Wissen und Erfahrungen vermitteln sich nun mal leichter in einem nicht so bierernsten Ton. Auch im Bett läuft vieles entspannter mit einem Lächeln oder Lachen. Kampf ist Krampf, eine Botschaft, die "Wild Thing" von Paul Joannides zwischen den Zeilen dankenswert deutlich rüber bringt.
Manchmal wirkt ein Scherz oder ein Sprachwitz vielleicht etwas verkrampft. Ich kann nicht beurteilen, inwiefern das auf Übersetzungsprobleme zurückzuführen ist. Zweifel an Respekt, Hilfsbereitschaft und Ernsthaftigkeit kommen aber trotz der freundlich-lockeren Sprache eigentlich niemals auf.
Wild Thing ist ein umfassender Ratgeber, eher vielleicht noch eine Art Nachschlagewerk, für alle Lagen - nicht nur, aber auch, die des Lebens, für alle Ausrichtungen und jegliche Neugierde. Über Probleme, Risiken und Krankheiten wird umfassend informiert, wobei nützliche Tipps und Hinweise zur Hygiene ebenso gegeben werden wie ernsthafte Warnungen.
Wild Thing räumt oft mit Vorurteilen auf und ersetzt sie durch Fakten und Erfahrungen. Das geht manchmal schmerzhaft ins Politische, und Leser(innen), die ihre eigenen Maßstäbe in Fragen der politischen Korrektheit als unumstößlich ansehen, werden es oft nicht leicht haben. Dazu gehören auch Ausflüge in religiöse Nischen.
Wild Thing ist weithin offen und frei von kategorischen Ansätzen, wobei durchaus an der ein- oder anderen Stelle Kulturunterschiede zwischen den USA und uns durchscheinen. In vorbildlicher Art werden unterschiedliche Betrachtungsweisen und Empfindungen respektiert. Sorgfältig halten sich der Herausgeber und seine über 100 Mitautoren/autorinnen an die Regel, dass jeder andere Vorlieben und Einstellungen mitbringt und dass der Abend angenehmer verlaufen wird, wenn wir diese respektieren, kennen lernen und darauf eingehen. Wohltuend finde ich die (seltene!) sorgfältige Unterscheidung von sicherem Wissen und Ansichten.
Mir ist kein anderer Sexualratgeber bekannt, der vergleichbar umfassend, sachgerecht und zweckdienlich informieren würde - und aus dem man vor allem so viel lernen kann für die liebevolle Praxis. Hier liegt nämlich das Manko der steifen "Biologiebücher", die mit funktionellen Schnitten durch die Kinderfabriken zu einem mechanisch-turnerischen Zugang zum Sex führen. Ein guter Sexratgeber sollte sich schon deutlich von einer technischen Bedienungsanleitung abheben. "Wild Thing" hat dankenswerterweise das Vergnügen aller(!) Beteiligten im Fokus. Darin liegt seine wirkliche Stärke im Vergleich zu "Lehrbüchern" und "Plastikkatalogen".
Das heißt aber weder, dass es nicht besser ginge, noch, dass nicht manches zu ergänzen wäre.
Der Ratgeber orientiert sich verständlicher- und sinnvollerweise an der vermutlich häufigsten Situation, dass sich "ziemlich treue" Paare in "einigermaßen langfristigen" Beziehungen begegnen. Zu gut Deutsch, ohne Schutz läuft nichts - man muss also im Gummimantel in die Hitze des Gefechts. Aus diesem unnatürlichen Ansatz entwickeln sich unter Umständen wohl Praktiken und Notwendigkeiten, bei welchen es auf der Begegnungsstätte gelegentlich aussehen mag, als wäre ein Drogerieregal umgekippt.
Hier sollte doch deutlicher entgegenstehen, dass es letztlich ohne Plastik, Salben, Wässerchen, Ölkännchen und anderen Hilfsmittel der Chemie-Industrie zu wesentlich entspannteren und konzentrierteren Liebestänzen kommen wird als wenn man sich über alle möglichen hygienischen und sonstigen gesundheitlichen Risiken Gedanken und (Vor-)Sorgen machen muss. Auf die dazu passende verantwortliche Lebens- und Liebensweise sollte ein solcher Ratgeber ermutigend eingehen. Auch die schönste Sache der Welt wird umso schöner, je besser man sich kennt.
Ein anderer Trend, der mir nicht gefällt, ist der des Medizinwahnsinns. Besser wäre, die Einkommensmagier im weißen Kittel ein wenig mehr am Zügel zu halten - man kann alles auch übertreiben. Vor allem gehören allzu exotische oder gar erschreckende Warnhinweise nicht in die Nähe der konstruktiven Besprechungen. Man stelle sich nur mal junge Leute vor, die sich informieren wollen und ständig nur mit Infektionen, Pilzen, Verletzungen und ähnlichem konfrontiert werden. Wie soll dabei jemals lustvoller Sex herausschauen? Also: bitte weniger vom "weißen Buhmann", und vor allem weg damit aus dem Hauptteil, meinetwegen in einen Anhang.
Die Kunst guten Sexes ist das Weglassen von allem, was nicht unbedingt dazugehört. Auch dieser Punkt wird nicht herausgearbeitet. Man muss keineswegs irgendwelche Elektromotoren in alle Öffnungen einführen, um eine aufregende Nummer zu erleben - im Gegenteil. Konsum - egal in welcher Richtung, sozusagen vom Arzt bis zum Gleitmittel, lenkt oft von den effektiveren und wesentlich lustvolleren Methoden ab, welche die Natur uns schenkt.
Mit einer gefühlvollen Aktivierung der Sinne, mit einem Öffnen der Antennen und einer liebevollen Erforschung des Partners erreicht man nun mal mehr als mit Technik, Gymnastik und Prothesen.
Auf einer einzigen Seite könnte man "die" Kurzanleitung zu allseits genussreichem Sex geben. Weder in irgendeinem Schulbuch noch in Wild Thing scheint der Raum für eine solch "nebensächliche" Hilfe vorhanden gewesen zu sein.
Wenn ich das erste Mal irgendwo etwas lesen werde, was den Menschen wirklich hilft, die schönste Sache der Welt problemlos und mit Freude zu genießen, werde ich dafür auch alle Sterne vom Amazon-Himmel holen.
jury 4* A0097 12.5.2010eg