Für manche ist und bleibt "The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle", welches Bruce Springsteen seinem Debütalbum „Greetings From Asbury Park, NJ" noch im Herbst 1973 nachfolgen ließ, das definitive Springsteen Album. Es ist in gewisser Weise eine Vollendung und Komplettierung dessen, was Springsteen auf seinem ersten Album begann oder andeutete. Die Songs sind vielfach länger geworden, die Band wird noch mehr einbezogen, es ist teilweise verspielt und die Texte oft genauso poetisch wie „Greetings", aber meist konkreter und fassbarer. Gleichzeitig präsentiert sich Springsteen noch mit einer jugendlichen Lockerheit, wie er sie später nie wieder erreichen sollte, denn dieses Album trägt noch nicht die tonnenschwere Last wie sie an einigen Stellen „Born To Run" oder spätestens „Darkness On The Edge Of Town" trägt. Einige ziehen die damalige E Street Band mit David Sancious an den Tasteninstrumenten und Vini Lopez am Schlagzeug der späteren Besetzung vor. So viele Ausflüge in den Jazzbereich wie auf diesem Album findet man bei Springsteen sonst nicht.
Das Album beginnt mit dem von Bläsern eingeleiteten „E Street Shuffle" sodann mit einer recht ausgelassenen Atmosphäre. Spricht man im Zusammenhang mit den ersten Alben von Bruce Springsteen mit der romantisierten Darstellung seiner Umgebung, nämlich der Küste New Jerseys und den Straßen von New York, so kommt man hierbei nicht an „4th Of July, Asbury Park (Sandy)" vorbei. Mit einer seiner besten Balladen macht er das „Boardwalk Life", sein vermeintliches Paradies („Sandy the fireworks are hailin' over Little Eden tonight - Forcin' a light into all those stoney faces left stranded on this warm July") unsterblich. Hierbei ist die Musik genauso magisch elektrisierend wie der Text. Jede Zeile voller Poesie, Romantik, aber auch Melancholie und Nostalgie, denn schon jetzt macht Springsteen klar, dass für ihn dieses Leben vorbei ist und sich seine Charaktere irgendwann der Realität stellen müssen: „For me this boardwalk life for me is through - You ought to quit this scene too". „Kitty's Back" ist ein absoluter Geheimtipp aus dieser Zeit, mit einem großen Instrumentalanteil, man beachte dazu nur einmal das Orgelsolo von David Sancious. In die Mitte des Album setzt Springsteen einen Track der vielen befremdlich erscheinen mag, „Wild Billy's Circus Story", die Liebe und Detailfülle mit der Springsteen hier dennoch beschreibt machen auch ihn fantastisch auf seine Weise.
Die zweite Hälfte beginnt mit „Incident On 57th Street" einem der Höhepunkte des Albums. Es ist ein kleines Epos aus den Straßen New York in der Tradition von „Lost In The Flood", dramatisch erzählt und vielleicht nur noch übertroffen von „Jungleland" auf Born To Run. „Rosalita" gehörte jahrelang als Fixpunkt zu Springsteens Liveshows, er nannte es einmal den besten Lovesong, den er je schrieb. Die bekannte Zeile „Someday we'll look back on this and it will all seem funny" verkörpert in gewissem Maße den Geist großer Teile des ganzen Albums. „New York Serenade" am Ende des Albums trägt seinen Namen zu Recht, ein fast zehnminütiges Meisterwerk, welches das Album perfekt beschließt.
Fest steht, wer Springsteen kennen will, kommt an "The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle" nicht vorbei. Wem Max Weinberg zu statisch ist, der mag an Vini Lopez' kontrollierter Hektik gefallen finden, wem Roy Bittan zu klassisch ist, der sollte David Sancious nicht verpassen. Songs wie den „E Street Shuffle" oder „New York Serenade" hat Springsteen nie wieder geschrieben, wer ihn nur aus den Achtzigern kennt, wird überrascht sein und hoffentlich bald begeistert. Dieses Album bleibt ein einmaliges Zeugnis dieser Zeit, bevor Springsteen mit Born To Run eine neue Epoche begann, die zeitlose Faszination, die trotzdem auch von "The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle" ausgeht ist jedoch noch heute ungebrochen.