Ingmar Bergmans "Wilde Erdbeeren" - im schwedischen Originaltitel "Smultronstället", 1957 - zählt für mich zu den unbestrittenen Meisterwerken der Kinematografie. Darüber hinaus stellt dieser Film einen wertvollen Beitrag zum filmkünstlerisch zum Ausdruck gebrachten Existenzialismus dar.
Zum Inhalt: Der Arzt und Forscher Isak Borg (grandios: Victor Sjöström), seines Zeichens verwitwet und 78 Jahre alt, lebt zurückgezogen mitsamt seiner mürrisch-liebevollen Haushälterin Agda in Stockholm. Anlässlich seines 50jährigen Doktorjubiläums wurde Borg zuvor nach Lund eingeladen, um von seiner Alma Mater geehrt zu werden. Am Vorabend dieses denkwürdigen Ehrentages hat Borg einen erschreckenden Traum - er begegnet darin dem Tod, im Folgenden das Leitmotiv des Films.
In Begleitung seiner Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin), zu welcher der Professor ein bestenfalls platonisches Verhältnis pflegt, bricht er am kommenden Morgen mit dem Auto nach Lund auf. Auf halber Strecke machen sie an einem verlassenen Sommerhaus, in dem Borg seine unbeschwerte Kindheit verbrachte, Rast. Er findet dort den Platz der wilden Erdbeeren wieder und entrückte Bilder der Vergangenheit holen ihn ein. Er sieht seinen schwerhörigen Onkel Aaron vor sich, dessen Geburtstag gerade gefeiert wird, umgeben von Borgs Geschwistern, er selbst aber steht als gealterter Unbeteiligter voller Wehmut außerhalb des Geschehens.
Bei der Weiterfahrt nach Lund nehmen Borg und Marianne dann drei Studenten mit: Sara (Bibi Andersson), Victor und Anders, die bis nach Italien trampen wollen. Kurze Zeit später entgehen sie nur knapp einem Zusammenstoß mit einem anderen Wagen, der im Straßengraben landet. Den beiden unverletzt gebliebenen Insassen, dem Ingenieur Alman und seiner Frau, bietet Borg die Mitfahrt an. Unterwegs geraten die beiden jedoch so heftig in Streit miteinander, dass Marianne sie des Fahrzeugs verweisen muss.
Zur Mittagszeit rastet man erneut: Victor und Anders, ganz in ihrem leidenschaftlichen Element, diskutieren enthusiastisch über Religion und Wissenschaft; Borg und Marianne wiederum besuchen die in der Nähe lebende Mutter des Professors, die Begegnung fällt, vor allem für Marianne, distanziert und befremdlich aus.
Auf der Weiterfahrt - Marianne fährt - schläft Borg ein und wird abermals von bedrückenden Traumvisionen heimgesucht. Zunächst begegnet er seiner Cousine Sara, die er in seiner Jugend liebte, aber letztlich an seinen Bruder Sigfrid verloren geben musste. In einer veränderten Traumsituation muss er sein praktisches Hochschulexamen wiederholen, bei dem er überraschenderweise kläglich versagt. Der Prüfer ist Alman: er tritt als Ankläger im Namen der verstorbenen Frau des Professors auf und begleitet diesen zu einer Szenerie, in der sich Borgs Frau einem fremden Mann hingibt. Borg erwacht und erzählt Marianne von seinen Traumbildern. Diese wiederum erkennt darin überrascht, wie sehr der junge Isak Borg in seiner Gefühlskälte ihrem Mann Ewald, ebenfalls Mediziner, ähnelt.
In Lund angekommen, empfängt Ewald Borg den Vater und Marianne in seinem Haus. Ermüdet vom Ritual des vorangegangenen Festaktes, den der Professor wie abwesend über sich hat ergehen lassen, sinkt er am Abend ins Bett. Sara, Anders und Victor verabschieden sich liebevoll mit einem Lied von ihm; Marianne und Ewald scheinen ihre vormals angedeuteten Differenzen überwunden zu haben und kommen einander wieder näher. Noch einmal ruft Borg Erinnerungen aus seiner Kindheit wach, er träumt sich zurück zum sommerlichen Erdbeerplatz und sieht seine Eltern, die ihm vom gegenüberliegenden Seeufer aus zuwinken.
"Wilde Erdbeeren" berichtet über die Ereignisse eines bedeutungsvollen Tages im Leben eines alten "Einsiedlerkrebses". Jahrzehntelang hat der geachtete Professor das Bewusstsein, im Leben versagt zu haben, verdrängt und gleichzeitig unter diesem Selbstbetrug gelitten. Darüber ist er im Alter einsam geworden - ein Mensch, der vom Leben nichts begehrt als Ruhe und die Möglichkeit, sich den Dingen zu widmen, die sein Interesse erweckt haben. Seine Abschirmung von der Außenwelt ist somit selbst gewählt. Der zu Beginn erwähnte Todestraum bewegt ihn dazu, das Auto - und nicht wie ursprünglich geplant den Zug - zu benutzen: er will die Stätten der Vergangenheit wiederentdecken, sich auf die Suche begeben nach der versäumten Zeit, der verlorenen Liebe, dem vernachlässigten Leben. Die Fahrt nach Lund entwickelt sich für ihn zu einer Wiederbegegnungsreise mit der Welt, mit den Menschen - und letzten Endes mit sich selbst. Die äußeren und inneren Ereignisse der Reise wühlen den Bodensatz der Erinnerungen noch einmal auf: Realität und Geträumtes vermischen sich miteinander, Vergangenes wird erstmals selbstkritisch reflektiert.
Eine Schlüsselszene des Films ist das "Examen" durch Alman. Dieser bescheinigt dem Professor ärztliche Inkompetenz und klagt ihn der Gefühlskälte und Selbstsucht an, die für den Ehebruch von Borgs Frau die bestimmenden Hintergründe waren. Borg erkennt daraufhin nicht nur seine eigene Schuld, sondern begreift auch, dass er dafür mit Einsamkeit gestraft wurde. "Gibt es denn keine Gnade?" entfährt es ihm angesichts seines zwischenmenschlichen Versagens. Konfrontiert mit enttäuschenden Erlebnissen, mit unbeabsichtigten, aber gerade deswegen umso schwerwiegenderen Fehlern, versteht Borg nun, welches Maß an Schuld er selbst zu verantworten hat. Aus dieser innerlichen Katharsis durch Selbsterkenntnis geht er als neuer, geläuterter Mensch hervor.
Die Personen, denen Borg während seiner Fahrt begegnet, stehen vielfach im Widerstreit mit ihren eigenen Nöten. Während die Probleme der drei Studenten noch vergleichsweise "theoretischer" Natur sind, geht es bei Marianne und Ewald sowie beim Ehepaar Alman um die grundsätzliche Frage nach Sinn und Zweck menschlichen Zusammenlebens. In der Darstellung dieser konfliktbehafteten Beziehungen wird Bergmans Beeinflussung durch die Existenzphilosophie am deutlichsten erkennbar.
Der Film wendet sich in erster Linie an ein empfängliches, verständnisbereites Publikum. Es handelt sich nicht unbedingt um "leichte Kost", die der reinen Unterhaltung dienen soll. Vielmehr wird versucht, psychologisch vertiefend und unter Einbeziehung der religiösen Dimension, die komplexe Problematik menschlichen Miteinanders und die Schwierigkeit der Lebensbewältigung darzustellen - ohne dass sich Bergman dabei zum Richter aufschwingen würde. Ihm geht es primär darum, ein persönliches Bekenntnis zur Notwendigkeit gegenseitigen Verstehens und des Mit- anstatt des Nebeneinanderlebens abzulegen. Unaufdringlich, aber überzeugend für diejenigen, die sich seinen Intentionen öffnen.
Der ungemeine Gedankenreichtum, der sich in den vielseitig angelegten Charakteren widerspiegelt, und die Präzision und Schönheit der optischen Gestaltung machen diesen Film zu einem zeitlosen Meisterwerk ganz besonderer Machart. Ich habe diesen eindrucksvollen Film jetzt schon mehrere Male gesehen und bin nach wie vor von seiner Strahlkraft angetan - auch wenn es sich hierbei nach gängiger Vorstellung um einen "spannungslosen Film" handeln sollte.
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Die sehr schön gestaltete "Ingmar Bergman Edition" von Arthaus enthält auf DVD 2 (Bonusmaterial) die folgenden Features:
- Aufnahmen von den Dreharbeiten,
- ein Interview mit Bibi Andersson (Sara),
- eine Bergman-Biografie,
- ein Filmessay zu "Wilde Erdbeeren".
Einzig die Stimme des Kommentators - sehr "norddeutsch" und schroff - hätte besser gewählt werden können.
Darüber hinaus enthält die Special Edition ein informatives, kleines Booklet mit Produktionsnotizen sowie eine Biografie über Victor Sjöström (Hauptdarsteller Borg und selbst ein berühmter Filmregisseur) und Bibi Andersson.
"Wilde Erdbeeren": Ein feinfühlig inszeniertes JUWEL der Filmgeschichte, das in jede Klassikersammlung gehört. Absolute Kaufempfehlung meinerseits.