Der preisgekrönte Film erzählt die Geschichte des Studenten Erik, der ein ziemlich tristes Leben in einer kanadischen Großstadt führt, sich um seinen pflegebedürftigen Vater kümmern und ganz nebenbei auch noch das Geld verdienen muss. Von seinem älteren Bruder Bjorn kann er keine Unterstützung erwarten, den der hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Bjorn flüchtet sich an Wochenenden in die Welt der Liverollenspiele (kurz LARP). Bei so einer Veranstaltung treffen sich Fantasy-Fans, um für einige Zeit in eine bestimmte Rolle zu schlüpfen und Abenteuer zu erleben. Damit das Spiel funktioniert gibt es feste Spielregeln; außerdem wird Sicherheit groß geschrieben. Gekämpft wird mit sogenannten Polsterwaffen, also z.B. Schwertern mit Schaumstoff-Klingen. Ein LARP dauert in der Regel ein bis fünf Tage und kann bis zu mehrere Tausend Mitspieler haben.
Und auch Eriks Freundin Evelyn ist begeisterte von den Ausflügen in diese Welt. Sie müsse mal an die frische Luft, erklärt sie, als sie an diesem Wochenende wieder zu einem Liverollenspiel fährt. Tatsächlich genießt sie bei den LARPs vor allem die Aufmerksamkeit, die ihr als Wikinger-Prinzessin durch die Männerwelt zuteil wird. Und so wird ihre Entführung durch den keltischen Schamanen Murtagh zum gefährlichen Spiel mit den Reizen. Erik ahnt, dass etwas nicht stimmt und sich seine Freundin mehr und mehr von ihm entfernt. Also ergreift er die Initiative und folgt ihr zu dem LARP.
Doch an dem Spielgelände angekommen merkt Erik schnell, dass er nicht mal in die Nähe von Evelyn kommt, wenn er sich nicht auf das Spiel einlässt. Also schlüpft er widerwillig in die Rolle eines Wikingers und versucht mit Hilfe seines Bruders Bjorn seine Freundin aus der Gefangenschaft zu befreien, um sie für sich zurück zu gewinnen. Dabei wird er immer tiefer in die unwirkliche Spielwelt hineingezogen. Durch sein persönliches Anliegen bringt er das Gleichgewicht des Spiels ins Wanken und es entwickelt sich eine bedrohliche Atomsphäre. Die Regeln von Macht und Gewalt scheinen auf den Kopf gestellt. Abgeschieden von der Zivilisation entwickelt das Spiel bald eine gefährliche Eigendynamik; und zieht schließlich auch den Zuschauer in den Bann.
THE WILD HUNT ist das Filmdebüt des Kanadiers Alexandre Franchi, der zusammen mit Hauptdarsteller Mark Antony Krupa auch das Drehbuch verfasst hat. Mit einem Mini-Budget von nur 500.000 Dollar realisierten sie eigenständig diesen ansehnlichen Thriller, wobei ein Großteil des Budgets in Filmrollen und deren Entwicklung floss. Franchi weigerte sich nämlich seinen Film mit einer günstigen digitalen Filmkamera umzusetzen. Um den typischen cineastischen Look zu erhalten, entschied er sich traditionell auf 35-mm zu drehen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass THE WILD HUNT sich visuell durchaus mit großen Produktionen messen kann.
Aber auch ansonsten kann diese Independent-Produktion mit seinen Big-Budget-Kollegen mithalten. Die Darsteller überzeugen durchweg, besonders Ricky Mabe als Zyniker Erik. Und Mark Antony Krupa geht förmlich auf in der Rolle von Bjorn, der glaubt durch das Liverollenspiel eine Lösung für seine Identitätskrise und die Suche nach seinen isländischen Wurzeln gefunden zu haben. Einzig der Charakter der lasziven Evelyn kann nicht wirklich überzeugen. Während männliche Zuschauer vielleicht hormonmotiviert über diese Drehbuchschwäche hinweg sehen können, werden sich weibliche Zuschauer vermutlich fragen, was die Jungs überhaupt an der blöden Tusse finden
Besonders erwähnenswert ist die Darstellung des Liverollenspiels. Üblicherweise werden Liverollenspiele in Filmen entweder als lächerliches Hobby von bemitleidenswerten Nerds dargestellt (wie in VORBILDER?!) oder als gefährliche Eskapismus-Droge (wie in MAZES AND MONSTERS). Das hätte auch bei THE WILD HUNT passieren können, aber Regisseur Franchi zeichnet ein detailliertes und authentisches Bild dieses Hobbys, ohne es zu diskreditieren oder zu romantisieren. Er zeigt sowohl die positiven als auch den negativen Aspekten. So sieht man einerseits Spieler, die eine Menge Spaß beim 'Trollball' haben, aber andererseits auch Anachronismen, wie Getränkedosen auf dem Tisch in der Taverne. Die authentische Darstellung gelingt dem Regisseur vor allem, weil er sich eingehend mit diesem Hobby beschäftigt hat und Teile des Films auf dem real existierende LARP Gelände Duché de Bicolline während eines Liverollenspiels gedreht hat. Die Statisten in ihren Kostümen sind also in den meisten Fällen echte Liverollenspieler. Aber letztendlich liefert das Liverollenspiel nur das Szenario für einen außerordentlich spannenden und unterhaltsamen Thriller.
Übrigens ist THE WILD HUNT bisher nur in wenigen Länden auf DVD erschienen und nur in Deutschland auf Blu-Ray. Bild und Ton der Blu-Ray sind vorzeigbar. Zwar macht sich vor allem bei dunklen Szenen die Bildkörnung bemerkbar, was aber nur den Arthouse-Charakter des Films unterstreicht. Die günstige Produktion ist leider auch der Grund warum es bis auf einen Trailer und ein paar Storyboard-Zeichnungen keine Extras gibt. Die deutsche Synchronisation ist leider eher mittelmäßig und gängige LARP-Begriffe wurden größtenteils falsch übersetzt, wer also der englischen Sprache mächtig ist, sollte den Film im Original genießen.
FAZIT: Trotz einiger kaum erwähnenswerte Makel ein beachtliches Debüt, das durch intelligente Handlung und Hochspannung überzeugt! THE WILD HUNT ist sicherlich kein 'Wohlfühl-Film' aber eine glänzende Parabel über die Natur des Menschen. Kaum zu glauben, dass dieser Film in der Produktion weniger gekostet hat, als die meisten 30-Sekunden-Werbespots, die man so im Fernsehen sieht. Ein Film, der sicherlich schon bald kein Geheimtipp mehr sein wird.