Es wird viel veröffentlicht zum Thema Erziehung, Kinderbetreuung, Förderung und Bildung usw. Jeder scheint es besser zu wissen und damit an die Öffentlichkeit zu drängen, und diskutiert wird viel. Dieses Buch leistet einen wesentlichen und wertvollen Beitrag zur Debatte, indem es wissenschaftlich erworbenes Wissen in klarer und verständlicher Sprache darlegt und ideologisch-weltanschauliche Themen unberührt lässt. Dieses Buch will kein Ratgeber sein, sondern empirisch gesicherte Fakten vermitteln. Das gelingt flüssig, anschaulich, unterhaltsam und teilweise sogar richtig spannend bei gleichzeitig hohem inhaltlichen Wert. Damit räumt es (indirekt) mit einigen Fehlannahmen auf und bezieht Stellung. Andererseits maßt es sich nicht an, eine "ultimative Lösung" für alle und alles zu haben. Welche Schlussfolgerungen der Leser nun für sich und seine individuelle Situation aus dem angebotenen Wissen zieht, bleibt dem Leser überlassen. Anregungen finden sich genug.
Im Zentrum der Betrachtung steht immer das Kind und seine Entwicklung. Gerade weil das Kind im Zentrum der Betrachtung steht, werden aber auch die mit dem Kind in Beziehung stehenden Personen und die relevanten Kontexte in den Blick genommen. Dieses Verhältnis ist ausgewogen, was manchem Buch aus der Pädagogik nicht immer so gelingt. Man merkt, dass dieses Buch von einer Entwicklungspsychologin geschrieben ist. Dadurch fällt es sehr positiv aus dem Rahmen.
Geeignet ist dieses Buch für alle, die sich für die Entwicklung von Kleinkindern interessieren (und die mit ihnen zu tun haben sowieso): Eltern, Erzieher, Lehrer, Studenten der Psychologie oder Pädagogik, im Gesundheitssystem Tätige wie Kinder- oder Frauenärzte und Pfleger usw. Wer bezogen auf dieses Buch allein die (natürlich wichtigen und auch ausführlich behandelten) Kontexte Bildung und Betreuung im Vordergrund sieht, greift zu kurz, denn das Buch hat mehr zu bieten als das und ist - wie oben schon erwähnt - kein pädagogisches Buch und auch nicht der tausend-und-zweite Ratgeber zu dem Thema. Aus meiner Sicht volle 5 Sterne!
Hier noch ein Überblick über die Kapitel und in Klammern kurze Angaben dazu, welche Themen und Inhalte sich hinter den Kapitelnamen verbergen:
1. Von Anfang an auf Sozialkontakte eingestellt (Kompetenzen des Säuglings und erste Lernprozesse)
2. Macht und Ohnmacht der Mutterliebe (psycho-physiologische Aspekte der Geburt, erste Mutter-Kind-Interaktionen, Grundlagen zum Thema Bindung)
3. Beziehungen verlässlich gestalten (Bindung im Detail: Messverfahren und Bindungsqualitäten, Ursachen und Folgen der Bindung bzw. der verschiedenen Bindungsmuster, Funktion des Bindungssystems)
4. Wenn der Vater die Mutter ist (Vatertypen, Funktion des Vaters für das Baby/Kleinkind, subjektives Erleben der Vaterschaft, Vater-Mutter-Kind-Dynamik)
5. Vom Ursprung der Kinderbetreuung (historischer Abriss, kulturvergleichende Studien zur Kinderbetreuung, Untersuchung multipler Betreuungssysteme und Frage nach der Existenz einer "natürlichen Sozialisation/ursprünglichen Betreuung", Bedeutung von Unterstützungssystemen)
6. Bindungen an bezahlte Betreuungspersonen? (historisch: von Heimerzieherinnen und Kindermädchen, Erzieherinnen und Tagesmütter der Moderne, Bindungen und Beziehungsqualitäten zwischen Kind und außerfamiliärer Betreuungsperson, Bindungen und Beziehungen im Kontext der Kindergruppe)
7. Aus Fehlern lernen (Erfahrungen aus der Vergangenheit aus Kindertagesstätten, Kinderheimen, Kibbuzim, Ost-West-Vergleich der Kinderbetreuung in Deutschland vor der Wende, Aspekte der Betreuungsqualität)
8. Entwicklungschancen - Entwicklungsrisiken (Risikofaktoren und Bewältigungsstrategien, Erkenntnisse zu den Folgen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung: Ergebnisse der NICHD-Studie)
9. Weg vom Rockzipfel: Was tun gegen Trennungsstress? (Stressmuster bei kleinen Kindern, Stressmuster bei beginnender Tagesbetreuung und Möglichkeiten, dem Stress entgegenzuwirken, Trennungsängste der Mütter)
10. Konfliktfeld Kindergruppe (Peer-Interaktionen und soziales Lernen/Entwicklungen der Kinder im Gruppenkontext, Kommunikation, Entwicklung der Identität, erste Freundschaften)
11. Frühe Bildung auf dem Prüfstand (kindliche Bildungsprozesse, vom Wahn um die Frühförderung (!!!), wie Bindung und Bildung zusammengehen, Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft erhalten)
12. Wenn private Betreuung öffentlich wird (Strukturen der Lebenswirklichkeit [Bronfenbrenners Umweltmodell], Güte der Anpassung im Sozialisationsprozess, Ausbalancieren von geteilter Betreuung (daheim und außerfamiliär), Risiken, wenn die Familie nicht funktioniert, Erziehung und Betreuung als gemeinsame Aufgabe: Elternarbeit und Erziehungspartnerschaft)