Der grottenschlechte Film, als der er in den USA meist verrissen wird, ist "Wilde Orchidee" nicht. Er hat durchaus ein gewisses nostalgisches Flair, ist ästhetisch und zumeist geschmackvoll gemacht und ganz gute Unterhaltung, wenn man gerade Lust auf etwas Ruhiges hat. Schön dürfte er gewiss auch für alle sein, die nichts gegen ältere Filme haben, und für solche, die ihre beschaulichen Urlaubsträume von Sonne und Palmen gerne mit einem Schuss feizügigem Abenteuer vermischen. Fantasievoll Begabte, die anstelle von Hardcore-Konsum lieber das, was nicht gezeigt wurde, in eigenen Träumen fortsetzen, liegen hier wahrscheinlich ebenfalls richtig.
Aber ganz gewiss wird einem nicht der glühende Erotikstreifen serviert, den man erwarten könnte, wenn man der Beschreibung auf der Hülle glauben schenken würde - und erst recht kein Thriller, wie manche Quellen behaupten! Die Handlung besteht im Grunde aus exotischer Kulisse, Musik, größtenteils dunkler nackter Haut, langatmigen Tanzszenen und anschlüpfrigem Gerede, durchsetzt von ein paar erotischen Höhenflügen. So ganz in Fahrt kommt der Film nie, aber immerhin ist er auch schon über 20 Jahre alt, da will man nicht allzu kritisch sein.
Überraschend fand ich, dass manche dem Film Anklänge von härterem Sex nachsagen, vor allem bezogen auf die "Prostitutionsszene", in der eine Ahnung von Vergewaltigung zu finden ist. Ich fand das nicht, aber das ist natürlich Geschmacksache. Frauen, die es sonst etwas zarter und romantischer mögen, werden den Film vielleicht aufregender finden als ich. Alles in allem fand ich selbst ihn zäh und ziemlich lauh, was sicher auch daran liegt, dass Mickey Rourke ohnehin nicht mein Fall ist, erst recht nicht in dieser wehleidigen Rolle.
Carrè Otis ist natürlich keine Schauspielerin, große Leistungen darf man von ihr also nicht erwarten. Die Anwältin nimmt man ihr nicht ganz ab, aber schließlich widmet sich der Film ja auch nicht ihrer Karriere, sondern ihrem sexuellen Erwachen. Ihre Unerfahrenheit als Darstellerin macht Otis wett durch ihre natürliche Sinnlichkeit und ihre unschuldig wirkende Schönheit, mit der sie perfekt das naive, strebsame, etwas biedere Mädchen von Lande verkörpert, das sich danach sehnt, seine Unschuld zu verlieren.
Man kann sich den Film jedenfalls durchaus ansehen. Was ich für ihn ausgegeben habe, war er nicht unbedingt wert, aber ich werde ihn trotzdem in meine Sammlung aufnehmen. (Noch erwähnen sollte man wohl, dass die Synchronstimmen in den Nebenrollen teilweise sehr schlecht sind.)
Für alle, die gerne noch etwas mehr zur Handlung und über den Gehalt als Softporno erfahren wollen (ACHTUNG SPOILER !!!), hier eine kurze Zusammenfassung:
Als die junge Anwältin Emily, frisch nach Brasilien versetzt, in einer Hotelruine ein schwarzes Pärchen bei wildem, animalischem Sex beoachtet, werden dadurch all ihre Sinne angeregt. Zunächst ist sie schockiert, aber sie ist nicht vollends abgeneigt, als kurz danach der undurchsichtige Geschäftsmann Wheeler sein Interesse an ihr zu bekunden beginnt. Sie lässt sich in eine spielerische Beziehung drängen und wird von ihm nicht ganz freiwillig in den Voyeurismus eingeführt - Möglichkeiten sind allgegenwärtig in der schwülen Atmosphäre des zügellosen Karneval.
Die zweite, für meinen Geschmack misslungene Sexszene des Films zeigt ein Pärchen mittleren Alters beim Verkehr im Auto, während Emily gezwungen ist zuzusehen - eine einschlägige Erfahrung für sie, keine allzu große Freude für den Zuschauer. Man sieht die meiste Zeit über Assumpta Sernas Grimassen zu, die eher an einen unterdrückten Lachkoller denn an sexuelles Vergnügen erinnern.
Warum tut Wheeler das? Weil er selbst "nicht kann". Warum, das findet Emily später heraus. Zunächst einmal treibt er sie mit seinem Verhalten in die Arme eines Potenteren.
Dieser jemand ist Bruce Greenwood (Star Treks neuer Captain Pike) ganz am Anfang seiner Karriere in dem leider einzigen Erotikfilm, in dem er mitgewirkt hat. In dieser dritten, sehr sinnlichen Sexszene des Films verliert Emily zwischen blanker Angst und erregter Neugierde ihre Unschuld. Fängt heiß an, wird dann aber viel zu früh geschnitten, vermutlich, damit Rourkes späterem hüllenlosen Auftritt nicht die Show gestohlen wird.
Es gibt noch ein paar Verwicklungen ums Geschäftliche herum, weil Wheeler Emily für ihre "Untreue" bestrafen will und seine Finger ins Spiel steckt, aber echte Spannung kommt dabei nicht auf. Emilys Selbstbewusstsein indessen wurde durch ihr sexuelles Erlebnis gestärkt, und mit Unterstützung ihrer reiferen Freundin (eher nervig in dieser oft störend überbetonten Rolle: Jaqueline Bisset) beginnt sie nun selbst, die Initiative zu ergreifen, um Wheelers Blockade zu durchdringen. Am Ende gelingt es ihr natürlich, und die beiden haben zwei Minuten lang zügellosen Sex in verschiedenen Stellungen. Direkt danach ist der Film zu Ende.
Carré Otis-Liebhaber bekommen dezentes full frontal geboten. Obwohl man im Laufe des Films ein paar schöne Männerkörper sieht, gehen Frauen in dieser Hinsicht natürlich leer aus - FSK 16.