenn ich das hier überleben sollte."
Er blickte wieder nach vorn. "Es ist vollkommen gleichgültig, wohin ich
steuere", überlegte er. "Fahren wir nach links, erwischt uns der linke Tornado.
Fahren wir nach rechts, der rechte." Kaum hatte er diesen trostlosen Gedanken zu
Ende gedacht, da wurde die Aventure von einer gewaltigen Dünung in die Höhe
gehoben. Für einen Moment stand das Schiff fast bewegungslos über der See, in
einer Krone aus weißer Gischt. Der Ozean schien in seinem ewigen Rollen
innezuhalten, als sei er zum Komplizen der Wirbelstürme geworden, der ihnen das
fliehende Schiff auf einem schäumenden Tablett servierte.
"Wir stehen auf der Stelle!" dachte Gustave verzweifelt. "Wir sind verloren." -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .