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Die beiden besten Kapitel sind den Themen der Verfeindung und des Weltfriedens gewidmet. Globalisierung -- freilich ohne den Begriff zu nennen und dem Inhalt nach mit dem Akzent auf weltbürgerliche Demokratisierung -- war ja auch für Kant der Wurzelgrund der Weltfriedenshoffnung. Eine Hoffnung, die bis heute ebenso unerfüllt wie theoretisch unüberholt geblieben ist. In der permanenten gegenseitigen Überbietung im politischen Realismus ist Kants Friedensutopie ein wenig aus der Mode gekommen. Zu Unrecht. Ihr redet Safranski mit seinem Buch ebenso ermutigend das Wort wie er zeigt, dass man sich nichts vergibt, wenn man sich ohne Scheu und falsche Bescheidenheit immer wieder an die großen Fragen wagt. Im Gegenteil. Von uns erntet Safranski dafür großes Lob! --Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Rüdiger Safranski, Biograph E. T. A. Hoffmanns, Arthur Schopenhauers, Friedrich Nietzsches, Martin Heideggers sowie des Bösen, fragt in einem soeben erschienenen Essay: «Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?» Die Antwort, die sein Versuch gibt, sich schreibend Platz zu schaffen in einer entgrenzten, aber eben darum enger werdenden Welt, liesse sich knapp resümieren: zu wenig. Das ist selbstredend zu knapp zusammengefasst. Genauer lautet die Antwort, die sich dem Büchlein entnehmen lässt: Der Mensch verträgt nur so viel Globalisierung, wie seine Lokalisierung auszubalancieren vermag. «Der» Mensch: Safranski fragt und antwortet «anthropologisch». Das verführt bisweilen zu falscher Schlichtheit. Etwa wenn er schreibt, es gelte «nämlich der Grundsatz: Je mehr emotional gesättigte Ortsbindung, desto grösser die Fähigkeit und Bereitschaft zur Weltoffenheit.» Wäre es so einfach, gäbe es keine sogenannten Regionalkonflikte und manches andere Garstige auch nicht.
Aber so simpel meint Safranski es gar nicht; und so simpel sagt er es auch nur selten. Wie aber meint er es dann? Er meint es gut, das ist gewiss und ganz unverächtlich. Anders als bei Peter Sloterdijk, mit dem Safranski nicht nur die gastgebende Hälfte des «Philosophischen Quartetts» im Zweiten Deutschen Fernsehen bildet, sondern auch sonst Gedanken austauscht, anders als bei Sloterdijk also darf der Leser sich bei Safranski stets sicher sein, dass er nicht auf doppelten Boden geführt wird, wo sich unversehens eine Falltür öffnen könnte. Selbst da, wo Safranski «Verfeindungsgeschichten» erzählt, um vor Augen zu führen, wieso es kein harmonisches Weltganzes je geben werde weil Menschen stets auch anders als andere Menschen sein wollen , selbst dort, wo er (Anleihen bei Carl Schmitt machend) über den Feind schreibt, er sei «dein Abgrund als Gestalt», selbst an einer solchen Stelle geht keine Falltür auf. Auch in der plausiblen Kritik des «Globalismus» als einer herrschenden Ideologie, einer Grosstheorie, die es nicht nur in affirmativer, sondern auch in kritischer Ausfertigung gebe, achtet der Autor auf Augenmass. Um das rechte Mass ist er im Ganzen seines Gedankengangs bemüht. Näherhin um das Mass, das der Mensch auch in einer Welt finden können müsse, in der die «zweite», die selbst geschaffene, künstliche Natur ihn umgibt wie der Wald den, der sich in ihm verirrt.
An Henry David Thoreau erinnernd, schreibt Safranski: «Früher waren die Wälder das Symbol des Geheimnisvollen, Schicksalhaften und Ungeheuren einer Welt, die noch etwas ganz anderes war als man selbst. Aus diesen Wäldern ist das Dickicht von menschlichen Angelegenheiten und Symbolen geworden. Und deshalb nähern wir uns der Epoche der globalen Platzangst.» Es bedarf, so die Schlussfolgerung, neuer «Lichtungen» zu schlagen in die zweite, die künstliche Natur. Eine Lichtung sei jener Raum, den der Einzelne brauche, «um Individuum zu sein». So anverwandelt Safranski sich nicht nur Heidegger auf vermeintlich gefahrlose Weise, er dreht sich auch aus der Perspektive dessen heraus, was man unter Globalisierung in historisch-politischem Sinne verstehen könnte. In den Blick rückt nun der Mensch, sofern er Individuum ist; und mit ihm die Kunst, im Falschen doch irgendwie richtig zu leben. Die Prinzipien solcher Lebenskunst, die angedeutet werden, sind freilich wesentlich negativ, um nicht zu sagen quietistisch: Abschied nehmen von der Illusion, es gebe eine «Kommandohöhe», von der aus sich Geschichte und Lebensgeschichte steuern liessen; der «globalistischen Hysterie» und kommunikativen Aufgeregtheit ein Schnippchen schlagen durch Verlangsamung, Abschalten: Wer sein Leben als «eigenes» gestalten wolle, müsse «den Punkt kennen, wo er aufhört, sich formatieren und in-formieren zu lassen». Als Daseinsform zeichnet sich das «Unerreichbar-Sein» ab.
Nichts gegen Gemächlichkeit und die Wiederverwurzelung der Existenz. Worin aber unterschiede sich solch eine Lebenslage von der «liberalen Gemütlichkeit», die der Essay zu Beginn en passant aufspiesst, weil sie in den zynischen Indifferentismus eines «Fremde Länder, fremde Sitten» umkippe? Vertrauenerweckender wird die Phantasie auch dadurch nicht, dass der Autor ihr am Ende eine recht eigentlich ungemütliche Wendung gibt. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was es heissen könnte, dass die «Weltzeit» die individuelle «Lebenszeit» nicht mehr verschlinge, dass vielmehr «der grössere Kreis im kleinen der eigenen Lebenszeit» Platz finde, liest Rüdiger Safranski bei Johann Peter Hebel nach, in dessen wundersamer Geschichte «Unverhofftes Wiedersehen». Ein junges Brautpaar in Schweden; der Bräutigam, ein Bergmann, fährt vor dem Hochzeitstag noch einmal in den Berg, kommt aber nicht wieder.
Fünfzig Jahre wartet die Braut. «Unterdessen», heisst es bei Hebel, «wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben . . . Napoleon eroberte Preussen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säten und schnitten . . .» Während all dies und noch mehr geschah, wartete also die Braut; und nach fünfzig Jahren findet man, im Vitriolwasser, den unverwesten Leichnam ihres Bräutigams. Safranski spinnt den Faden fort: «Weltgeschichte, die in die Lebensgeschichte eingefügt ist, zwischen zwei Gedankenstrichen, locker verknüpft durch dieses unnachahmliche unterdessen. So wünschte ich mir, dass man auch die Globalisierung auf Abstand halten könnte, zwischen zwei Gedankenstrichen, nur locker mit dem eigenen Leben verknüpft durch ein unterdessen.» Wodurch nun hält man sich die Globalisierung vom Leibe? Dadurch, dass man die Geschichte einer unvergänglichen Liebe erzählt? Oder dadurch, dass man durch den Tod hindurch dem Geliebten treu bleibt? Oder dadurch, dass man beizeiten in die Grube fährt und im Vitriolwasser überdauert?
Uwe Justus Wenzel -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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